Für Menschen sehen
Für Blinde und Sehgeschädigte sind Hunde eine große Erleichterung im Alltag. Welche Fähigkeiten der Hund dafür besitzen muss, hat unsere Webautorin im Gespräch mit dem Besitzer eines Führhundes erfahren.Aras, der Schäferhund von Bernd Röthig: geduldig wartet der Blindenführhund, bis sein Herrchen Feierabend hat. (Foto: ys)
Geduldig wartet der fünfjährige Schäferhund in der Kaffeeküche, bis der letzte Patient gegangen ist. Erst dann geht es zu Fuß nach Hause. Feierabend, wie sein Herrchen, hat Aras aber noch lange nicht, denn Aras ist kein gewöhnlicher Hund: Aras ist ein Blindenführhund.
Nicht selbstverständlich
Dreieinhalb Jahre sind Aras und Bernd Röthig, der mit zwölf Jahren sein Augenlicht verlor, nun schon ein Team - ein Team, das so selbstverständlich nicht ist, ist doch die Zahl blinder Menschen, die auf tierische Hilfe vertrauen, überschaubar: Nur ein bis zwei Prozent der etwa 1,2 Millionen Blinden und Sehgeschädigten in Deutschland besitzen einen Führhund. Dabei können Hunde in Situationen, wo Langstock und andere Hilfsmittel versagen, von großem Vorteil sein.
Intelligenter Ungehorsam
Bernd Röthig nutzt diese Vorteile für die Bewältigung seines Alltages schon lange, sei es nun auf dem täglichen Arbeitsweg oder bei seinen regelmäßigen Reisen nach Berlin. So sucht Aras auf Kommando nicht nur Türen, Treppen, Zebrastreifen, Briefkästen, Lifte und freie Sitzplätze. Aras ist auch darauf trainiert, Hindernisse wie parkende Autos, Bordsteine, Straßenschilder, Pfützen, Schlaglöcher oder herabhängende Äste anzuzeigen beziehungsweise zu umgehen. Geradezu unabdingbar ist zudem Aras' Scharfsinn, bei drohenden Gefahren, etwa offenen Baugruben, das Kommando zu verweigern und den Weg zu versperren - eine Eigenschaft, die im Fachjargon als Intelligenter Ungehorsam bezeichnet wird.
Pilot und Navigator
Ein Alleskönner sei Aras trotzdem nicht, schränkt Röthig die Fähigkeiten seines Hundes ein. "Der Hund nimmt mir nicht die Orientierung ab. Den Weg muss ich schon selber kennen." Bei unbekannten Strecken informiert sich der 43-Jährige daher vorher, wie er laufen muss. Während der Hundeführer als Navigator fungiert, übernimmt der Hund die Rolle des Piloten.
Natürlich könne es mal passieren, dass man in eine Pfütze tritt oder irgendwo aneckt, meint der Leipziger gelassen, denn auch Aras habe gute und schlechte Tage. "Man darf dem Hund nicht die komplette Verantwortung übertragen", sagt Röthig. "Immerhin ist das eine Partnerschaft, die auf Gegenseitigkeit beruht."
Rente mit 12
Dass die Partnerschaft auf Dauer sein würde, hat der Leipziger schnell gemerkt: ein kurzer Spaziergang mit Aras, der gerade seine Ausbildung in einer Blindenführhundschule beendet hatte, und die Entscheidung war gefallen. Es war keineswegs eine vorschnelle Entscheidung, hatte Röthig doch nicht nur als langjähriger Qualitäts- und Leistungsprüfer von Führhunden bereits genügend Erfahrungen sammeln können, sondern auch als privater Hundehalter. Als Röthigs erster Hund Laika wegen altersbedingten See- und Hörproblemen mit zwölf Jahren in Rente gehen musste, wie der Physiotherapeut augenzwinkernd erklärt, trat nun Aras in die Fußstapfen seiner Vorgängerin.
