Vom Organ zur Einheit
Fehlende Qualitätskontrollen und mangelnde Ausbildung: Alternative Medizin birgt Risiken. Davor warnt Naturheilkundeexperte Josef Beuth im Interview.Die Naturheilkunde ist bereits seit einigen Jahren ein anerkannter Zweig der Medizin. Auch die Ärztekammer räumt ihr, unter dem Namen Komplementärmedizin, einen immer größeren Platz in Deutschland ein. In Köln gibt es das Institut für die wissenschaftliche Evaluation naturheilkundlicher Verfahren. Institutsdirektor Prof. Dr. med. Josef Beuth sprach mit LexiTV-Online über Anlaufschwierigkeiten, Unterschiede zur so genannten alternativen Medizin und über Perspektiven einer integrativen Methode.
LexiTV-Online: Sie plädieren für eine Abgrenzung der Naturheilkunde von alternativer Medizin. Wo kann man diese Grenze ziehen?
Josef Beuth: Eine Abgrenzung zwischen den medizinischen naturheilkundlichen Verfahren, die heute eher Komplementärmedizin genannt werden, und alternativer Medizin ist schwierig. Generell sollte es nur eine Medizin geben und die ist entweder gut oder eben nicht so gut. Ich beschäftige mich vornehmlich mit Krebspatienten und hier wird das Problem deutlicher. Dann würde der Begriff alternative Medizin bedeuten, dass es Alternativen zur konventionellen, gut erprobten Medizin gibt. Das ist nicht der Fall.
LexiTV-Online: Wofür steht der Begriff Naturheilkunde dann?
Josef Beuth: Es gibt, auch in Deutschland, Kliniken, die versuchen, ihren Patienten Standardtherapien auszureden und alternative Methoden anzuwenden, für die noch keine ausreichenden Untersuchungen zur Verfügung stehen. Deswegen hat die Ärztekammer auch den Begriff Komplementärmedizin übernommen, der optimierende Verfahren beschreibt, die die Naturheilkunde bietet. Diese werden immer nur zusätzlich zu Standardtherapien angewendet, können aber durchaus aggressive Nebenwirkungen reduzieren und die Lebensqualität der Patienten verbessern.
LexiTV-Online: Eine Studie, die Ihr Institut mit dem Pharmaunternehmen Pascoe erstellt hat, kam zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent der Bevölkerung Naturheilkunde als Möglichkeit in Betracht ziehen. Wie bewerten Sie den Wandel im Ansehen der Komplementärmedizin?
Josef Beuth: Der Wandel ist minimal. Es gibt seit langem Untersuchungen des Allensbach-Institutes, die zeigen, dass der Prozentsatz in der Bevölkerung schon immer recht hoch war. Ich denke nicht, dass das Vertrauen in die Schulmedizin schwindet, sondern dass eher das Bewusstsein gestärkt wird, auch bei schwereren Krankheiten, wie Krebs, nach Alternativen zu suchen, aktiv zu werden und selbst etwas für sich zu tun.
LexiTV-Online: Welche Reaktionen bekommen Sie von Kollegen der konservativen Schulmedizin?
Josef Beuth: Ich bin in der glücklichen Lage, an einem etablierten Institut zu arbeiten, und von Kritik aus der Schulmedizin weitgehend befreit. Das Institut zur wissenschaftlichen Evaluierung naturheilkundlicher Verfahren in Köln besteht seit zehn Jahren, und natürlich hatten wir am Anfang viel mehr Gegenwind. Jedoch arbeiten wir im Rahmen des Disease Management Programs, eines Qualitätsmanagement- Projekts, auch mit der Ärztekammer und den Versicherungen zusammen, um ein wirkungsvolles, qualitativ hochwertiges Komplettprogramm für Patienten liefern zu können.
LexiTV-Online: Also gibt es gar keine Kritik?
