Die Bounty im Jahr 1789: Kapitän Bligh und etliche seiner Getreuen werden ins Beiboot gesetzt. (Gemälde: Robert Dodd, 1790)
Pitcairn
Repression und Revolte, Chaos und Ordnung, Flucht, Glaube und Tradition - ein Inselchen in der Südsee, rund fünftausend Kilometer von Neuseeland entfernt, erzählt eine spannende Geschichte.Der Mensch braucht einen Staat, der Mensch braucht einen Glauben. Sonst ist der Mensch des Menschen Wolf. Hat der Mensch Staat und Glauben, ist er unzufrieden: Sehnsucht keimt in ihm auf, nach Ungebundenheit, nach dem irdischen Paradies. Der Mensch verletzt die Regeln und will fliehen. Was zeigt, dass der Mensch auch Freiheit braucht.
In seltenen Fällen wird aus der Sehnsucht Tat und aus dem Traumziel Realität. Dann landet der Mensch im irdischen Paradies, ganz ohne Zwänge des Staates und des Glaubens. Die unmittelbare Folge: Mord und Totschlag grassieren. Durch Erfahrung klüger, bildet der Mensch wieder einen Staat und wählt einen Glauben. Hat der Mensch Staat und Glauben, ist er unzufrieden... Nein, nicht vom Schicksal der Menschheit wollen wir sprechen. Es geht nur um eine winzige Insel.
Falsch geortet
Pitcairn liegt im südlichen Pazifik, auf 25 Grad südlicher Breite und 130 Grad westlicher Länge. Das Wetter dort ist prachtvoll, der Boden fruchtbar, die Temperatur immer frühlingshaft. 1767 sichtete der Kadett Robert Pitcairn das Eiland, vom britischen Schiff HMS Swallow aus. Allerdings hatte Philip Carteret, Kapitän der Swallow, das damals übliche Problem mit dem ungenauen Bordchronometer. Er vertat sich also beim Bestimmen der geografischen Länge um 180 nautische Meilen. Späteren Versuchen, die Insel wieder zu finden, ermangelte deshalb der Erfolg.
John Adams nannte man ihn - und er war Patriarch auf der Südseeinsel.
1789 geschah die Sache mit HMS Bounty (siehe Infobox). Wegen des Films mit Charles Laughton und Clark Gable wissen wir darüber hervorragend Bescheid. Nun, Kapitän Bligh, Vertreter von Staat, Glauben und Regel, war wohl besser als sein Ruf. Nach dem Zuwasserlassen des Kapitäns und einem Zwischenstopp vor Tahiti segelten Fletcher Christian plus acht weitere Meuterer, sechs tahitische Männer und zwölf Frauen (Man beachte die unbefriedigende Proportion!) auf der Bounty ins Ungewisse. Am 15. Januar 1790 erblickten sie Pitcairn. Dort war es schön; die Bounty schickte man brennend auf den Grund der Bountybay.
Das Faustrecht regierte
Zwischen Kokospalmen und Brotfruchtbäumen, zwischen mitgebrachten Schweinen und Hühnern, sowie zwischen Süßkartoffeln und Keulenlilien, führten die Ankömmlinge eine paradiesische Existenz. Ganze vier Jahre später lebten noch Adams, Young, Quintal und McCoy, ferner zehn Polynesierinnen und deren Kinder. Wer sonst noch hätte im Spiel sein können, lag erschlagen in tropischer Erde: Rassenhass, Streit um die Frauen - das Faustrecht regierte, ohne Staat und Autorität. Weiteres besorgte die Keulenlilie: Der Schotte McCoy brannte Schnaps aus ihren zuckerhaltigen Wurzeln und stürzte betrunken vom Felsen. Quintal, hoffnungslos dem Alkohol verfallen, mussten Young und Adams 1799 töten. Young, ziemlich verfettet, ging im selben Jahr an Asthma drauf.
Cordyline fruticosa ist der botanische Name der Keulenlilie: Deren süße Wurzel hatte es den Pitcairnern angetan.
Weil nur noch ein erwachsener Mann übrig war, erledigte sich die Frage des Staates vorübergehend. Die Ära des Patriarchen Adams begann. Der lernte aus Kapitän Blighs Schiffsbibel Lesen und Schreiben, und wurde überaus religiös. Bald aber erschien ein Vorbote der Außenwelt: Mayhew Folger, amerikanischer Robbenjäger, sichtete Pitcairn am 6. Februar 1808. Trotz erbaulicher Gespräche mit dem Inselpatriarchen informierte Folger die britische Admiralität. Die Navy jedoch, im Kampf gegen das napoleonische Frankreich stehend, hatte anderes zu tun, als ferne Meuterersiedlungen auszuheben.
