Der Vorläufer
Vieles unterscheidet die Siebenmillionenstadt Teheran von westlichen Metropolen: dauerpräsent sind Geistlichkeit und Polizei, riesige Propagandaplakate prangen an den Fassaden... Manches allerdings ist fast wie überall. Da wäre etwa die Kluft zwischen Arm und Reich: Im Osten der Stadt lebt die Unterschicht; im besser riechenden Norden haben Oberklasse und gehobener Mittelstand ihre gepflegten Quartiere. Dort wuchs in den fast drei Jahrzehnten seit Chomeinis Revolution eine Generation heran, der die Ideale des Ajatollah so fremd sind wie der Saturn.Rockmusik und Drogen
In den Villen des Schemiran-Viertels gehören Whisky und Rotwein zum Alltag, dazu Kaufräusche, Rockmusik, Magazine und sexuelle Freiheiten, die jeden Dorfmullah vor Zorn erblassen ließen. Dort passiert es schon mal, dass gut gekleidete junge Akademiker einem verirrten Kleriker den Turban entreißen, ihm gar - im Ramadan - Tabakrauch unter die Nasenlöcher blasen. Und weil Afghanistans Mohnfelder nach dem Abgang der Taliban von neuem blühen, ist der Umgang mit Drogen längst wieder Routine.
Revolution war gestern
Jede erfolgreiche Revolution hat ein Problem: Sie verebbt - irgendwann. Das Ideal der Gleichheit, unter welchem ideologischen Etikett auch immer, verblasst. Geschäftsleute machen ihren Deal mit den neuen Führern; Korruption grassiert; die hehren Parolen von gestern kommen zu Lachnummern herab. Auf der Strecke bleiben jene, denen die Revolution ein besseres Dasein garantieren sollte. Seit den Februartagen 1979, seit der Ajatollah Ruhollah Chomeini mit seiner Schar getreuer Anhänger - getragen von einer Woge religiösen Enthusiasmus' - das "gottlose" Schah-Regime stürzte, verging auch in Teheran allerhand Zeit.
Respektsperson Mullah
Gut, Teheran ist nicht das Land, ist nicht die Provinz. In zahllosen kleineren Städten und Dörfern mag die Stimmung noch anders sein. Hier haben die Ideen der Bassidschi, die Ideale fundamentalistisch-revolutionärer Selbstaufopferung, noch nicht alle Kraft verloren, ist der Mullah noch eine Respektsperson. Letzteres war hier eigentlich immer so, auch damals, unter dem Schah, als Teherans "Goldene Jugend" schon einmal den American way of life entdeckte.
Chomeini im Kreis seiner Anhänger im Jahr 1970. Noch dauert es fast ein Jahrzehnt bis zur Revolution.
Mahmud Saborjhijan kommt am 28. Oktober 1956 in Garmsar, einer Gemeinde in der Provinz Semnan, 82 Kilometer südöstlich von Teheran, auf die Welt. Damals wie heute pendeln die meisten Leute zwischen ihrer Heimatstadt und der nahen Hauptstadt, um Arbeit zu finden. Mahmuds Vater verdient als Schmied den Lebensunterhalt für die neunköpfige Familie. 1957 ziehen die ehemaligen Saborjhijans (sie haben ihren Namen inzwischen in Ahmadinedschad geändert - Ahmad ist ein Synonym für Mohammed, Nedschad bedeutet Rasse) endgültig nach Teheran - in den Osten. Gesicherte Fakten aus dieser Lebensphase des späteren Präsidenten der Islamischen Republik Iran gibt es nicht viele.
Opposition gegen den Schah
Offenbar ist der Bursche hoch intelligent: Bei landesweiten Eingangsprüfungen für die Universitäten erreicht er 1975 den 130. Platz. Mahmud Ahmadinedschad studiert ab 1976 Tiefbau an der Teheraner Universität für Wissenschaft und Industrie - und promoviert etliche Jahre danach im Bereich Verkehrstransportplanung. Als junger Student, heißt es, habe er sich der islamischen Opposition gegen das Regime des Schah angeschlossen...
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Infobox
Im Krieg mit dem Irak (1980 bis 1988) machten iranische Militärs eine unangenehme Erfahrung: Esel eignen sich nicht zum Minenräumen! Sobald nämlich der erste Esel in die Luft fliegt, laufen alle anderen Esel rasch in die Ausgangsstellung zurück. Viel geeigneter sind zum Beispiel 15jährige Schüler nach entsprechender Gehirnwäsche. Oder arbeitslose Jugendliche aus der Provinz, die man, meist waffenlos, über Minenfelder gegen feindliche Positionen anrennen lässt. Die Kampftaktik der "menschlichen Welle" ist Ursprung der Bassidschi-e Mostafasan (auf Deutsch: "Mobilisierte der Unterdrückten"), einer Unterabteilung der iranischen Revolutionsgarde. Kern der Ideologie dieser quasimilitärischen Abteilung ist die bedingungslose Bereitschaft zur Selbstaufopferung im Dienst an der islamischen Revolution. Heute sollen rund elf Millionen Iraner zur Organisation der Bassidschi gehören. Strukturen und Ideologie der Bassidschi ermöglichen dem iranischen Regime unter anderem das "Entlarven" und "unbürokratische" Bestrafen von Abweichlern.