Josef Beuth: Kritik bekommen wir eher seitens der alternativen Medizin, da wir versuchen, Patienten über unsinnige Methoden umfassend aufzuklären. Hier wird sehr viel Geld für nicht genügend erforschte Therapien ausgegeben, die sogar gefährlich werden können. Diese Warnhinweise meinerseits werden von den Kollegen auf dem Gebiet nicht immer gut aufgenommen. Es gibt zu wenige Qualitätsbeschränkungen. Jeder Arzt kann sich natürlich so eine Zusatzbezeichnung holen. Aber es fehlt an einer konstanten Qualitätskontrolle und regelmäßigen Fortbildungsmaßnahmen.
LexiTV-Online: Hinter medizinischer Forschung steht noch immer das Geld der Pharmaunternehmen. Wie wirkt sich der Umstand auf Ihre Arbeit aus?
Josef Beuth: Die Naturheilkunde hat vor allem das Handicap, dass hier Verfahren getestet werden, die keinen Profit versprechen. Ich arbeite gerade an einer Untersuchung mit einem Tee aus der Eifel, der Viren abtöten soll. Das verspricht gerade für Pharmakonzerne meist nicht genug Gewinn. Sicher sehe ich einen leichten Wandel auf dem Gebiet, bin aber nicht naiv und weiß, dass das Geld noch immer im Vordergrund steht.
LexiTV-Online: Was sind die Perspektiven für die Naturheilkunde und die Kombination der Komplementär- und Schulmedizin?
Josef Beuth: In Zukunft wird diese Form der integrativen Medizin das A & O sein. Die meisten Menschen betrachten sich eben nicht als Ansammlung von Organen, sondern als Einheit. Zudem kann die Naturheilkunde Hilfestellungen für ein besseres Leben geben, welche von Ernährung über Bewegung bis hin zur Psyche reichen. Wir arbeiten in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel mit dem Landessportbund zusammen, der mit den Krankenkassen in jedem Ort Sportgruppen organisiert, denen man beitreten kann. Mittlerweile werden solche Verfahren, wie auch Ernährungskurse, von fast allen Kassen übernommen. Mir ist es wichtig, dass die Menschen ein gesundes Egoismus-Training bekommen. Zu allererst sollte man sich darüber klar werden, was für den eigenen Körper und die eigene Gesundheit gut ist. Generell ist es wichtig, dass auch die Komplementärmedizin nach wissenschaftlichen Prinzipien getestet wird.
LexiTV-Online: Herr Professor Beuth, danke für dieses Gespräch.
(Das Interview führte Caroline Bergmann, 11.01.2010)
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Das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren (IWENV) wurde 1999 an der Universität Köln gegründet. Seitdem wurde unter anderem ein Exzellenzzentrum eingerichtet - ein Sonderforschungsgebiet, in dem die interdisziplinäre Kooperation verschiedener Fachbereiche gefördert wird. Außerdem ist das IWENV Teil des Disease Management Programms (DMP).
In diesem Qualitätsmanagementprogramm arbeitet Prof. Dr. med. Josef Beuth zusammen mit den Kollegen der Schulmedizin, der Ärztekammer und auch den Versicherungen, um eine umfassende und wirkungsvolle Methode für die Heilung von Krebspatienten zu erforschen.
Beuth beschäftigt sich vor allem mit Brustkrebspatienten, setzt sich stark für eine ganzheitliche Methode in der Medizin ein und versucht, auch in eigenen Publikationen, Patienten über gefährliche Scheinalternativen aufzuklären.
Das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren (IWENV) wurde 1999 an der Universität Köln gegründet. Seitdem wurde unter anderem ein Exzellenzzentrum eingerichtet - ein Sonderforschungsgebiet, in dem die interdisziplinäre Kooperation verschiedener Fachbereiche gefördert wird. Außerdem ist das IWENV Teil des Disease Management Programms (DMP).
In diesem Qualitätsmanagementprogramm arbeitet Prof. Dr. med. Josef Beuth zusammen mit den Kollegen der Schulmedizin, der Ärztekammer und auch den Versicherungen, um eine umfassende und wirkungsvolle Methode für die Heilung von Krebspatienten zu erforschen.
Beuth beschäftigt sich vor allem mit Brustkrebspatienten, setzt sich stark für eine ganzheitliche Methode in der Medizin ein und versucht, auch in eigenen Publikationen, Patienten über gefährliche Scheinalternativen aufzuklären.



