Zugfahrt Richtung Kälte
Langsam setzt der Zug sich in Bewegung. Vor den Fenstern der Abteile gleiten die verschneiten Vororte Moskaus vorbei. Die russische Landschaft offenbart ihre Weite. Reisende laufen in Jogginganzügen über den Gang. Es geht leger zu auf der längsten Bahnlinie der Welt - der Transsibirischen Eisenbahn.Zeitlos
Von Moskau nach Wladiwostok: 9.288 Kilometer liegen vor dem Rossija. Rossija, das ist der Name des Zuges Nr. 2, der sich an jedem ungeraden Kalendertag auf den Weg von der russischen Hauptstadt in den Fernen Osten macht. Mindestens eine Zeitzone täglich passiert der Zug auf seiner Fahrt. Die Uhr zu stellen wäre müßig. Im Rossija gilt Moskauer Ortszeit. Zum Tag-Nacht-Rhythmus draußen passt sie meist nicht. Lediglich die Halte an den über achtzig Bahnhöfen der Strecke verbinden mit der Außenwelt. Für zwanzig Minuten unterbricht der Zug seine Fahrt in Perm, am Übergang zwischen Russland und Sibirien: zwanzig Minuten, um Blinys und Wodka bei den fliegenden Händlern am Bahnsteig zu kaufen.
Quälendes Wissen
Die Endlosigkeit Sibiriens offenbart sich jenseits von Perm. Hier kreuzt die Transsib den Ural. Mitten in der Taiga steht ein verschneiter Obelisk. Unübersehbare vier Meter hoch markiert das Bauwerk das Ende Europas. Unübersehbar muss die weiße Säule auch für jene Menschen gewesen sein, die mit der Transsib nach Sibirien verschleppt wurden. Spätestens hier wurde ihnen bewusst, wo sie waren: 1.777 Kilometer weit ist es bis nach Moskau, 7.512 Kilometer bis nach Wladiwostok. Dazwischen liegt Niemandsland. Tundra, Taiga, Steppe und Sumpf sind so menschenfeindlich, dass eine Flucht aus den zahlreichen Lagern für Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Verbannte sinnlos gewesen wäre.
Das perfekte Gefängnis
Nicht erst seit dem Gulag in den 1930er Jahren ist Sibirien zum Synonym für Verbannung geworden. Jahrhunderte lang entledigten sich die Zaren politischer Widersacher östlich des Urals. Fast bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mussten die Verbannten den Weg zu Fuß oder mit dem Pferdewagen bewältigen. Doch schon Wladimir Iljitsch Lenin gehörte 1897 zu jenen, die mit dem Zug zum Verbannungsort gelangten. Und noch heute ist Sibirien, weit weg vom westlichen Russland, das perfekte Gefängnis.
Dick im Geschäft: Russland ist der zweitgrößte Ölproduzent der Welt.
Gen Osten reisten nicht nur Gefangene. Natürliche Ressourcen - wie Pelze, Diamanten und Gold - lockten freiwillige Siedler. Zeugnis davon geben Städte wie Tjumen. Die Transsib erreicht die "Mutter", weil älteste aller Städte in Sibirien, nach 2.145 Kilometern. War es einst Gier nach Pelzen, welche die Siedler nach Sibirien trieb, sind es heute Bodenschätze wie Rohöl. Von den Ölfeldern des Verwaltungsbezirks Tjumen stammt ein Großteil jenes Öls, das Deutschland aus Russland importiert. Fünfzehn Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts werden im Verwaltungsbezirk Tjumen erwirtschaftet. Acht bis zehn Prozent des geförderten Öls versickern im Boden. Marode Pipelines verursachen Umweltkatastrophen, über die kaum jemand berichten will.
Ölmacht
Solche materiellen Verluste wiegen zunächst nicht schwer. Öl gibt es genug in Russland. Immerhin lagern elf Prozent der Weltölvorkommen im sumpfigen Sibirien. Das schwarze Gold füllt die Konten des Kreml und ist ein willkommenes politisches Instrument. Wer elf Prozent der weltweiten Ölreserven besitzt, hat Macht. Seit jeher versprechen sibirische Bodenschätze Einfluss und Gewinn. Mühselig aber mussten Holz und Erze mit Pferdefuhrwerken und Lastkähnen befördert werden, bevor sich Russland 1891 unter Zar Alexander III. an den Bau der Transsibirischen Eisenbahn wagte...
