Zersplitterte Identität
Alles ein bisschen weniger eng sehen, sei die Devise der Brasilianer. Solche Vorstellung von Mentalität begeistert ernste "Nordländer". Gibt es eine Antwort auf die Frage: Was ist ein typischer Brasilianer?Der portugiesische Seefahrer Pedro Álvarez Cabral nahm Brasilien im Jahr 1500 für die Krone Portugals in Besitz.
Aufteilung des Kontinents
Verleugnet da etwa jemand den Ursprung des eigenen Landes? Ein Blick zurück: Christoph Kolumbus entdeckte 1492 im Dienst Spaniens Amerika. 1494 regelte der Vertrag von Tordesillas die Teilung des neuen Kontinents zwischen Spanien und Portugal; Brasilien ging zunächst an letztere Macht.
Als am 22. April 1500 Portugiesen unter Pedro Álvarez Cabral erstmals die Strände betraten, trafen sie in ihren Augen auf "Unzivilisierte", "Wilde" - auf Indianer. Anfangs behandelten Portugals koloniale Pioniere die Ureinwohner mit Respekt. Denn deren Gefälligkeit sicherte mehr als das blanke Überleben: Portugal, damals ein Land mit nur knapp über einer Million Einwohnern, war auf die etwa drei Millionen Indianer zur Erschließung des neuen Territoriums angewiesen. Mischehen, zwecks Steigerung der Bevölkerungszahl, wurden daher gefördert.
Indianische Abstammung
Tatsächlich stammen fast alle der heute rund 195 Millionen Brasilianer von Indios ab. Die genaue Linie der Abstammung im Einzelfall zu verfolgen, funktioniert allerdings selten: "Vor der Heirat wurden Indianerinnen getauft und bekamen europäische Namen", benennt die Historikerin Maria Beatriz Nizza da Silva den Grund.
Christianisierung: ab dem 16. Jahrhundert lehren Jesuiten den katholischen Glauben unter den Indios. (Gemälde von Victor Meirelles, 1861)
Als heidnisch verdammt
Jesuitenpatres, offiziell dem Credo der Nächstenliebe verpflichtet, widmeten den Indianern ab der Mitte des 16. Jahrhunderts ihre Aufmerksamkeit: Die hochentwickelte Kultur der Indianer verdammten sie als heidnisch. Über zwei Jahrhunderte hinweg schuf der Orden der Jesuiten eine Basis für das heute noch zu siebzig Prozent katholische Land.
Anfang des 17. Jahrhunderts stieg Brasilien dank Zuckerrohr zur Wirtschaftsmacht auf. Wegen des stetig steigenden Arbeitskräftebedarfs in den Plantagen, aber auch in Bergbau und Haushalt, wurden aus Afrika verschleppte Sklaven eingesetzt. Der Handel mit Sklaven versprach exorbitante Gewinne; der Besitz von Sklaven war Statussymbol.
Fünf Millionen Schwarzafrikaner
Um die fünf Millionen Schwarzafrikaner kamen in rund zweihundert Jahren nach Brasilien. Bald etablierten sich afrikanische Kulturen und Religionen. Weitere Mischlingsgruppen entstanden. Die Mulatten mit europidem und negridem Elternteil, und die Cafuzos, aus der Verbindung von Schwarzafrikanern und Indianern machen den größten Anteil aus.
Bis zur Abschaffung der Sklaverei 1888 wurden fünf Millionen Schwarzafrikaner nach Brasilien verschleppt. (Gemälde von Jean-Baptiste Debret, 19. Jahrhundert)
Streben nach Unabhängigkeit
In jener Phase wirtschaftlichen Booms genügte die Arbeitskraft der schwarzen Sklaven nicht mehr. Für viele Berufe bedurfte es geschulten Personals. Wissenschaftler, Künstler, Ärzte, Handwerker rief man aber auch aus einem anderen Grund ins Land: Brasilien strebte zur Unabhängigkeit, welche nach harten Kämpfen gegen spanische Kolonialtruppen schließlich zustande kam.
In die Fußstapfen von Portugiesen und Spaniern traten ab etwa 1824 zahlreiche Deutsche und Italiener, die sich im Süden des Landes niederließen. Kolonien wie São Leopoldo und Rio Grande do Sul wuchsen aus dem Boden. Das kulturelle Erbe ihrer Herkunftsländer bewahren die hauptsächlich protestantischen Neubürger bis heute. So erklärt sich, dass Besucher zum Beispiel in São Paulo eine Imitation des Münchner Oktoberfests vorfinden.
Koloniales Erbe: die Aussicht auf schnellen Reichtum durch Diamanten und Gold ließ viele Siedlungen im Landesinneren - wie hier Mariana - entstehen.
Was ist typisch brasilianisch? Eine Antwort darauf scheint durch jahrhundertelanges Ineinandergreifen unterschiedlicher Rassen und Nationen weder hinsichtlich Herkunft noch Religion oder Kultur eindeutig möglich. Tatsächlich bestimmt sich persönliche Identität über schwarz und weiß, über arm und reich.
