Sie da mit der Aktentasche...!
Wenn Zivilcourage gefragt ist, sind viele Menschen überfordert oder trauen sich nicht einzugreifen. Doch Mut im Alltag kann man lernen - und richtiges Verhalten trainieren.Soll ich eingreifen, wenn jemand in der Straßenbahn bedrängt wird? Die meisten Menschen bleiben in solchen Notfällen reglos und stumm.
Als im September 2009 in der Münchner S-Bahn zwei junge Männer vier Teenager belästigen, schaut der Fahrgast Dominik Brunner nicht weg. Brunner stellt sich schützend vor die 12- bis 14-Jährigen. Auf dem Bahnsteig nehmen die Angreifer Rache: Unter den Augen von 15 Zeugen verprügeln sie Brunner und verletzen ihn schwer am Kopf. Wenig später stirbt der 50-Jährige an seinen Verletzungen.
Ins Bewusstsein gerückt
Zugegeben, dass ein mutiger Akt der Zivilcourage so endet wie an der Münchner S-Bahn, ist ein Extremfall. Doch das Geschehen rückt das Thema Zivilcourage wieder ins Bewusstsein: Wie kann es sein, dass mehr als ein Dutzend Leute beim Überfall zugegen waren, aber keiner etwas unternommen hat? Und wie kann ein Einzelner in einer Notsituation eingreifen, ohne selbst in Gefahr zu geraten?
38 Zeugen
Für das Phänomen des Nichteingreifens gibt es einen wissenschaftlichen Namen: Zuschauereffekt oder auch Genovese-Syndrom. Anstoß der Forschung war der Mord an Kitty Genovese 1964 in New York. In einer Märznacht wurde die junge Frau auf offener Straße niedergestochen, sie schleppte sich in den Flur ihres Wohnhauses, wurde dort von ihrem Peiniger noch vergewaltigt und ausgeraubt. Nicht weniger als 38 Menschen hatten das Geschehen, wenn auch nur bruchstückhaft, mitbekommen. Als endlich jemand die Polizei verständigte, war es für die junge Frau zu spät.
Paradox, aber wahr: Je mehr Menschen bei einer Notsituation zugegen sind, umso unwahrscheinlicher ist es, dass jemand eingreift.
"Ich wollte nicht darin verwickelt werden", sagte später ein Zeuge der Polizei. Die Kitty-Genovese-Story wurde in den USA schnell zur Parabel auf Apathie und Gefühlskälte angesichts der Not anderer Menschen. Den Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané reichte diese Erklärung nicht aus. In zahlreichen Experimenten mit Einzelpersonen und Gruppen spürten sie den psychologischen Mechanismen nach, die jemanden veranlassen zu helfen - oder eben beiseite zu stehen.
Überraschendes Ergebnis
Fünf Entscheidungen und Hemmnisse, so das Ergebnis der Forscher, müsse ein Mensch treffen oder überwinden, bis er hilft: eine Situation bemerken, die Situation als Notsituation interpretieren, sich zum Eingreifen entscheiden, die Form der Hilfeleistung auswählen und schließlich helfen.
Für das Bemerken einer Situation spielt psychologisch vor allem Aufmerksamkeit eine Rolle; die Form der Hilfe hängt ab von den Fähigkeiten des Individuums. Ob eine Person eine Notsituation erkennt, sich zum Eingreifen entschließt und tatsächlich Hilfe leistet - und das ist das Überraschende an den Ergebnissen - hängt vor allem von der Gruppendynamik ab: Latané und Darley fanden heraus, dass ein Eingreifen umso unwahrscheinlicher wird, je mehr Menschen bei einer Notsituation zugegen sind!
Warum denn ich...?
Der Mechanismus dahinter ist simpel: das Anpassen an die Mehrheitsmeinung. Bemerkt ein Passant etwa eine Schlägerei auf offener Straße und sieht, wie andere Personen tatenlos dabei stehen, so wird er die Situation nicht als Notfallsituation einschätzen. Pluralistische Ignoranz sagen Wissenschaftler dazu.
Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Verantwortung übernimmt, sinkt ebenfalls, wenn viele Personen zugegen sind: "Jeder von denen könnte ja helfen", denkt jeder, "die können das bestimmt viel besser, warum soll ausgerechnet ich...?" Auch dafür hat die Wissenschaft einen Begriff: Verantwortungsdiffusion. Und selbst wenn jemand helfen möchte, kann Publikum noch hemmend wirken: Es möchte sich ja niemand blamieren oder vor aller Augen einen Fehler begehen...