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Sibirien - die Fakten
Zwei verschiedene Bedeutungen des Begriffs "Sibirien" gibt es: Einerseits verstehen Russen unter Sibirien einen so genannten Föderationskreis, der westlich der Republik Jakutien liegt. Auf über fünf Millionen Quadratkilometern umfasst er die Republik Altai, die Region Altai, die Republik Burjatien, die Region Transbaikalien, den Oblast (Bezirk) Irkutsk, die Republik Chakassien, den Oblast Kemerowo, die Region Krasnojarsk, den Oblast Nowosibirsk, den Oblast Omsk, den Oblast Tomsk und die Republik Tuwa.
Andererseits wird umgangssprachlich unter Sibirien der gesamte asiatische Teil Russlands verstanden. Im Westen begrenzt der Ural die Region, im Norden der arktische Ozean, im Osten der Pazifik und im Süden die Volksrepublik China, die Mongolei und Kasachstan. Mit einer Fläche von 13,1 Millionen Quadratkilometer nimmt Sibirien drei Viertel des russischen Territoriums ein. Während im europäischen Teil Russlands aber etwa 104 Millionen Menschen leben, sind es in Sibirien nur rund 38 Millionen. Der größte Teil der Bevölkerung lebt in Städten entlang der Transsibirischen Eisenbahn. Die meisten Sibirier sind eingewanderte Russen, die indigene Bevölkerung ist in der Minderheit.
In Sibirien liegt das größte und gleichzeitig älteste Binnengewässer der Welt. Der Baikalsee hat eine Wassermenge von 23.000 Kubikmetern. Damit besitzt er ein größeres Fassungsvermögen als die Ostsee (21.000 Kubikmeter). In den meisten Landstrichen der Region Sibirien herrscht Kontinentalklima. Während der kurzen, aber heißen Sommer können Temperaturen bis plus 40 Grad Celsius erreicht werden. Die Winter dagegen sind lang und hart. In der kalten Jahreszeit erreichen die Temperaturen Werte unter minus 60 Grad Celsius. Statistisch ist es nirgends auf der Erde so kalt wie im sibirischen Oimjakon. 1964 betrug die Temperatur hier minus 72 Grad Celsius. Damit war es in dem kleinen Dorf kälter als am Nord- oder Südpol.
Zwei verschiedene Bedeutungen des Begriffs "Sibirien" gibt es: Einerseits verstehen Russen unter Sibirien einen so genannten Föderationskreis, der westlich der Republik Jakutien liegt. Auf über fünf Millionen Quadratkilometern umfasst er die Republik Altai, die Region Altai, die Republik Burjatien, die Region Transbaikalien, den Oblast (Bezirk) Irkutsk, die Republik Chakassien, den Oblast Kemerowo, die Region Krasnojarsk, den Oblast Nowosibirsk, den Oblast Omsk, den Oblast Tomsk und die Republik Tuwa.
Andererseits wird umgangssprachlich unter Sibirien der gesamte asiatische Teil Russlands verstanden. Im Westen begrenzt der Ural die Region, im Norden der arktische Ozean, im Osten der Pazifik und im Süden die Volksrepublik China, die Mongolei und Kasachstan. Mit einer Fläche von 13,1 Millionen Quadratkilometer nimmt Sibirien drei Viertel des russischen Territoriums ein. Während im europäischen Teil Russlands aber etwa 104 Millionen Menschen leben, sind es in Sibirien nur rund 38 Millionen. Der größte Teil der Bevölkerung lebt in Städten entlang der Transsibirischen Eisenbahn. Die meisten Sibirier sind eingewanderte Russen, die indigene Bevölkerung ist in der Minderheit.
In Sibirien liegt das größte und gleichzeitig älteste Binnengewässer der Welt. Der Baikalsee hat eine Wassermenge von 23.000 Kubikmetern. Damit besitzt er ein größeres Fassungsvermögen als die Ostsee (21.000 Kubikmeter). In den meisten Landstrichen der Region Sibirien herrscht Kontinentalklima. Während der kurzen, aber heißen Sommer können Temperaturen bis plus 40 Grad Celsius erreicht werden. Die Winter dagegen sind lang und hart. In der kalten Jahreszeit erreichen die Temperaturen Werte unter minus 60 Grad Celsius. Statistisch ist es nirgends auf der Erde so kalt wie im sibirischen Oimjakon. 1964 betrug die Temperatur hier minus 72 Grad Celsius. Damit war es in dem kleinen Dorf kälter als am Nord- oder Südpol.