Blindenampel: sie zu finden, zählt zu den Aufgaben des Führhundes. (Foto: ys)
Trotz aller Erfahrungen bedeutete ein neuer Hund eine Umstellung für Röthig: Laika habe sich beispielsweise schneller in unbekannten Gegenden orientieren können, während Aras etwas unflexibel und unkreativ sei. "Ich nenne ihn immer den Beamten: Dienst nach Vorschrift", schmunzelt Röthig.
"Dafür führt Aras deutlich sauberer." Dennoch scheut der Leipziger Vergleiche, haben Hunde doch ebenso wie Menschen unterschiedliche Charaktere. Was beide auszeichnet: Aras ist ebenso belastbar wie es Laika war. "Der führt bis zum Umfallen und auch Laika ist gelaufen wie eine Maschine", meint Röthig.
Ruhestand im Kreis der Familie
Einen 24-Stunden-Job müssen Führhunde allerdings nicht absolvieren. Sobald das Geschirr ab ist, hat der Hund frei. Verschnaufpausen und Freizeitstunden sind zwingend notwendig, müssen Führhunde im Dienst doch hochkonzentriert sein. Nicht einmal an einem Baum dürfen sie dann schnüffeln, geschweige denn, sich von anderen Hunden ablenken lassen.
Die oft anzutreffende Meinung, Führhunde hätten wegen ihrer anstrengenden Arbeit ein durchschnittlich kürzeres Leben als ihre Artgenossen, ist falsch. Laika wurde 15 Jahre alt. Erst im Mai dieses Jahres ist sie gestorben, nachdem sie ihren verdienten Ruhestand im Kreis von Bernd Röthigs Familie genossen hat.
Im Dienst: Blindenführhunde laufen im Geschirr - und nicht an der Leine. Das erleichtert die Navigation.
Obwohl eine enge emotionale Bindung zwischen Hund und Halter bei solch langer Partnerschaft dazugehört, hat sich Röthig eine objektive Haltung erarbeitet. "Für mich ist und bleibt der Hund ein Hund", betont der Physiotherapeut. "Ich neige nicht dazu, den Hund zu vermenschlichen."
Bindung und Distanz müssten sich die Waage halten, schließlich sei der Hund nicht nur ein Partner, sondern eben auch ein Hilfsmittel. Und auf dieses Hilfsmittel will Bernd Röthig nicht verzichten, denn mit dem Langstock zu laufen sei wesentlich belastender für ihn. "Man muss sich umstellen, langsamer gehen und die Umgebung besser erfassen."
Mobilität und Sicherheit
Ein Führhund hingegen ermögliche ein hohes Maß an individueller Mobilität, Unabhängigkeit, ein schnelleres Vorwärtskommen sowie mehr Sicherheit - entscheidende Faktoren für die gesellschaftliche Integration von Blinden. Vor allem aber weiß Bernd Röthig die Anwesenheit Aras' in brenzligen Situationen zu schätzen: "Gerade wenn es eng wird, ist es beruhigend zu wissen, nicht allein auf der Straße zu sein."
Yvonne Schmidt (12.09.2008)
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Infobox
Hund auf Rezept
Blinde und Sehgeschädigte, die einen Blindenführhund möchten, benötigen ein Rezept vom Arzt. Mit dem "Rezept" und einem Kostenvoranschlag, den man bei einer der ungefähr neunzig Blindenführhundschulen in Deutschland erhält, wenden sich Interessierte anschließend an die Krankenkasse.
Kann der Blinde oder Sehgeschädigte in einem Mobilitätstraining nachweisen, dass er in der Lage ist, sich auch allein zu orientieren und im Notfall regulierend einzugreifen, übernehmen Krankenkassen die Kosten von bis zu 25.000 Euro. Ist eine Blindenführhundschule gefunden und hat der dortige Trainer einen geeigneten Hund herausgesucht, folgt eine gemeinsame Einarbeitungszeit von vierzehn Tagen.
