Minirock 2.0
Das Klagelied von der immer frühreifer werdenden Jugend ist alt. In den letzten Jahren aber erreichte die Debatte eine neue Dimension. Von der "Generation Porno" ist heute die Rede. Zu Recht?Sexuell verwahrloste Jugend? Die neue Freizügigkeit im World Wide Web gilt als eine Ursache des Problems.
Wahllos und riskant
Die Berichte über sexuell verwahrloste Teenager, die ihren ersten Geschlechtsverkehr mit elf oder zwölf Jahren haben, die ständig Pornos konsumieren, die ihren Müttern beim Sex zuschauen dürfen und für die Sex kein Liebesakt sondern reine Freizeitbeschäftigung ist, trafen auf offene Ohren: Bereits seit Anfang 2007 geistert die so genannte Pornodebatte durch die deutsche Medienlandschaft. Eine alarmierende Entwicklung sei da zu beobachten, der frühreifen Jugend von heute seien Liebe und Zärtlichkeit fremd, stattdessen neige die "Generation Porno" zu wahllosem und riskantem sexuellen Verhalten. Dem "sexuellen Wahnsinn" könne kaum noch Einhalt geboten werden, warnt auch Siggelkow.
Mythos von der frühreifen Jugend
Werden wir Zeugen einer besorgniserregenden Entwicklung? Was ist dran am Postulat von der enthemmten und emotional verrohten Generation? Nicht viel, glaubt man den Ergebnissen der aktuellen Studie zur Jugendsexualität der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2006. Bereits seit 1980 befragt die Bundeszentrale Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren und stellt fest, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten wenig geändert hat: Den ersten Sex erlebt die Mehrheit der Jugendlichen nach wie vor im Alter zwischen 15 und 17 Jahren; Verhütung ist für einen Großteil der Befragten selbstverständlich. Veränderungen zu früheren Studien sind durchweg positiver Natur: So ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften gesunken, was sicher auch daran liegt, dass heute zwei Drittel aller Jugendlichen durch Eltern oder Schule aufgeklärt werden.
Ein "gemachtes" Problem
Woher aber kommt dann die Klage über die angeblich so lockere Sexualmoral von Heranwachsenden? Nun, es gibt immer wieder Phänomene oder Probleme, die entstehen, indem Menschen sie kreieren. Die mediale Berichterstattung fokussiert sich auf extreme Beispiele, Normalität hat in den Magazinen keinen Platz. Auf der anderen Seite konfrontieren Medien, Werbung und Internet die Jugend mit sexuellen Verhaltensweisen, die vor zwei, drei Generationen undenkbar gewesen wären.
Suche nach dem Extremen
In einem Interview mit der Welt weist die Hamburger Sexualforscherin und Psychotherapeutin Herta Richter-Appelt auf diesen Zusammenhang hin: In einer Gesellschaft, in der ein Tabu nach dem anderen begraben wird und in der es keine Schamgrenzen mehr gibt, würden die Jugendlichen nach etwas Extremem, Schockierendem suchen. Fündig werden sie im Internet, im Plattenladen oder im DVD-Regal der Eltern: Pornofilme und Porno-Rap sind nach Meinung der Sexualforscherin das, was einst Minirock und Irokesenschopf waren - verpönt und unanständig. Und damit bestens geeignet, die Erwachsenen zu provozieren.
Kurzer Kick und lange Bindung
Es scheint, als sei die "Generation Porno" nicht mehr als ein Schreckgespenst. Sicher, viele Teenies schauen sich heute wie selbstverständlich Pornos an. Die meisten aber könnten zwischen Fiktion und Realität unterscheiden, der kurze Kick habe keinen Einfluss auf ihr Sexualverhalten, sagt Herta Richter-Appelt. Vielmehr beobachtet die Expertin, dass das Überangebot an Sex echte, auf Liebe, Nähe und Treue basierende Intimität zwischen jungen Leuten immer wichtiger werden lässt. Die Sehnsucht nach einer langen Bindung sei groß wie nie. Eine Erkenntnis, die auch in den Redaktionen von Presse und Fernsehen angekommen zu sein scheint: Das mediale Interesse an der angeblich sexuell so verwahrlosten Jugend ist momentan schwach. Bis zum nächsten Skandal...
