Das Steh-Auf-Organ
Bei uns stirbt jeder dritte Betroffene an den Folgen des Schlaganfalls. Überlebende müssen meist geduldig Fähigkeiten wiedererlernen, die vor dem Schlag selbstverständlich waren.Unzählige Gefäße versorgen das Gehirn mit Blut. Kommt nun in einer Region nicht genügend Blut an, ist ein Schlaganfall die Folge.
Energieausfall im Kopf
Unter einem Schlaganfall, auch Gehirnschlag, Insult oder Apoplex genannt, versteht man plötzlich auftretende Funktionsausfälle im Zentralen Nervensystem, die durch Störungen in der Blutversorgung des Gehirns hervorgerufen werden. Von Minderdurchblutung betroffene Zellen erhalten keinen Sauerstoff mehr. Ihnen geht die Energie aus und sie sterben ab. Die Folgen können sein: Taubheitsgefühl und Lähmungen, Störungen beim Sprechen, Verstehen, Schlucken, bis hin zu Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Verwirrtheit.
Zeit ist Hirn
Je länger die Minderdurchblutung der betroffenen Hirnregion anhält, umso wahrscheinlicher bleiben dauerhafte Schäden zurück. Schnelles Erkennen und Behandeln entscheidet daher über Überlebens- und Genesungschancen von Schlaganfallpatienten: "Time is brain", Zeit ist Hirn, wie Ärzte sagen. Selbst Laien können anhand einfacher Tests einen Schlaganfall erkennen (siehe Infobox). Mediziner verwenden zur Diagnose bildgebende Verfahren wie Computertomografie und Kernspintomografie. So lokalisieren sie, in welchen Gehirnregionen nicht genügend Blut ankommt und was die Ursache dafür ist.
Verstopfte Gefäße
Die meisten Schlaganfälle, rund achtzig Prozent, gehen auf Gefäßverschlüsse oder -verengungen zurück - diese Form heißt auch Hirninfarkt. Verkalkung der Gefäße (Arteriosklerose) oder Blutpfropfen (so genannte Thromben), die an Engstellen "hängen bleiben", sind dafür verantwortlich. In etwa zwanzig Prozent der Fälle löst eine Hirnblutung den Schlaganfall aus: Blut tritt aus einem verletzten Gefäß ins Hirngewebe ein.
Eine Million Hilfebedürftige
Bis zu eine Viertelmillion Menschen jährlich erleiden in Deutschland einen Schlaganfall. Mehr als ein Drittel davon verstirbt innerhalb von zwölf Monaten nach dem Schlag. Für Überlebende beginnt die oft langwierige Phase der Rehabilitation: Durch Schlaganfall hervorgerufene Lähmungen, Sprach- und andere Störungen bilden sich, wenn überhaupt, nur langsam zurück. Mit den Folgen eines Schlaganfalls leben in Deutschland derzeit rund eine Million Menschen - er ist die häufigste Ursache für Behinderungen und Pflegebedürftigkeit im Erwachsenenalter.
Dank Computertomografie fällt heute die Diagnose "Schlaganfall" nicht schwer. Die Hirnscans erlauben auch, die Wirksamkeit von Rehamaßnahmen zu untersuchen.
Die Tatsache, dass viele Patienten pflegebedürftig bleiben, liegt im Ausfall der Gehirnzellen begründet: Abgestorbene Nervenzellen sind für immer verloren; sie bilden sich nicht neu und sie wachsen nicht nach. Lähmungen und Sprachstörungen, so glaubten Mediziner lange Zeit, seien daher im Gehirn gewissermaßen festgeschrieben. Training sei zwar anzuraten, um ein paar grundlegende Fähigkeiten wiederzuerlangen. Doch den zu erwartenden Erfolgen sei eine biologische Grenze gesetzt, und die liege eher niedrig.
Starres Gehirn?
Zweifel an solchen Vorstellungen vom "starren" Gehirn kamen vor allem aus der Praxis. So machte zum Beispiel während der 1940er Jahre die Londoner Physiotherapeutin Berta Bobath eine interessante Beobachtung: Spastische Lähmungen waren keineswegs konstant, sondern veränderten sich je nachdem, wie der Patient gelagert oder bewegt wurde. Davon ausgehend entwickelte Berta Bobath gemeinsam mit Ehemann Karel, einem Neurologen, ein Rehabilitationskonzept - beruhend auf der Annahme, dass das Gehirn sich "umorganisieren" und so verlorene Fähigkeiten wieder erlernen könne.