Der Großteil der Bevölkerung lebt in Dörfern, in kleinen und mittelgroßen Städten. In den Millionenmetropolen stellt das Heer der Armen die Bewohner der Elendsviertel am Stadtrand, der Favelas. Aus solchen Verhältnissen auszubrechen, gelingt selten.
Bildung können sich nur die Reichen, meist Weiße mit europäischer Erziehung leisten. Identifikation mit Brasilien fällt ihnen schwer. Nicht selten bevorzugen die Privilegierten eine distanzierte Einstellung zum eigenen Land. Junge Menschen höherer sozialer Schichten reagieren auf das Problem ihrer brasilianischen Identität eher achselzuckend: "Eigentlich habe ich mit dem Chaos im Land nichts zu tun, was geht mich das alles schon an. Meine Vorfahren kommen aus Portugal (Spanien, Italien, Japan, Deutschland)."
Katja Ewinger (aktualisiert 16.11.2011)
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Brasilien - die Fakten
Mit mehr als 195 Millionen Menschen ist Brasilien nicht nur der bevölkerungsreichste Staat Südamerikas; das Land ist zugleich der fünftgrößte Flächenstaat der Erde und nimmt fast fünfzig Prozent des Kontinents ein.
Über siebzig Prozent der Bevölkerung wohnen in Städten, von denen die größte São Paulo mit 19,8 Millionen Einwohnern ist. São Paulo fungiert auch als wirtschaftlicher Motor Brasiliens, wo viele internationale, auch deutsche, Firmen ansässig sind. Rio de Janeiro zählt etwa 11,9 Millionen Menschen, während in der Hauptstadt Brasilia, die in den 1960ern als klassische Planhauptstadt aus dem Boden gestampft wurde, nur rund 3,5 Millionen Einwohner leben.
Das Klima in Brasilien ist überwiegend tropisch. Reichhaltige Niederschläge gibt es im feuchten Amazonasbecken. Mit fast 6.500 Kilometern ist der Amazonas der längste Fluss der Erde. Hinsichtlich seines Artenreichtums ist Brasilien ebenfalls Rekordhalter: Rund 3.000 Wirbeltiere und 55.000 Blütenpflanzen sind hier heimisch. Allerdings sind viele Arten vom Aussterben bedroht.
Ein Grund ist die Abholzung des Regenwaldes - eines der größten unberührten Waldgebiete weltweit. Sich ausweitende plantagenartige Land- und Forstwirtschaft sowie Straßenbau gefährden das Ökosystem. Um dem entgegenzusteuern, plant die brasilianische Regierung bis 2021 Investitionen in Höhe von mehreren Millionen Euro für Alternativen zur Rodung.
Mit mehr als 195 Millionen Menschen ist Brasilien nicht nur der bevölkerungsreichste Staat Südamerikas; das Land ist zugleich der fünftgrößte Flächenstaat der Erde und nimmt fast fünfzig Prozent des Kontinents ein.
Über siebzig Prozent der Bevölkerung wohnen in Städten, von denen die größte São Paulo mit 19,8 Millionen Einwohnern ist. São Paulo fungiert auch als wirtschaftlicher Motor Brasiliens, wo viele internationale, auch deutsche, Firmen ansässig sind. Rio de Janeiro zählt etwa 11,9 Millionen Menschen, während in der Hauptstadt Brasilia, die in den 1960ern als klassische Planhauptstadt aus dem Boden gestampft wurde, nur rund 3,5 Millionen Einwohner leben.
Das Klima in Brasilien ist überwiegend tropisch. Reichhaltige Niederschläge gibt es im feuchten Amazonasbecken. Mit fast 6.500 Kilometern ist der Amazonas der längste Fluss der Erde. Hinsichtlich seines Artenreichtums ist Brasilien ebenfalls Rekordhalter: Rund 3.000 Wirbeltiere und 55.000 Blütenpflanzen sind hier heimisch. Allerdings sind viele Arten vom Aussterben bedroht.
Ein Grund ist die Abholzung des Regenwaldes - eines der größten unberührten Waldgebiete weltweit. Sich ausweitende plantagenartige Land- und Forstwirtschaft sowie Straßenbau gefährden das Ökosystem. Um dem entgegenzusteuern, plant die brasilianische Regierung bis 2021 Investitionen in Höhe von mehreren Millionen Euro für Alternativen zur Rodung.
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Die letzten Ureinwohner
"Wenn ein Jesuit ein Indianerdorf besucht und es keine Bereitschaft zeigt, sich katechisieren zu lassen, muss man die Indianer eben mit dem Schwert und mit der Eisenrute traktieren", äußerte im 16. Jahrhundert der Jesuitenpater José de Anchieta. Fünfhundert Jahre später, 1989, meinte der brasilianische Heeresminister Gonçalves: "Die Kultur der Indianer ist eine der niedrigsten und verdient wenig Respekt."
