Tanz Palucca!
Für Gret Palucca war die strenge Formensprache des klassischen Balletts ein rotes Tuch. Sie tanzte aus dem Gefühl heraus, temperamentvoll, impulsiv und kraftvoll.Gret Palucca setzte Maßstäbe im Bereich des modernen Ausdruckstanzes.
Schon zu Lebzeiten Legende
Ihr Eigensinn und ihr Drang, sich frei und intuitiv auf die Musik und auf den Rhythmus einzulassen, sollten der jungen Tänzerin bald internationale Berühmtheit bringen. Palucca - wie sie sich ab ihrem 21. Lebensjahr nannte - wurde schon zu Lebzeiten zur Legende: zur teils selbst geschaffenen Geschichte einer Frau, deren nicht immer geradlinige Karriere durch Kämpfertum wie auch durch die Bereitschaft zu Kompromissen geprägt war.
Herrliches junges Raubtier
1920 begann Gret Palucca (1902 bis 1993) in Dresden ihre Ausbildung bei Mary Wigman, der Grande Dame des expressionistischen Ausdruckstanzes. In deren Ensemble brachte sie es zu frühem Star-Ruhm. Doch "das herrliche junge Raubtier", wie ein Kritiker sie einmal nannte, hatte Schwierigkeiten, sich unterzuordnen - was schließlich zum Bruch mit Wigman führte. Und es führte dazu, dass Palucca 1925, mit gerade einmal dreiundzwanzig Jahren, ihre eigene Schule in Dresden gründete.
Wie aus der Pistole geschossen
Publikum und Kritiker waren begeistert vom Temperament und von der Sprunggewalt der jungen Tänzerin. Sie sei "in ihrem Tanz wie gestanzt, wie gehämmert, wie aus der Pistole geschossen." Sie lebte nicht für den Tanz - Palucca lebte den Tanz. Ihre Auftritte in ganz Deutschland und in Europa ließ sie mit "Tanz Palucca" ankündigen: Zwei Worte nur, die genügten, den ebenso reinen wie hingebungsvollen Stil der Tänzerin zu umschreiben.
Palucca war nicht nur eine außerordentlich talentierte Tänzerin, auch auf dem Gebiet der Selbstvermarktung war sie unschlagbar. Mit einigem Werbeaufwand stilisierte sie sich zur großen Künstlerin. Die Namensänderung, der schlagkräftige Slogan - all das waren Mittel einer durchdachten Imagekampagne.
Deutscheste Tänzerin?
Von den Nationalsozialisten als "deutscheste Tänzerin" gefeiert, trat Palucca sogar bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1936 auf - ein Ereignis, das ihr einen weiteren Popularitätschub brachte - und welches sie später gern ungeschehen gemacht hätte. Immerhin erhielt Palucca nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der DDR den offiziellen Status als "Opfer des Faschismus". Nun, als Halbjüdin wurde sie bereits 1936 gezwungen, ihre Schule zu schließen - ein Auftrittsverbot, wie beispielsweise über ihre Mentorin Mary Wigman, verhängten die Nazis jedoch nicht. Wegen ihrer Berühmtheit - und mit Sondergenehmigung - durfte sie weiter auf die Bühne, 1943 noch über siebzig Mal.
Emotional und kraftvoll war Paluccas Stil.
Den über Jahre erarbeiteten Ruhm machte Palucca sich auch dann wieder zunutze, als sie 1950 wegen eines schweren Autounfalls ihre aktive Karriere als Tänzerin beenden musste. Bereits kurz nach Kriegsende öffnete im zerstörten Dresden ihre Schule wieder die Pforten. Nun konzentrierte sich "die P." - wie ihre Schüler sie verehrend nannten - völlig auf die Arbeit als Tanzpädagogin. Doch, sich unterzuordnen war weiterhin nicht ihre Art.
Kämpfen für die Kunst
Palucca war sich Ihrer Bedeutung in der DDR stets bewusst. So erlaubte sie es sich, den angebotenen Vaterländischen Verdienstorden in Bronze zunächst abzulehnen: Auf Auszeichnungen sei sie nicht angewiesen, und wenn sie schon eine erhalten solle, dann doch bitte der Bedeutung ihrer Arbeit und ihrem internationalen Ruhm gemäß. Klug wie sie war, nahm sie den Orden später doch an - im Hinterkopf immer auch den Kampf für ihre Kunst und für den Fortbestand ihrer Schule.
Geben und nehmen
Es war ein Geschäft: Palucca wusste, was zu geben nötig war, um Eingriffe in ihre Arbeit zu verhindern. Aber nach der Verstaatlichung ihrer Schule - auch wenn sie die unter ihrem Namen weiterführen durfte - wurde ihr Neuer künstlerischer Tanz vom klassischen Ballett sowjetischer Spielart verdrängt.
Immer wieder drohte sie damit, von Auslandsgastspielen nicht mehr zurückzukehren. Um die international anerkannte Künstlerin in der DDR zu halten, wurde Paluccas Forderung schließlich nachgegeben, weiterhin modernen Ausdruckstanz unterrichten zu dürfen.
Mit den Beinen denken
Was Palucca an ihre Schüler weitergab, war nicht nur tänzerisches Basiswissen sondern ein Lebensprinzip: Sie forderte von ihnen Eigenständigkeit und Kreativität - einen freien Geist, ganz im Widerspruch zur sozialistischen Doktrin. Mit dem Kopf tanzen und mit den Beinen denken - so lautete ihre Devise, nach der bis heute an der Dresdner Palucca-Schule ausgebildet wird.
Ulrike Wolf (02.06.2004/aktualisiert 15.04.2008)
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