Täglich die Bibel
Als im September 1814 schließlich doch noch HMS Briton und HMS Tagus Pitcairn erreichten, waren deren Kapitäne, heißt es, fasziniert von der gottesfürchtigen Gemeinde. Adams blieb unbehelligt, verbot den Keulenlilienschnaps, las täglich die Bibel und hielt Gottesdienst. Am 8. März 1829 starb der alt gewordene Multivater, hoch verehrt, eines natürlichen Todes in Adamstown. Inzwischen waren die Nachkommen der Siedler, Euro-Polynesier voll Lebenskraft, zu Frauen und Jünglingen gereift...
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Infobox
Meuterei auf der Bounty
Die Bounty verließ im Dezember 1787 unter dem Kommando von Leutnant William Bligh England. Ab Oktober 1788 verbrachte die Crew fünf Monate auf Tahiti, um Brotbaumsetzlinge aufzunehmen - während des ausgedehnten Landgangs begann die Disziplin zu verfallen. Zurück auf dem Schiff, geriet Bligh mehrmals mit dem Zweiten Offizier Fletcher Christian aneinander. Nach einer durchzechten Nacht und mit Rückhalt mehrerer Matrosen, ließ Christian seinen Vorgesetzten am 28. April 1789 fesseln und setzte ihn in der Barkasse des Schiffes aus.
18 Mann weigerten sich, auf der Bounty zu bleiben, und begleiteten Bligh. Der Leutnant, ein ausgezeichneter Navigator, segelte das Beiboot in 48 Tagen 5.800 Kilometer nach Timor und kehrte von dort nach England zurück. Bligh wurde später Gouverneur in New South Wales in Australien und erreichte den Rang eines Vizeadmirals.
Schon zu Lebzeiten hatte Bligh mit einem schlechten Ruf zu kämpfen: Verwandte der Bounty-Meuterer, allen voran Fletcher Christians Bruder Edward, stellten ihn als knauserigen, grausamen und tyrannischen Kommandanten hin - eine Darstellung, die im Nachhall der französischen Revolution die Meuterei in den Augen vieler sogar legitimierte.
Die historische Forschung jedoch zeichnet ein anderes Bild von Kommandant Bligh. Er habe viel seltener zu drastischen Strafen wie Auspeitschen gegriffen, als es in der Navy damals üblich war, und sich sehr um das Wohlergehen seiner Leute gekümmert. Als Beleg dafür lässt sich die wochenlange Reise im Beiboot anführen: Lediglich ein Insasse kam bei einem Scharmützel mit Einheimischen auf der Insel Tofua um. Alle anderen erreichten unter William Blighs Führung - trotz Stürme und knapper Vorräte - Timor lebend.
Die Bounty verließ im Dezember 1787 unter dem Kommando von Leutnant William Bligh England. Ab Oktober 1788 verbrachte die Crew fünf Monate auf Tahiti, um Brotbaumsetzlinge aufzunehmen - während des ausgedehnten Landgangs begann die Disziplin zu verfallen. Zurück auf dem Schiff, geriet Bligh mehrmals mit dem Zweiten Offizier Fletcher Christian aneinander. Nach einer durchzechten Nacht und mit Rückhalt mehrerer Matrosen, ließ Christian seinen Vorgesetzten am 28. April 1789 fesseln und setzte ihn in der Barkasse des Schiffes aus.
18 Mann weigerten sich, auf der Bounty zu bleiben, und begleiteten Bligh. Der Leutnant, ein ausgezeichneter Navigator, segelte das Beiboot in 48 Tagen 5.800 Kilometer nach Timor und kehrte von dort nach England zurück. Bligh wurde später Gouverneur in New South Wales in Australien und erreichte den Rang eines Vizeadmirals.
Schon zu Lebzeiten hatte Bligh mit einem schlechten Ruf zu kämpfen: Verwandte der Bounty-Meuterer, allen voran Fletcher Christians Bruder Edward, stellten ihn als knauserigen, grausamen und tyrannischen Kommandanten hin - eine Darstellung, die im Nachhall der französischen Revolution die Meuterei in den Augen vieler sogar legitimierte.
Die historische Forschung jedoch zeichnet ein anderes Bild von Kommandant Bligh. Er habe viel seltener zu drastischen Strafen wie Auspeitschen gegriffen, als es in der Navy damals üblich war, und sich sehr um das Wohlergehen seiner Leute gekümmert. Als Beleg dafür lässt sich die wochenlange Reise im Beiboot anführen: Lediglich ein Insasse kam bei einem Scharmützel mit Einheimischen auf der Insel Tofua um. Alle anderen erreichten unter William Blighs Führung - trotz Stürme und knapper Vorräte - Timor lebend.