Ulrike Wolf (14.09.2009)
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Kurt Starke
Liebe und Sex, Flirt und Eifersucht, Kinderwunsch und Zärtlichkeit - das menschliche Gefühlsleben ist das Fachgebiet von Prof. Dr. Kurt Starke. Seit über vierzig Jahren interessiert sich der Sexualforscher für zwischenmenschliche Beziehungen aller Art.
Von 1967 bis 1990 arbeitete der am 13. Mai 1938 im sächsischen Königshain geborene Starke am Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) und studierte dort das Paarungs- und Beziehungsverhalten seiner Mitmenschen. Nach Schließung des Instituts 1990 führte er seine Studien als Leiter der Forschungsstelle Partner- und Sexualforschung in Leipzig fort, zum Beispiel zur Homosexualität und zur Studentensexualität in Ost- und West-Deutschland.
Seit Mitte der 1990er Jahre ist Starke freiberuflich in der Sexualforschung sowie publizistisch tätig. Seine Bücher haben eine Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren erreicht, seine Publikationen in Fachzeitschriften füllen Bände. Liebe und Sexualität bis 30, Schwuler Osten. Homosexuelle Männer in der DDR, Lexikon der Erotik heißen einige seiner bekanntesten Werke.
Das Ziel seiner Arbeit sieht Prof. Dr. Kurt Starke darin, das hochkomplexe Phänomen Liebe zu erforschen und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse als Entscheidungshilfen in Problemsituationen anzubieten.
Derzeit arbeitet Starke als wissenschaftlicher Beirat an einer Studie zur Jugendsexualität: Das Forschungsprojekt des Instituts für Sexualwissenschaft und Forensische Psychiatrie der Universität Hamburg befragt ab Herbst 2009 Jugendliche im Alter von 17 und 18 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Liebe, Sex, Beziehungen und dem Internet.
Liebe und Sex, Flirt und Eifersucht, Kinderwunsch und Zärtlichkeit - das menschliche Gefühlsleben ist das Fachgebiet von Prof. Dr. Kurt Starke. Seit über vierzig Jahren interessiert sich der Sexualforscher für zwischenmenschliche Beziehungen aller Art.
Von 1967 bis 1990 arbeitete der am 13. Mai 1938 im sächsischen Königshain geborene Starke am Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) und studierte dort das Paarungs- und Beziehungsverhalten seiner Mitmenschen. Nach Schließung des Instituts 1990 führte er seine Studien als Leiter der Forschungsstelle Partner- und Sexualforschung in Leipzig fort, zum Beispiel zur Homosexualität und zur Studentensexualität in Ost- und West-Deutschland.
Seit Mitte der 1990er Jahre ist Starke freiberuflich in der Sexualforschung sowie publizistisch tätig. Seine Bücher haben eine Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren erreicht, seine Publikationen in Fachzeitschriften füllen Bände. Liebe und Sexualität bis 30, Schwuler Osten. Homosexuelle Männer in der DDR, Lexikon der Erotik heißen einige seiner bekanntesten Werke.
Das Ziel seiner Arbeit sieht Prof. Dr. Kurt Starke darin, das hochkomplexe Phänomen Liebe zu erforschen und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse als Entscheidungshilfen in Problemsituationen anzubieten.
Derzeit arbeitet Starke als wissenschaftlicher Beirat an einer Studie zur Jugendsexualität: Das Forschungsprojekt des Instituts für Sexualwissenschaft und Forensische Psychiatrie der Universität Hamburg befragt ab Herbst 2009 Jugendliche im Alter von 17 und 18 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Liebe, Sex, Beziehungen und dem Internet.