Nach der Einarbeitungszeit absolvieren Hund und Halter eine Gespannprüfung, die aus einem Übungslauf mit allen relevanten Kommandos besteht. Bei nicht bestandener Prüfung ist eine Nachschulung zwingend notwendig, denn ein schlecht ausgebildeter Hund kann für den Halter durchaus Lebensgefahr bedeuten.
Blinde und Sehgeschädigte, die einen Blindenführhund möchten, benötigen ein Rezept vom Arzt. Mit dem "Rezept" und einem Kostenvoranschlag, den man bei einer der ungefähr neunzig Blindenführhundschulen in Deutschland erhält, wenden sich Interessierte anschließend an die Krankenkasse.
Kann der Blinde oder Sehgeschädigte in einem Mobilitätstraining nachweisen, dass er in der Lage ist, sich auch allein zu orientieren und im Notfall regulierend einzugreifen, übernehmen Krankenkassen die Kosten von bis zu 25.000 Euro. Ist eine Blindenführhundschule gefunden und hat der dortige Trainer einen geeigneten Hund herausgesucht, folgt eine gemeinsame Einarbeitungszeit von vierzehn Tagen.
Nach der Einarbeitungszeit absolvieren Hund und Halter eine Gespannprüfung, die aus einem Übungslauf mit allen relevanten Kommandos besteht. Bei nicht bestandener Prüfung ist eine Nachschulung zwingend notwendig, denn ein schlecht ausgebildeter Hund kann für den Halter durchaus Lebensgefahr bedeuten.
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Friedfertig, intelligent, nervenstark
Zur Ausbildung zum Blindenführhund eignen sich ausschließlich Rassen mit einem friedfertigen, intelligenten, nervenstarken und belastbaren Wesen, wie Schäferhunde, Labradore, Golden Retriever oder Königspudel.
In ihren ersten Lebensmonaten werden geeignete Jungtiere von speziell ausgesuchten Patenfamilien sozialisiert und immer wieder mit den unterschiedlichsten Situationen und Ereignissen konfrontiert, um sie auf Nervenfestigkeit, Ängstlichkeit, Aggressionsverhalten, Jagdtrieb und auf Wohlverhalten im Umgang mit Menschen zu testen.
Die eigentliche Ausbildung zum Führhund beginnt in der Regel im Alter von sechs bis acht Monaten. Mithilfe verschiedener Methoden des Verhaltenstrainings lernen die Tiere in der etwa einjährigen Ausbildung zwischen dreißig und vierzig Kommandos, beispielsweise "Such Ampel", "kehrt", "links", "rechts" oder "Überquere Straße".
Bei entsprechendem Training können Führhunde sogar bis zu vierhundert Befehle beherrschen. Damit Führhunde nicht vergessen, was sie gelernt haben, müssen ihre Besitzer die Befehle und Kommandos regelmäßig trainieren.
Zur Ausbildung zum Blindenführhund eignen sich ausschließlich Rassen mit einem friedfertigen, intelligenten, nervenstarken und belastbaren Wesen, wie Schäferhunde, Labradore, Golden Retriever oder Königspudel.
In ihren ersten Lebensmonaten werden geeignete Jungtiere von speziell ausgesuchten Patenfamilien sozialisiert und immer wieder mit den unterschiedlichsten Situationen und Ereignissen konfrontiert, um sie auf Nervenfestigkeit, Ängstlichkeit, Aggressionsverhalten, Jagdtrieb und auf Wohlverhalten im Umgang mit Menschen zu testen.
Die eigentliche Ausbildung zum Führhund beginnt in der Regel im Alter von sechs bis acht Monaten. Mithilfe verschiedener Methoden des Verhaltenstrainings lernen die Tiere in der etwa einjährigen Ausbildung zwischen dreißig und vierzig Kommandos, beispielsweise "Such Ampel", "kehrt", "links", "rechts" oder "Überquere Straße".
Bei entsprechendem Training können Führhunde sogar bis zu vierhundert Befehle beherrschen. Damit Führhunde nicht vergessen, was sie gelernt haben, müssen ihre Besitzer die Befehle und Kommandos regelmäßig trainieren.



