Barbies Vorläufer
Überirdische Kräfte maß man ihnen einst bei: Die frühesten Puppen dienten religiösen Zwecken, sollten die Götter den Menschen gewogen machen. Im Europa des 16. Jahrhunderts bekamen Puppen ihren "modernen" Sinn.Weit ist der Weg von den magischen Puppen der alten Chinesen, Japaner und vieler Naturvölker bis in die Gegenwart des Puppen-Spielzeugs. Aus einer sehr frühen Epoche stammt die Theater-Puppe: Schon vor dem 14. Jahrhundert diente sie in zahlreichen Wandertheatern oder in den buddhistischen Tempeln Asiens der Verbreitung der religiösen Lehre.
"Moderner" Sinn
Es scheint so, dass Puppen erst im Europa des 16. Jahrhunderts ihren "modernen" Sinn bekamen: als Spielzeug für Mädchen, vor allem reicher Familien. Von dieser Zeit an war die Puppe nicht zuletzt Hilfsmittel der Erziehung: Sie wurde geliebt, und so wie sie sollte die Tochter des Hauses auch sein: brav, sauber, niedlich und folgsam.
Idole der besseren Damen
Barbies Ahnen hatten mit dem Verwandlungswunder von heute tatsächlich große Ähnlichkeit: Französische Modepuppen erzielten bei den Damen um die Mitte des 19. Jahrhunderts enorme Erfolge. Reich und aufwändig waren sie bekleidet - im Wortsinn optische Idole der höher gestellten Frau. Jeden Modetrend führte man zunächst an den Puppen vor. Im Grunde gab es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Puppen: Denn parallel dazu existierten ja die eigenhändig geschnitzten, bemalten oder genähten Puppen der ärmeren Leute, oft aus Ziegenleder oder Tuch, das mit Sägemehl gefüllt war.
Fabrikgeburten aus Porzellan
Überdeckt wurde der Klassen-Unterschied im Puppenreich durch die beginnende Industrialisierung. Große Puppenfabriken entstanden in England, Frankreich und Deutschland, etwa Jumeau und Bru in Paris, Armand Marseille, Simon & Halbig oder Kämmer & Reinhardt. Die Fabrikgeburten waren zunächst meist aus Holz oder Porzellan. Als Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts der Kunststoff auf den Markt kam, wurden Puppen zur Massenware. Tortulon, der Vorläufer des Zelluloids, war gut formbar, waschbar, fast unzerbrechlich und außerdem billig.
Aristokratie im Puppenreich
Inzwischen hatte die Puppe - ursprünglich Abbild der erwachsenen Frau - ihr Kindergesicht bekommen: Das französische Bébé stellte nunmehr den Typus des Kleinkindes dar. Erst 1908 entstand wieder eine echte Aristokratie im Puppenreich: In diesem Jahr nämlich prägten Designer und Hersteller anlässlich einer Ausstellung im Münchner Kaufhaus Tietz den Begriff der Künstler- oder Charakterpuppe: Nicht mehr nur liebliche Kindergesichter, sondern charaktervolle Züge mit sorgsam gemalten Augen, auch weinende oder schreiende Puppenkinder, sind jetzt zu finden.
Schaudernde Käufer
Das Resultat des neuen Trends war jedoch ein Desaster, ein riesiger Scherbenhaufen. Denn der Markt reagierte sehr zurückhaltend auf den anspruchsvollen Puppentyp. Die alte Puppe mit dem reizenden Ausdruck blieb gefragter. Kinder vermissten die geliebten klappbaren Schlafaugen ihrer Puppen. Als man den Charakterpuppen schließlich versuchsweise solche Schlafaugen einsetzte, schauderten die Käufer: Wegen ihrer ausgeprägten Züge wirkte die Puppe schlafend wie ein zur Fratze verzerrtes menschliches Gesicht. Tausende Puppenköpfe wurden in den Fabriklagerräumen zertrümmert.
Lust am Säubern und Ordnen
Der "Puppenmord" war ein Politikum. Immerhin galt die Puppe längst nicht mehr nur als Spielzeug wie jedes andere. Sie war die "heimliche Miterzieherin" der Gesellschaft. Den weiblichen Wesenskern der Mädchen entfalten, und aus diesem so früh wie möglich die Lust am Säubern und Ordnen - darum ging es Eltern und Pädagogen jener Zeit. Die Puppe spiegelte bürgerliche Ideale, genau so, wie sie den Idealen früherer Zeiten und der Gegenwart entspricht.
Glatter, schöner Durchschnitt
Idealköpfe - das war auch die Antwort der Hersteller auf die Katastrophe mit den Charakterpuppen. Der alte, unpersönliche Puppentyp und die Charakterpuppe gingen auf in einer neuen Puppengeneration. Anstelle von Charakterköpfen wurden schöne Durchschnittsgesichter en mode, die aber wiederum persönliche Ausstrahlung bekamen, weil sie die Züge vieler realer Personen in sich vereinigten. Die moderne Puppe - das Barbie-Konzept - war geboren.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 14.10.2010)
Infobox
Käthe Kruse (1883 bis 1968), die berühmte deutsche Puppenherstellerin, kam als Tochter armer Eltern in Breslau zur Welt. In der Tradition der Arme-Leute-Puppen stand sie ihr Leben lang.
Ihre erste Puppe bestand aus einer Kartoffel - für den Kopf - und einem großen viereckigen Stoffstück, dessen Zipfel jeweils die Arme und Beine darstellten. Das Innere des Stoffstücks war mit Sand gefüllt. So entstand ein weicher, anschmiegsamer Puppenkörper.
1910 präsentierte Käthe Kruse ihre Puppen erstmals der Öffentlichkeit - in ebenjenem Kaufhaus Tietz, das auch die Geburtsstunde der Charakterpuppe erlebt hatte. Leicht und beweglich wie ein Baby sollten ihre Geschöpfe sein. Die Gesichter, teils schelmenhaft und trotzig, waren ebenso gemalt wie die Haare.
1922 gelangten dann das "Schlenkerchen" und das "Träumerchen" auf den Markt. Das "deutsche Kind", ein Abbild von Käthe Kruses Sohn im Alter von vier Jahren, entstand 1929. Kruses Philosophie: warm, weich und natürlich sollen Puppen sein - einfach zum Liebhaben. Charakteristisches Merkmal der Käthe-Kruse-Puppen ist ihr Detailreichtum.
Ihre erste Puppe bestand aus einer Kartoffel - für den Kopf - und einem großen viereckigen Stoffstück, dessen Zipfel jeweils die Arme und Beine darstellten. Das Innere des Stoffstücks war mit Sand gefüllt. So entstand ein weicher, anschmiegsamer Puppenkörper.
1910 präsentierte Käthe Kruse ihre Puppen erstmals der Öffentlichkeit - in ebenjenem Kaufhaus Tietz, das auch die Geburtsstunde der Charakterpuppe erlebt hatte. Leicht und beweglich wie ein Baby sollten ihre Geschöpfe sein. Die Gesichter, teils schelmenhaft und trotzig, waren ebenso gemalt wie die Haare.
1922 gelangten dann das "Schlenkerchen" und das "Träumerchen" auf den Markt. Das "deutsche Kind", ein Abbild von Käthe Kruses Sohn im Alter von vier Jahren, entstand 1929. Kruses Philosophie: warm, weich und natürlich sollen Puppen sein - einfach zum Liebhaben. Charakteristisches Merkmal der Käthe-Kruse-Puppen ist ihr Detailreichtum.