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Infobox
"Zivilcourage zeigen" ist das Motto der Initiative Augen auf! mit Sitz in der Oberlausitz. Schwerpunkt der Arbeit ist die Förderung von sozialer Toleranz und Mut im Alltag - so gibt es auf der Website zahlreiche Informationen zum Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Aktion Zehn Punkte für Zivilcourage gibt Tipps für couragiertes Auftreten.
Was tun, wenn Bekannte oder Kollegen öffentlich rechte und rassistische Ansichten vertreten? Tipps hat das Tübinger Institut für Friedenspädagogik gesammelt.
Gewalt, Vandalismus, Belästigung - was alles passieren und wie Hilfe aussehen kann, darüber informiert die Aktion Tu Was der Polizei.
Tiefer gehende Informationen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher Praxis zum Thema Zivilcourage bietet die Publikation Zivilcourage lernen: Analysen - Modelle - Arbeitshilfen der Bundeszentrale für politische Bildung.
Was tun, wenn Bekannte oder Kollegen öffentlich rechte und rassistische Ansichten vertreten? Tipps hat das Tübinger Institut für Friedenspädagogik gesammelt.
Gewalt, Vandalismus, Belästigung - was alles passieren und wie Hilfe aussehen kann, darüber informiert die Aktion Tu Was der Polizei.
Tiefer gehende Informationen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher Praxis zum Thema Zivilcourage bietet die Publikation Zivilcourage lernen: Analysen - Modelle - Arbeitshilfen der Bundeszentrale für politische Bildung.
Infobox
Überliefert ist der Begriff Zivilcourage seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Frankreich und meint wörtlich "bürgerlichen Mut", wobei "bürgerlich" im doppelten Sinne zu verstehen ist: als "nicht-militärisch" einerseits, "anständig" andererseits. In Deutschland war Otto von Bismarck einer der ersten, der das Wort verwendete. Aus dem Jahr 1864 ist folgendes Zitat des späteren Reichskanzlers überliefert: "Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt."
Auf die Unterschiede zwischen Tapferkeit im Krieg und Zivilcourage geht der Autor und Friedenspädagoge Helmut Jaskolski ein: Der Mut des Soldaten entspringe dem Kameradschaftsgeist, aber auch Anpassungsdruck und Angst vor der Blamage. "Normalerweise stürmen Soldaten alle zusammen los", schreibt Jaskolski, "während diejenige Person, die Zivilcourage zeigt, ... auf sich selbst verwiesen und angewiesen ist, also nicht als Teil einer Masse oder Gruppe agiert."
Wer Zivilcourage zeige, stelle sich gegen die wahrgenommene Mehrheitsmeinung oder wenigstens gegen das tatsächliche Mehrheitsverhalten - das falle vielen schwer, denn, so Jaskolski, die Mehrheit der Menschen strebe nach einer unauffälligen, konformen Existenz. Die fortschreitende Individualisierung ermutige den Menschen auch nicht gerade zur Zivilcourage: "Warum sollte er jemandem helfen, wo es doch üblich geworden ist, dass jeder sich selbst hilft?" Zivilcourage, als "moderne Erscheinungsform" der "Kardinaltugend Tapferkeit", bedarf laut Jaskolski vor allem zwei Voraussetzungen: Selbstsein und Handeln-Können.
Auf die Unterschiede zwischen Tapferkeit im Krieg und Zivilcourage geht der Autor und Friedenspädagoge Helmut Jaskolski ein: Der Mut des Soldaten entspringe dem Kameradschaftsgeist, aber auch Anpassungsdruck und Angst vor der Blamage. "Normalerweise stürmen Soldaten alle zusammen los", schreibt Jaskolski, "während diejenige Person, die Zivilcourage zeigt, ... auf sich selbst verwiesen und angewiesen ist, also nicht als Teil einer Masse oder Gruppe agiert."
Wer Zivilcourage zeige, stelle sich gegen die wahrgenommene Mehrheitsmeinung oder wenigstens gegen das tatsächliche Mehrheitsverhalten - das falle vielen schwer, denn, so Jaskolski, die Mehrheit der Menschen strebe nach einer unauffälligen, konformen Existenz. Die fortschreitende Individualisierung ermutige den Menschen auch nicht gerade zur Zivilcourage: "Warum sollte er jemandem helfen, wo es doch üblich geworden ist, dass jeder sich selbst hilft?" Zivilcourage, als "moderne Erscheinungsform" der "Kardinaltugend Tapferkeit", bedarf laut Jaskolski vor allem zwei Voraussetzungen: Selbstsein und Handeln-Können.



