Für eine Handvoll Rupien
Einst rackerten Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen Mauritius' - bis die britischen Kolonialherren die Sklaverei abschafften. Sie wollten beweisen, dass "freie" Arbeit Sklavenarbeit überlegen ist.Mauerreste am Aapravasi Ghat in Port Louis: Fast eine halbe Million Menschen passierte einst das Einwandererdepot. (Bild: Avinash Meetoo, Lizenz: Creative Commons)
Sie besuchen den farbenprächtigen Tempel und die orientalisch anmutende Moschee, lassen sich vom Treiben in den lebhaften Markthallen verzaubern, stöbern in den Lädchen von Chinatown und staunen über das Durcheinander der Kulturen in den engen Straßen. All das ist die Gegenwart von Mauritius. Aapravasi Ghat ist die Vergangenheit.
In ein neues Leben
Vierzehn Stufen führen von einer ehemaligen Anlegestelle hinauf auf das Gelände. Diese vierzehn Stufen bedeuteten einst den Übergang in ein neues Leben: Aapravasi Ghat, errichtet ab 1849, diente als Einwandererdepot und Durchgangslager für hunderttausende Südasiaten, Ostafrikaner und Chinesen. Vor allem aus Indien kamen die Einwanderer - Menschen, die vor Hungersnöten, Armut und Bevölkerungsdruck aus ihrer Heimat geflohen und dem Lockruf der Arbeit gefolgt waren. Und Arbeit gab es auf Mauritius zur Genüge.
Das große Experiment
1833 hatte das britische Empire, unter dessen Herrschaft die Insel ab 1810 stand, die Sklaverei abgeschafft. Damit erlangten auch etwa sechzigtausend Afrikaner auf Mauritius die Freiheit. Neue, billige Arbeitskräfte für die Zuckerrohrplantagen mussten her. Also begann man, in Indien Arbeiter anzuwerben, zunächst in privater Initiative, später unter Federführung der britischen Kolonialregierung. Die Briten wollten beweisen, dass sich Sklavenarbeit durch "freie" Arbeit ersetzen ließ. Als "the Great Experiment" - das große Experiment - ging das Projekt in die Geschichte ein.
Afrikanische Arbeiter auf Réunion: Auch auf Mauritius' Nachbarinsel verpflichteten Plantagenbesitzer Schuldknechte für ihre Zuckerrohrfelder. (Bild von Henri Georgi, vermutlich 1880er Jahre)
Am 2. November 1834 erreichte die erste Gruppe Kontraktarbeiter Mauritius. Die Neuankömmlinge hatten sich, gegen freie Passage über den Indischen Ozean, verpflichtet, fünf Jahre lang als Schuldknechte zu dienen. Neun Stunden täglich, am Sonntag zwei, schufteten sie fortan auf den Plantagen der französischen Zuckerbarone. Als Lohn gab es eine Handvoll Rupien, dazu Essen, Unterkunft und Kleidung. Geregelt war all dies per Vertrag und in den Gesetzen der britischen Kolonialherren.
Das Recht der Plantagenbesitzer
Das "Experiment" machte im Empire und bei den anderen Kolonialmächten Schule: Kolonien von Trinidad bis Australien, von Südafrika bis Kuba, von Ceylon bis Surinam übernahmen das Modell nach dem Ende der Sklaverei. Theoretisch garantierten Gesetze den Schuldknechten gewisse Rechte und die Freiheit nach Ablauf ihrer Verträge.
Faktisch jedoch stand das Recht auf Seiten der Plantagenbesitzer: Vertragsarbeitern drohten Geldstrafen bei Arbeitsverweigerung und Abwesenheit; es war ihnen verboten, die Plantagen zu verlassen oder Interessenvertretungen zu gründen. Auch die Peitsche gehörte noch immer zum Repertoire vieler Aufseher, und nicht selten gab es Klagen von Arbeitern, die ihren Lohn nicht erhalten hatten.
Dreißigtausend "Landstreicher"
Den wenigsten Schuldknechten auf Mauritius erging es nach Ende ihres Vertrags besser. Repressive Gesetze und übereifrige Polizisten machten ihnen das Leben schwer: "Alt-Einwanderer" waren verpflichtet, jederzeit einen mit Foto versehenen Pass mit sich zu tragen. Inder, die sich als Straßenhändler oder kleine Kaufleute versuchten, wurden durch horrende Gebühren entmutigt. Wer keine feste Arbeit vorweisen konnte oder auf der Straße ohne Pass angetroffen wurde, landete im Gefängnis. Allein im Jahr 1869 verhaftete die Polizei auf Mauritius dreißigtausend Inder wegen "Landstreicherei"! ...