Von den einst drei Millionen Indianern leben noch rund 13.000 in Reservaten, wo sie nach alter Weise für sich sorgen und ihre Kultur pflegen. Bekannt ist vor allem der über 27.000 Quadratkilometer große Xingu-Nationalpark. Neun Stämme fristen dort ihr Dasein, darunter die letzten Ureinwohner, die Xingu, mit rund dreitausend Menschen.
"Wenn ein Jesuit ein Indianerdorf besucht und es keine Bereitschaft zeigt, sich katechisieren zu lassen, muss man die Indianer eben mit dem Schwert und mit der Eisenrute traktieren", äußerte im 16. Jahrhundert der Jesuitenpater José de Anchieta. Fünfhundert Jahre später, 1989, meinte der brasilianische Heeresminister Gonçalves: "Die Kultur der Indianer ist eine der niedrigsten und verdient wenig Respekt."
Von den einst drei Millionen Indianern leben noch rund 13.000 in Reservaten, wo sie nach alter Weise für sich sorgen und ihre Kultur pflegen. Bekannt ist vor allem der über 27.000 Quadratkilometer große Xingu-Nationalpark. Neun Stämme fristen dort ihr Dasein, darunter die letzten Ureinwohner, die Xingu, mit rund dreitausend Menschen.
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Diktatur und Demokratie
Als der portugiesische Seefahrer Pedro Alvares Cabral im Jahr 1500 Brasilien für die portugiesische Krone in Besitz nahm, begann die europäische Geschichte des Landes. Etwa drei Jahrhunderte später wurde das zur Hauptstadt ernannte Rio de Janeiro Zentrum des damaligen portugiesischen Weltreichs, nachdem der König João VI. vor den Franzosen aus Portugal fliehen musste.
1822 erklärte sein Sohn Pedro I. die Unabhängigkeit Brasiliens. Als dessen Sohn Pedro II., der noch vor seiner Volljährigkeit zum Kaiser gekrönt wurde, 1888 die Sklaverei abschaffte, putschte das Militär. Daraufhin floh der Kaiser ins Pariser Exil und machte den Weg frei für die erste Republik. Anschließend an eine Phase der "wohlwollenden Diktatur" kehrte das Land nach dem Zweiten Weltkrieg zur Demokratie zurück.
Doch schon 1964 putschte das Militär erneut. Trotz Säuberungsaktionen und Zensur bedeutete die Militärdiktatur eine Zeit des Wirtschaftsbooms. Freie Wahlen wurden erst Mitte der 1980er Jahre zugelassen. Als großes Problem für die Demokratie erwies sich die Inflation. Außerdem sorgten Bestechlichkeit, Veruntreuung und Korruption in Politikerkreisen immer wieder für Schlagzeilen.
Die eher instabile wirtschaftliche Lage änderte sich erst unter dem 2002 gewählten Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Problematisch sind nach wie vor zu schwache Parteien und Korruption, was die öffentliche Verwaltung in ihrem Handlungsspielraum einschränkt und das Vertrauen in die Politik schwächt. Die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff ließ in einer Anti-Korruptionsoffensive mehrere Minister zurücktreten.
Als der portugiesische Seefahrer Pedro Alvares Cabral im Jahr 1500 Brasilien für die portugiesische Krone in Besitz nahm, begann die europäische Geschichte des Landes. Etwa drei Jahrhunderte später wurde das zur Hauptstadt ernannte Rio de Janeiro Zentrum des damaligen portugiesischen Weltreichs, nachdem der König João VI. vor den Franzosen aus Portugal fliehen musste.
1822 erklärte sein Sohn Pedro I. die Unabhängigkeit Brasiliens. Als dessen Sohn Pedro II., der noch vor seiner Volljährigkeit zum Kaiser gekrönt wurde, 1888 die Sklaverei abschaffte, putschte das Militär. Daraufhin floh der Kaiser ins Pariser Exil und machte den Weg frei für die erste Republik. Anschließend an eine Phase der "wohlwollenden Diktatur" kehrte das Land nach dem Zweiten Weltkrieg zur Demokratie zurück.
Doch schon 1964 putschte das Militär erneut. Trotz Säuberungsaktionen und Zensur bedeutete die Militärdiktatur eine Zeit des Wirtschaftsbooms. Freie Wahlen wurden erst Mitte der 1980er Jahre zugelassen. Als großes Problem für die Demokratie erwies sich die Inflation. Außerdem sorgten Bestechlichkeit, Veruntreuung und Korruption in Politikerkreisen immer wieder für Schlagzeilen.
Die eher instabile wirtschaftliche Lage änderte sich erst unter dem 2002 gewählten Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Problematisch sind nach wie vor zu schwache Parteien und Korruption, was die öffentliche Verwaltung in ihrem Handlungsspielraum einschränkt und das Vertrauen in die Politik schwächt. Die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff ließ in einer Anti-Korruptionsoffensive mehrere Minister zurücktreten.



