Pracht und Prestige
Hochhäuser entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts, als die Zahl der Menschen in den Städten der USA rapide wuchs. Wolkenkratzer ab 150 Meter sind jedoch unrentabel - ihre Funktion ist in der Symbolik begründet.Mit ihren Bauten streben die Menschen schon lange nach Höherem: der Turmbau zu Babel. (Gemälde von Pieter Brueghel d. Ä., 1563)
Unerreichbares möglich machen
Skyscraper nennt man in den USA seit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts Gebäude, die über einhundertfünfzig Meter hoch sind. Als weithin sichtbare Bauwerke sind Wolkenkratzer Metapher für vieles: für Macht, Stolz, Globalisierung, Wettbewerb und Wachstum; in erster Linie aber für Fortschritt und für die Faszination, Unerreichbares möglich zu machen. Heute sichern hunderte Tonnen schwere Stahlkugeln die Wolkenkratzer gegen Stürme. Dabei gleicht das Gewicht der im Turm hängenden Kugel vom Wind erzeugte Schwankungen aus.
Andere Dimensionen
Den Traum vom Hochhaus ließen zwei technische Innovationen um die Mitte des 19. Jahrhunderts wahr werden. Eine davon war der hydraulische Personenaufzug mit Sicherheitssystem von Elisha Graves Otis in den 1850er Jahren. Fortan lösten Fahrstühle Treppen ab und Mieter mussten für höher liegende Etagen erstmals mehr zahlen als für weiter unten gelegene. In andere Dimensionen aber, sprich über das zehnte Stockwerk hinaus, stieß man 1885, als Eisen- und Stahlskelettkonstruktionen die Massivbauweise ablösten. Das erste auf Stahlgerüsten basierende Hochhaus war das Chicagoer Home Insurance Building, das fünfundfünfzig Meter maß.
Die Skyline von Chicago: ähnlich imposant wie die des Konkurrenten New York.
Rasanter Einwohnerzuwachs, der Anstieg der Grundstückspreise und eine immer dichtere Bebauung von Innenstadtflächen machten den Hochhausbau in den Metropolen Amerikas unumgänglich. Die Wette um das höchste Gebäude beschränkte sich dabei lange Zeit auf die Geburtsstädte der Wolkenkratzer: Chicago und New York. Seit knapp 25 Jahren aber schießen im Zuge der Globalisierung Hochhäuser auf der ganzen Welt aus dem Boden. Eine Ursache ist Landflucht: So werden dem World Urban Forum zufolge bis zum Jahr 2050 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben.
Globalisierte Architektur
Nirgendwo ist eine derartige Zunahme an Wolkenkratzern zu beobachten wie im asiatischen Raum. Historisch gewachsene Zentren gibt es kaum, Abrissbirnen sind allgegenwärtig, ganze Stadtviertel entstehen und Armut kontrastiert beinahe überall mit prahlerischem Reichtum. Dabei sind die Hochhäuser der Superlative Metaphern für eine verheißungsvolle, aber auch für eine westlich geprägte Zukunft.
Denn oft stammen die prestigeträchtigen Entwürfe aus großen amerikanischen Architekturbüros wie Skidmore, Owings and Merrill (SOM) oder Kohn Pedersen Fox. Trotz aller Versuche, asiatische Symbolik in die Gebäude einzubringen, ist das Resultat meist eine globalisierte Architektur. Das zeigen beispielsweise die Petronas Towers mit ihren islamischen Arabesken in Kuala Lumpur oder der an eine chinesische Pagode erinnernde Jin-Mao-Turm in Shanghai.
Stadtkrone: Kirchturmspitze
In Europa hingegen ist man dem Vorbild Amerika und der weltweiten Urbanisierung gegenüber weit weniger aufgeschlossen. Traditionelle Stadtkerne sind über Jahrhunderte gewachsen und die Stadtkrone bildet meist die Kirchturmspitze. Wolkenkratzer aber gelten als Solitäre, die das Stadtbild zerstören. Hinzu kommt, dass die Einwohnerzahlen vielerorts zurückgehen und Hochhäuser entbehrlicher sind als anderswo. Die hoch aufragenden Skylines von Frankfurt am Main, London, oder die vielen im Bau befindlichen Wolkenkratzer Moskaus, deuten jedoch daraufhin, dass sich der "alte Kontinent" dem Wettbewerb der Städte keineswegs gänzlich verschließt.