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Mauritius
Schon arabische und malaiische Seefahrer im 10. Jahrhundert kannten das unbewohnte Eiland neunhundert Kilometer östlich von Madagaskar. Die Portugiesen entdeckten es Anfang des 16. Jahrhunderts neu, doch es waren die Niederländer, die die Insel 1598 in Besitz nahmen und sie nach ihrem Prinzen Moritz von Oranien benannten.
Zyklone, Dürren und Krankheiten machten den Siedlern das Leben schwer, und so gaben die Niederländer die Insel 1710 wieder auf. Die Baumbestände waren da vernichtet und die Tierwelt dezimiert. Der Dodo, eine Taubenart, die lediglich auf Mauritius vorkam, war bereits 1690 ausgestorben.
Nach einem fünfjährigen Piraten-Intermezzo übernahmen 1715 die Franzosen die Insel. Sie bauten die Hauptstadt Port Louis aus und verwandelten das Eiland in eine "Zuckerfabrik": Zuckerplantagen machen bis heute den Großteil des Ackerlandes aus. 1810 besetzten die Briten Mauritius und verleibten es dem Empire ein.
Kultur und Sprache blieben französisch geprägt, da Großbritannien keine Siedler schickte, sondern an der Insel lediglich als Anlaufpunkt für seine Schiffe interessiert war. Nach dem Ende der Sklaverei kamen mehrere hunderttausend Schuldknechte, fast alle aus Indien, nach Mauritius und stellten ab etwa 1860 die Bevölkerungsmehrheit. 1968 wurde die Insel unabhängig und ist seit 1992 eine Republik.
Von den mehr als 1,2 Millionen Mauritiern, die auf einer Fläche kleiner als das Saarland leben, sind 68 Prozent indischer Abstammung; daneben gibt es Kreolen (also Nachfahren von Afrikanern und Europäern) sowie eine weiße und eine chinesische Minderheit. Amtssprache ist Englisch. Im Alltag jedoch dominiert die auf dem Französischen basierende Kreolsprache Morisyen.
Die Hälfte der Mauritier sind Hindus, ein Drittel sind Christen und etwas weniger als ein Fünftel Muslime. Noch immer ist der Zuckeranbau ein wichtiger Wirtschaftszweig. Daneben haben sich die Textilindustrie und der Tourismus als verlässliche - weil weniger von Weltmarktpreisen abhängige - Standbeine entwickelt. Jährlich besuchen fast eine Million Touristen die Insel.
Schon arabische und malaiische Seefahrer im 10. Jahrhundert kannten das unbewohnte Eiland neunhundert Kilometer östlich von Madagaskar. Die Portugiesen entdeckten es Anfang des 16. Jahrhunderts neu, doch es waren die Niederländer, die die Insel 1598 in Besitz nahmen und sie nach ihrem Prinzen Moritz von Oranien benannten.
Zyklone, Dürren und Krankheiten machten den Siedlern das Leben schwer, und so gaben die Niederländer die Insel 1710 wieder auf. Die Baumbestände waren da vernichtet und die Tierwelt dezimiert. Der Dodo, eine Taubenart, die lediglich auf Mauritius vorkam, war bereits 1690 ausgestorben.
Nach einem fünfjährigen Piraten-Intermezzo übernahmen 1715 die Franzosen die Insel. Sie bauten die Hauptstadt Port Louis aus und verwandelten das Eiland in eine "Zuckerfabrik": Zuckerplantagen machen bis heute den Großteil des Ackerlandes aus. 1810 besetzten die Briten Mauritius und verleibten es dem Empire ein.
Kultur und Sprache blieben französisch geprägt, da Großbritannien keine Siedler schickte, sondern an der Insel lediglich als Anlaufpunkt für seine Schiffe interessiert war. Nach dem Ende der Sklaverei kamen mehrere hunderttausend Schuldknechte, fast alle aus Indien, nach Mauritius und stellten ab etwa 1860 die Bevölkerungsmehrheit. 1968 wurde die Insel unabhängig und ist seit 1992 eine Republik.
Von den mehr als 1,2 Millionen Mauritiern, die auf einer Fläche kleiner als das Saarland leben, sind 68 Prozent indischer Abstammung; daneben gibt es Kreolen (also Nachfahren von Afrikanern und Europäern) sowie eine weiße und eine chinesische Minderheit. Amtssprache ist Englisch. Im Alltag jedoch dominiert die auf dem Französischen basierende Kreolsprache Morisyen.
Die Hälfte der Mauritier sind Hindus, ein Drittel sind Christen und etwas weniger als ein Fünftel Muslime. Noch immer ist der Zuckeranbau ein wichtiger Wirtschaftszweig. Daneben haben sich die Textilindustrie und der Tourismus als verlässliche - weil weniger von Weltmarktpreisen abhängige - Standbeine entwickelt. Jährlich besuchen fast eine Million Touristen die Insel.



