"Ab nach Bautzen!"
Ein besonderer historischer Fall sind die Gefängnisse in der sächsischen Kreisstadt Bautzen. Das DDR-Regime inhaftierte hier politische Gegner. Vorher nutzte der sowjetische Geheimdienst die alten Haftanstalten.Der Eingang zum Innenhof von Bautzen I heute.
Machtwort des Regimes
Die Geschichte der Knäste Bautzen I und Bautzen II steht für Kontinuität. Am Anfang, unter sowjetischer Besatzungsmacht, direkter Ausdruck des stalinistischen Terrors, zeigt Bautzen danach, wie Stalin in der DDR weiterlebte: Über alle "Liberalisierungen", über alle politischen Änderungen und allen sozialen Wandel hinweg blieb der missbrauchte Name dieser Stadt letztes Machtwort des Regimes.
Speziallager des NKWD
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahmen sowjetische Behörden der Einfachheit halber die etablierte Struktur des alten Bautzener Gefängnisreichs: Untersuchungshaft in Bautzen II, nahe des Amts- und Landgerichtsgebäudes, Strafvollzug, mehr außerhalb gelegen, im gelben Klinkerbau Bautzen I. "Speziallager Nr. 4 des NKWD" - festgenommene Nazis fanden sich hier wieder, Zelle an Zelle
Luftaufnahme von Bautzen I, 1935.
Aufbewahrungsort für Schwerverbrecher
Als das Mäntelchen der Legalität sich über den Osten Deutschlands legte, ging Bautzen I über in die Regie des DDR-Innenministers, als Aufbewahrungsort für Schwerverbrecher und zu langen Strafen verurteilte Kriminelle. In Bautzen I landeten aber auch jene, die, wegen politischer "Straftaten" ihrer Freiheit beraubt, für die Staatssicherheit der DDR nicht mehr direkt von Interesse waren.
Juristische Vorschriften außer Kraft
Dem institutionellen Selbstverständnis als "Untersuchungsorgan" entsprach parallel dazu die Oberhoheit des MfS über Bautzen II. Hier, in "Mielkes Privatknast", hatten "operative Zwänge" den Vorrang, wurden juristische Vorschriften, schlimmer noch als im üblichen Vollzug, außer Kraft gesetzt. Das Mäntelchen der Legalität ersetzte an diesem Ort der Mantel des Schweigens: Auf Stadtplänen der untergegangenen Diktatur ist Bautzen II ein weißer Fleck.
Nur stehen oder hocken
Von oppositionellen Schriftstellern - Walter Janka und Erich Loest gehörten dazu - über ausländische, oft wegen Fluchthilfe angeklagte Gefangene bis zu straffällig gewordenen ehemaligen SED-Kadern reichte das illustre Spektrum der Inhaftierten. "Selbständige Strafvollzugsanstalt Bautzen II" - das begann 1956. Gefürchtet waren Einzel- und Isolationshaft, ganz besonders gefürchtet der Arrest, der in speziellen Zellen unter menschenunwürdigen Bedingungen verbüßt werden musste: In "Tigerkäfigen", durch Quergitter auf rund drei Quadratmeter begrenzt, konnten Häftlinge 16 Stunden lang nur stehen oder hocken.
In aller Munde...
Bautzen, das ist - im Denken und Erinnern vieler - nicht die Stadt, die ein Gefängnis hat. Da hatten Gefängnisse eine Stadt, die von ihnen wenig zu wissen schien. Vom Bautzener Strafvollzug wurde jahrzehntelang "in aller Munde geschwiegen". Noch heute ist "Ab nach Bautzen!" die Überschrift über einem Kapitel DDR-Geschichte, das mehr Fragen als Antworten kennt.
Michael Schmittbetz (01.06.2004)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Gefängnis | ![]() |
Infobox
Verein Brücke
Der Wandel im Herbst 1989 erreicht auch die Gefängnisse in Bautzen. Aktivisten der Bürgerbewegungen gehen in die Anstalten und bieten sich den Häftlingen vor Ort als Vertrauenspersonen an. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Lage nicht eskaliert.
Der Arbeitskreis erweitert sich auf 25 bis 30 Helfer und wird als "Bürgerinitiative Strafvollzug" durch den Runden Tisch der Stadt legitimiert. Daraus geht 1991 der Verein Brücke hervor, der sich im Raum Bautzen der Straffälligen- und Bewährungshilfe widmet.
Vereinsmitglieder arbeiten im Beirat der heutigen JVA mit, dort organisieren sie Hilfsangebote für Gefangene, stehen zu Gesprächen zur Verfügung und kümmern sich auch nach der Entlassung um sie. "Nie wieder", so das Credo von Brücke e. V., "soll diese Anstalt eine unkontrollierte Tabuzone werden." (Quelle: Gedenkstätte Bautzen)
Der Wandel im Herbst 1989 erreicht auch die Gefängnisse in Bautzen. Aktivisten der Bürgerbewegungen gehen in die Anstalten und bieten sich den Häftlingen vor Ort als Vertrauenspersonen an. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Lage nicht eskaliert.
Der Arbeitskreis erweitert sich auf 25 bis 30 Helfer und wird als "Bürgerinitiative Strafvollzug" durch den Runden Tisch der Stadt legitimiert. Daraus geht 1991 der Verein Brücke hervor, der sich im Raum Bautzen der Straffälligen- und Bewährungshilfe widmet.
Vereinsmitglieder arbeiten im Beirat der heutigen JVA mit, dort organisieren sie Hilfsangebote für Gefangene, stehen zu Gesprächen zur Verfügung und kümmern sich auch nach der Entlassung um sie. "Nie wieder", so das Credo von Brücke e. V., "soll diese Anstalt eine unkontrollierte Tabuzone werden." (Quelle: Gedenkstätte Bautzen)