Sanfte Folter
Von dieser Annahme geht auch die Forced Use Therapy aus, die "Therapie des erzwungenen Gebrauchs", die der Psychologe Edward Taub und Kollegen an der University of Alabama at Birmingham (USA) für Patienten mit partieller Halbseitenlähmung entwickelt haben. Für die Patienten ist es eine Art sanfte Folter: Sie bekommen einen Fäustling über die gesunde Hand gestülpt und müssen fortan vor allem die beeinträchtigte Hand benutzen. Schon nach wenigen Tagen können sie einfache Alltagsverrichtungen - das Licht einschalten, den Telefonhörer abnehmen, eine Schublade öffnen - wieder mit der kranken Hand ausführen.
Mit Musik geht vieles leichter: zum Beispiel das Trainieren der Motorik nach einem Schlaganfall.
Der Mechanismus, der hinter der Forced Use Therapy steckt, ist so einfach wie erstaunlich: Fällt ein Gehirnareal aus, so kann, mit entsprechendem Training und der nötigen Geduld, ein benachbartes Areal dessen Funktion übernehmen. Das Gehirn ist offenbar in der Lage, sich neu zu "verkabeln" und sich so zu heilen. Neuroplastizität sagen die Experten dazu.
"Mein Ziel ist es, das Gehirn der Patienten zu verändern", kommentiert Edward Taub den Zweck der Forced Use Therapy. Dass das klappt, ist sogar durch wissenschaftliche Untersuchungen nachweisbar: Hirnscans verzeichnen hohe elektrische Aktivitäten sowie erhöhte Durchblutung und Sauerstoffzufuhr in Arealen, die neue Funktionen erlernen.
Lernen ohne Ende
Das Erstaunliche ist, dass Neuroplastizität nicht vom Alter abhängt und auch nicht davon, wie lange ein Schlaganfall her ist. Selbst ein achtzigjähriger Patient, der fünfzig Jahre lang mit Halbseitenlähmung gelebt hatte, lernte dank Edward Taubs Methode, seine gelähmte Seite wieder einzusetzen. Mit den Erkenntnissen der Forced Use Therapy hoffen Experten, nicht nur Schlaganfallpatienten zu helfen, sondern auch Menschen mit Hirntraumen, Multipler Sklerose oder sogar Leseschwäche. Und selbst für "gesunde" Menschen gibt es eine Lehre: Jederzeit ist der Denkapparat in der Lage, sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen - auch im hohen Alter muss das Lernen nicht aufhören.
Urte Paul (18.11.2008)
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Infobox
Schlaganfall erkennen
Anhand dreier einfacher Tests können Laien einen Schlaganfall erkennen:
1. Die eventuell betroffene Person soll lächeln.
2. Die Person soll bei geschlossenen Augen beide Arme geradeaus strecken, mit der Handinnenseite nach oben.
3. Die Person soll einen einfachen Satz nachsprechen.
Verzieht sich das Gesicht beim Lächeln einseitig oder klappt das Anheben des Arms nicht richtig, könnte eine Halbseitenlähmung vorliegen. Undeutliches, verwaschenes Sprechen deutet auf Sprachstörung hin. Tritt mindestens eins der Anzeichen ein, sollte sofort der Notarzt verständigt werden.
Anhand dreier einfacher Tests können Laien einen Schlaganfall erkennen:
1. Die eventuell betroffene Person soll lächeln.
2. Die Person soll bei geschlossenen Augen beide Arme geradeaus strecken, mit der Handinnenseite nach oben.
3. Die Person soll einen einfachen Satz nachsprechen.
Verzieht sich das Gesicht beim Lächeln einseitig oder klappt das Anheben des Arms nicht richtig, könnte eine Halbseitenlähmung vorliegen. Undeutliches, verwaschenes Sprechen deutet auf Sprachstörung hin. Tritt mindestens eins der Anzeichen ein, sollte sofort der Notarzt verständigt werden.
Infobox
Risikofaktoren Schlaganfall
Nur alte Leute bekommen einen Schlaganfall, lautet ein gängiges Vorurteil. Das ist falsch: Die Hälfte aller Schlaganfallpatienten ist im erwerbsfähigen Alter, fünf Prozent sind sogar jünger als vierzig Jahre. Zutreffend hingegen ist, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, mit dem Alter zunimmt: Ab dem 55. Lebensjahr verdoppelt sich das Risiko alle zehn Jahre.
Grundsätzlich kann ein Schlaganfall jeden treffen; das individuelle Risiko hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören neben dem Alter auch das Geschlecht (Männer sind häufiger betroffen als Frauen) und die genetische Veranlagung. Krankheiten und Lebensweise wirken sich ebenfalls auf das Schlaganfallrisiko aus - alles, was schädlich ist für die Gefäße oder für den Blutfluss, trägt zu einem eventuellen Schlaganfall bei: Diabetes mellitus und Störungen des Fettstoffwechsels, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, Nikotin- und Alkoholkonsum gepaart mit Bewegungsmangel.