Provokante Symbolik
Auch die Machtsymbolik der Wolkenkratzer provozierte die Anschläge vom 11. September 2001. Skepsis stand dem Bau weiterer Türme ob dieser gezielten Angriffe jedoch nur kurze Zeit entgegen. Der symbolträchtige Ersatzbau auf Ground Zero - der Freedom Tower von Daniel Liebeskind, der mit Blick auf das Gründungsdatum der Vereinigten Staaten 1.776 Fuß, also knapp 541 Meter, messen soll - gibt die Richtung vor. In Dubai entsteht mit dem mindestens 700 Meter hohen Burj Dubai der größte Wolkenkratzer der Welt. Die exakt zu erreichende Höhe ist streng geheim und angeblich flexibel nach oben erweiterbar.
Das Prestige zählt
Es scheint beinahe so, als könne der Mensch irgendwann in die Nähe des bereits 1956 geplanten 1609 Meter hohen Mile High Tower von Frank Lloyd Wright vorstoßen. Beinahe hellseherisch prophezeite der Stararchitekt damals: "Niemand kann sich leisten, es jetzt zu bauen, doch in Zukunft kann sich niemand leisten, es nicht zu bauen." Auch heute allerdings rechnen sich die Energieverschwender ab einer Höhe von 150 Metern nur selten. Gebaut wird dennoch - es zählt allein das Prestige. Dafür fordern die Bauherren die Umwelt heraus und trotzen Wind und Wetter. Gefahren, wie Stürme und Erdbeben, den Problemen von Klimatechnik, Energie- und Wasserversorgung begegnet man forsch. Meist siegen Emotionen über die Vernunft.
Björn Radermacher (09.02.2007)
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Geschichte der Wolkenkratzer
Der erste Wolkenkratzer war das 186 Meter hohe 1908 in New York fertig gestellte Singer Building. Fast das gesamte Zwanzigste Jahrhundert über spielte sich der Wettstreit um den höchsten Turm zwischen Chicago und New York ab.
Der Sieger kam meist aus dem Big Apple: 1909 entstand hier der Metropolitan Life Tower mit 213 Metern, 1913 das Woolworth Building mit 241 Metern. Das Chrysler Building übertraf 1930 mit 319 Metern als erstes Gebäude die 300-Meter-Grenze. Nur ein Jahr später überflügelte das 381 Meter zählende Empire State Building alles zuvor da gewesene.
Erst nach 41 Jahren wurde diese Marge von dem größeren der beiden Zwillingstürme des World Trade Centers mit 417 Metern überboten. Doch schon 1974 übernahm der Sears Tower in Chicago mit 442 Metern den Titel des welthöchsten Gebäudes. Seit gut zehn Jahren ist die Höhenjagd neu entfacht.
Erstmals führen die Wolkenkratzer Asiens die Rekordliste an. Die 1997 eingeweihten Petronas Towers in Kuala Lumpur (Malaysia) liegen mittlerweile nur noch auf Platz Zwei. Denn seit 2004 ist das Taipei 101 in der taiwanesischen Hauptstadt mit 508 Metern der höchste Wolkenkratzer der Welt.
Der erste Wolkenkratzer war das 186 Meter hohe 1908 in New York fertig gestellte Singer Building. Fast das gesamte Zwanzigste Jahrhundert über spielte sich der Wettstreit um den höchsten Turm zwischen Chicago und New York ab.
Der Sieger kam meist aus dem Big Apple: 1909 entstand hier der Metropolitan Life Tower mit 213 Metern, 1913 das Woolworth Building mit 241 Metern. Das Chrysler Building übertraf 1930 mit 319 Metern als erstes Gebäude die 300-Meter-Grenze. Nur ein Jahr später überflügelte das 381 Meter zählende Empire State Building alles zuvor da gewesene.
Erst nach 41 Jahren wurde diese Marge von dem größeren der beiden Zwillingstürme des World Trade Centers mit 417 Metern überboten. Doch schon 1974 übernahm der Sears Tower in Chicago mit 442 Metern den Titel des welthöchsten Gebäudes. Seit gut zehn Jahren ist die Höhenjagd neu entfacht.
Erstmals führen die Wolkenkratzer Asiens die Rekordliste an. Die 1997 eingeweihten Petronas Towers in Kuala Lumpur (Malaysia) liegen mittlerweile nur noch auf Platz Zwei. Denn seit 2004 ist das Taipei 101 in der taiwanesischen Hauptstadt mit 508 Metern der höchste Wolkenkratzer der Welt.



