Totenmaske des Komponisten Händel (1685 bis 1759).
Stumme Darsteller
Wenn der Mensch gelernt hat, soziale Masken zu gebrauchen, dann benutzt er sie auch. Außer vielleicht am Ende seines Lebens - im Sterben. Es heißt, während gewisser Momente kurz nach dem Tod stelle sich das ganze vergangene Leben offen in den Gesichtszügen dar: Sie wirken schön und gelöst. Und genau diese Momente, jener unverfälschte Ausdruck des Gesichts, bekommen es wieder mit einer Maske zu tun: Das Gesicht des Verstorbenen per Abdruck zu fixieren ist Jahrtausende alte Tradition.Lessings Totenmaske
Schon im Sibirien der Jungsteinzeit soll es den Brauch der Totenmasken gegeben haben. In Europa wird er spätestens seit der Bronzezeit praktiziert. In Deutschland hatte diese Sitte ihren Höhepunkt zur Zeit der Klassik, mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, in der Epoche der Dichter und Denker. Bis dahin war die Ehre des verewigten Gesichts Caesaren, Kaisern und Königen vorbehalten. 1781 wurde dem Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing, als erstem Bürgerlichen überhaupt, eine Totenmaske abgenommen.
Totenmaske Friedrichs II., am 17. August 1786 von Johann Eckstein abgenommen.
Portraitmaler Tod
Ihm folgten viele nach: Beethoven, Wagner, Nietzsche, Hegel. Unter den großen Dichtern dieser Periode ist es wohl nur Goethe, von dem eine solche Maske nicht existiert. Der Meister hatte sich strikt dagegen verwahrt, meinte, dass der Tod "kein guter Portraitmaler" sei. Weil er der Nachwelt ein Bild seiner Person zu erhalten strebte, bei dem Gevatter Tod nicht die Hand im Spiele hat, ließ Goethe lieber zu Lebzeiten die mühsame Prozedur über sich ergehen.
Unbestechliches Zeugnis
Nun gehören Totenmasken zum Letzten, das vom Menschen auf Erden bleibt. Sie sind Stellvertreter des Menschen nach seinem Tod, Darsteller dessen, der abwesend ist. Ihr Zeugnis ist unbestechlich, authentisch, kein Spielraum subjektiver Deutung steht zwischen Abbild und vergehendem Gesicht. Enormen Wert messen ihr also, wenn es um Berühmtheiten geht, die Nachgeborenen zu: Rousseaus Totenmaske etwa, ehrfurchtsvoll in der Schweiz aufbewahrt, darf das Territorium des Landes niemals verlassen...
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Infobox
Reichlich kurios ist die Funktion höfischer Totenmasken im Frankreich des 14. bis 17. Jahrhunderts. Hier wurde aus Totenmaske, abgeformten Händen und einem Körper aus Stroh eine Puppe gebaut - die effigies. Die saß dann an Stelle des toten Königs auf dem Thron, und zwar bis zur Beerdigung. Erst danach wurde der neue Monarch gekrönt. War der König an einem Ort weit weg von Paris gestorben, konnten bis zur Grablegung Wochen vergehen. Weil aber der Thron nicht leer sein durfte - schließlich hätte das Land dann kein Oberhaupt gehabt -, musste die Puppe als König fungieren, gespenstisch um sie herum das vollständige Hofzeremoniell. Die Puppe ersetzte den König wirklich, sie sah ihm zum Verwechseln ähnlich. Immerhin war es für die Menschen der damaligen Zeit ausgemacht, dass jeder König zwei Körper hat: einen, der geboren wird und stirbt und einen zweiten, der unsterblich ist. Dieser zweite war der Staatskörper, die Institution König gewissermaßen. Als Wachspuppe blieb diese Institution auch über den physischen Tod des Königs hinaus erhalten - so lange, bis ein neuer Monarch den Platz wieder körperlich ausfüllen konnte.