Fünfzehn Prozent der jährlichen Todesfälle gehen in Deutschland auf Schlaganfall zurück - nur an Herzinfarkt und an Krebs sterben hierzulande mehr Menschen.
Nur alte Leute bekommen einen Schlaganfall, lautet ein gängiges Vorurteil. Das ist falsch: Die Hälfte aller Schlaganfallpatienten ist im erwerbsfähigen Alter, fünf Prozent sind sogar jünger als vierzig Jahre. Zutreffend hingegen ist, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, mit dem Alter zunimmt: Ab dem 55. Lebensjahr verdoppelt sich das Risiko alle zehn Jahre.
Grundsätzlich kann ein Schlaganfall jeden treffen; das individuelle Risiko hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören neben dem Alter auch das Geschlecht (Männer sind häufiger betroffen als Frauen) und die genetische Veranlagung. Krankheiten und Lebensweise wirken sich ebenfalls auf das Schlaganfallrisiko aus - alles, was schädlich ist für die Gefäße oder für den Blutfluss, trägt zu einem eventuellen Schlaganfall bei: Diabetes mellitus und Störungen des Fettstoffwechsels, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, Nikotin- und Alkoholkonsum gepaart mit Bewegungsmangel.
Fünfzehn Prozent der jährlichen Todesfälle gehen in Deutschland auf Schlaganfall zurück - nur an Herzinfarkt und an Krebs sterben hierzulande mehr Menschen.
Infobox
Therapie nach Noten
Den sprichwörtlichen "Zauber der Musik" entdecken auch immer mehr Ärzte und Therapeuten in der Behandlung von Schlaganfallpatienten. So brachte ein Arzt in Boston in den 1970er Jahren Menschen mit Sprachverlust über das Singen das Sprechen wieder bei.
Die Patienten lernten zunächst, einfache Sätze zu singen, und glichen dann die "Melodie" mehr und mehr dem normalen Sprechen an. Das funktioniert sogar dann, wenn das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte außer Gefecht gesetzt ist - Liedtexte verarbeitet das Gehirn nämlich in einem anderen Areal in der rechten Hirnhälfte.
Die Gehfähigkeit lässt sich ebenfalls mit Musik verbessern, fand eine internationale Studie des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung heraus: Wird das Gehen durch Musik rhythmisch unterstützt, verringern sich Bewegungsdefizite meist schneller als durch andere Methoden.
Um Beweglichkeit geht es auch beim Musikunterstützten Training, das in Hannover entwickelt wurde. Statt die Motorik durch Auffädeln von Glasperlen oder Auf- und Zudrehen von Flaschen zu trainieren, erhalten Patienten Unterricht am Instrument. Zunächst spielen sie auf Trommeln, später auch am Keyboard. Mehrere Studien belegen inzwischen die Wirksamkeit dieser Methode.
Der positive Einfluss von Musik in der Therapie lässt sich unter anderem damit begründen, dass die Musik nicht nur eine einzige Hirnregion anspricht, sondern viele: Sie betrifft zum Beispiel Gehör und Bewegungsapparat, Gefühl und Verstand und fördert deren Zusammenwirken.
Den sprichwörtlichen "Zauber der Musik" entdecken auch immer mehr Ärzte und Therapeuten in der Behandlung von Schlaganfallpatienten. So brachte ein Arzt in Boston in den 1970er Jahren Menschen mit Sprachverlust über das Singen das Sprechen wieder bei.
Die Patienten lernten zunächst, einfache Sätze zu singen, und glichen dann die "Melodie" mehr und mehr dem normalen Sprechen an. Das funktioniert sogar dann, wenn das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte außer Gefecht gesetzt ist - Liedtexte verarbeitet das Gehirn nämlich in einem anderen Areal in der rechten Hirnhälfte.
Die Gehfähigkeit lässt sich ebenfalls mit Musik verbessern, fand eine internationale Studie des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung heraus: Wird das Gehen durch Musik rhythmisch unterstützt, verringern sich Bewegungsdefizite meist schneller als durch andere Methoden.
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Der positive Einfluss von Musik in der Therapie lässt sich unter anderem damit begründen, dass die Musik nicht nur eine einzige Hirnregion anspricht, sondern viele: Sie betrifft zum Beispiel Gehör und Bewegungsapparat, Gefühl und Verstand und fördert deren Zusammenwirken.



