Die tollen Tage
Ursprünglich bezeichnete der Karneval den Abend vor der beginnenden vorösterlichen Fastenzeit. Erst im Mittelalter wurde das Fest auf mehrere Tage gesteigerten Frohsinns und Genusses ausgedehnt.Diese Briefmarke zeigt einen Harlekin beim Narrensprung, dem traditionellen Umzug der schwäbisch-alemannischen Fastnacht.
Absolute Enthaltsamkeit
Die Ablehnung des Karnevals durch die Protestanten ist nicht ganz unverständlich, kennt ihr Glauben doch, im Unterschied zum Katholizismus, keine Fastenzeit. Und wer nicht fastet, braucht auch keine Fastnacht! Dem närrischen Treiben fehlte somit das Motiv: Zur Fastenzeit - vierzig lange Tage von Aschermittwoch bis Ostersonntag - war es strengstens verboten, Fleisch oder andere tierische Produkte, wie Milch, Butter, Käse und Schmalz, zu essen. Zudem war absolute sexuelle Enthaltsamkeit geboten.
Narrenfeste und Gelage
Die bevorstehende Durststrecke veranlasste die Menschen dazu, die Zeit davor ausgiebig zu genießen. Das schon geschlachtete Fleisch und alles Tierische, Verderbliche musste in großen Mengen verzehrt werden, häufig bei größeren Gelagen und Tanzveranstaltungen. Der gesteigerte Lebensgenuss solcher Tage ließ die Menschen die sechs kargen Wochen der Fastenzeit leichter ertragen. Aus diesem Grund billigte die katholische Kirche eine kurze Zeit der Ausschweifungen - wenn auch zähneknirschend. Aber ab der Mitte des 16. Jahrhunderts hatten es die Narren sogar in den katholischen Gebieten schwer: Seit dem 12. Jahrhundert feierten sie in den Kirchen ausgelassene Narrenfeste, deren Höhepunkt die Auflösung von Standesunterschieden war.
Pseudopapst und Spottgedichte
Sie wählten einen eigenen Narrenbischof oder -papst, parodierten kirchliche Rituale und veranstalteten gotteslästerliche Feiern. Später verlagerte sich das Geschehen aus den Kirchen in die Städte, deren Bewohner nun an den Festen teilnahmen. Prozessionen, Musik und das Aufsagen von Spottgedichten gehören seitdem als feste Bestandteile zum Karneval. Doch die Satiren wurden immer deftiger, und so mühte sich die Geistlichkeit, das närrische Treiben in Grenzen zu halten. Dazu kam eine theologische Neubewertung der Fastnachtszeit: Während die Fastenzeit mit der civitas dei, dem Gottesstaat, gleichgesetzt wurde, interpretierte man die Fastnacht als civitas diaboli, als Teufelsstaat.
Keine Fastnacht ohne Masken. Solche von Hand geschnitzten Hexenmasken sind für Süddeutschland typisch.
Damit veränderte sich das Gesicht des Karnevals. Denn statt einer eher beliebigen Kostümierung prägten nun dämonische Figuren mit Teufelsmasken und wilden Fratzen den Karneval. Er war jetzt - aus Sicht der Kirche - Sinnbild einer verkehrten, gottlosen Welt. Doch auch gezügeltere Formen der Fastnachtsfeier waren üblich, zum Beispiel Schau- und Vorführbräuche der Handwerkszünfte oder Fastnachtsspiele auf städtischen Plätzen. An den Fürstenhöfen erlebten die beliebten Maskeraden eine neue Blüte in den Kostümfesten des Spätbarock und Rokoko und beeinflussten immer stärker die bürgerliche Fastnacht der Städte.
Organisiertes Chaos
Doch Anfang des 19. Jahrhundert schien der Karneval am Ende: Er bestand fast nur noch aus Saufereien bis zur Besinnungslosigkeit, Prügeleien und verkommenen Bräuchen. Erst das gehobene Bildungsbürgertum bewahrte den alten Brauch - im Zuge einer zunehmend romantischen Verklärung der Vergangenheit - vor dem Untergang. Im Jahr 1823, die Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen war gerade erst beendet, begründete die Kölner Bürgerschaft eine neue Tradition des rheinischen Karnevals: mit Rosenmontagszug, Dreigestirn, Büttenreden und Funkengarde. Diese Zeit war prägend für den heutigen deutschen Karneval.
Eine außer-ordentliche Zeit
Auch andernorts setzte sich solche Tradition in ähnlicher Form fort: Karnevalsvereine wurden in fast jeder Stadt gegründet und Fastnachtsprinzen und ihre Prinzessinnen herrschten und herrschen alljährlich über ihre Narrenreiche. Noch heute wird ihnen für die Zeit der tollen Tage symbolisch der Schlüssel zum Rathaus der Stadt übergeben. Dieses Ritual ist eines der wichtigsten Merkmale des Karneval - die Zeit, in der die gewohnte Ordnung außer Kraft gesetzt ist. Zumindest bis Aschermittwoch, dann ist alles vorbei.
Ulrike Wolf (aktualisiert 20.01.2010)
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Karneval weltweit
Europas wohl bekanntester Karneval wird in Venedig gefeiert. Im Vergleich zum Karneval anderer Städte gibt es hier keinen Umzug - seinen Reiz bezieht das Fest aus der fantasievollen Maskierung der Beteiligten. Damit karikieren sie lokale Eigentümlichkeiten der Städte und Provinzen Italiens. Seinen Höhepunkt erfuhr der venezianische Karneval im 17. Jahrhundert durch immer kunstvollere Kostüme. Mit der französischen Invasion Ende des 18. Jahrhunderts kam jedoch schon sein Ende. Erst um 1980 wurden die alten Bräuche von Tourismusverbänden wieder entdeckt.
Der Karneval in Rio de Janeiro hat zwei Gesichter. Zum einen das der Parade im Sambadrome. Zwischen dreitausend und sechstausend Tänzer der vierzehn größten Sambaschulen nehmen am Umzug teil. Jede Schule wird von einer Jury nach strengen Regeln beurteilt. Das zweite Gesicht ist der Carnaval de rua - der Straßenkarneval. Er repräsentiert das Rio der Einheimischen, der Carioca: aus dem Nichts zaubern sie bunte Kostüme und tanzen zur Musik der Sambagruppen ihrer Viertel.
Der ausgelassenste Karneval in Nordamerika ist der Mardi Gras in New Orleans. Im French Quarter tobt die wildeste Party Amerikas. Dixielandbands begleiten gleich mehrere Umzüge durch die Straßen der Stadt. Hin und wieder werfen die "Jecken" statt der üblichen Kamellen geprägte Dublonen in die Menge, die begehrte Sammlerstücke sind.
Europas wohl bekanntester Karneval wird in Venedig gefeiert. Im Vergleich zum Karneval anderer Städte gibt es hier keinen Umzug - seinen Reiz bezieht das Fest aus der fantasievollen Maskierung der Beteiligten. Damit karikieren sie lokale Eigentümlichkeiten der Städte und Provinzen Italiens. Seinen Höhepunkt erfuhr der venezianische Karneval im 17. Jahrhundert durch immer kunstvollere Kostüme. Mit der französischen Invasion Ende des 18. Jahrhunderts kam jedoch schon sein Ende. Erst um 1980 wurden die alten Bräuche von Tourismusverbänden wieder entdeckt.
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