Die Schönburg: Seit mehr als tausend Jahren wacht sie an der Saale trutzig über das kleine Dorf gleichen Namens.
Auf der Burg
Die meisten Burgen des späten Mittelalters waren klein, eng, kalt und zugig. Rauschende Feste feierte man dort kaum. Doch Ritter war nicht gleich Ritter und Burg nicht gleich Burg: Reichtum und Armut lagen dicht beieinander. Das Leben der Burgbewohner spielte sich - vor allem im Winter - vorwiegend im Pallas ab, dem zentralen hausartigen Turm. In dessen Erdgeschoss lag die Küche, darüber notdürftig geheizte Kaminräume, die so genannten Kemenaten - und manchmal ein Saal. Vorratslager oder Verliese gab es im Turmsockel. Verglaste Fenster galten als Luxus: Im Allgemeinen begnügte man sich mit Fischblasen, die auf Holzrahmen gespannt waren.Küchen - würdig eines Kaisers
Die Historikerin Barbara Tuchmann beschreibt eine für damalige Verhältnisse riesige Anlage, die Burg Coucy in Frankreich: "Innerhalb der sechs bis zehn Meter dicken Mauern verband eine spiralförmige Treppe die drei Stockwerke des Bergfrieds. Ein offenes Loch oder 'Auge' im Dach des Turms, das in jeder Etage sein Gegenstück hatte, spendete spärliches Licht, im Innern herrschte immer Halbdunkel." Für kulinarische Genüsse hatte man auf Coucy jedoch gut vorgesorgt: "Der Bergfried hatte Küchen, die, wie ein beeindruckter Zeitgenosse sagte, 'Kaiser Neros würdig' waren. Auf dem Dach gab es einen Regenwasser-Fischteich, im Keller eine Quelle; Backöfen, Lagerräume, große Feuerstellen mit Rauchabzug und Latrinen gab es in jedem Stockwerk."
Räubernest...
Die Burg Coucy, Heimstatt für bis zu 1.500 Bewaffnete, war freilich ein seltenes Exemplar ihrer Art. Als Besitz eines der mächtigsten Feudalherren Frankreichs setzte sie Maßstäbe, die erst in den gewaltigen Festungsbauten der Kreuzzüge wieder erreicht wurden. Ärmere Adlige und Ritter mussten sich mit weitaus weniger begnügen. Die Speise Armer Ritter - in Milch eingeweichtes Brot - hat ihren Namen nicht ohne Grund: Gegen Ende des Mittelalters verarmten viele Rittergeschlechter derart, dass ihre Burgen zu Räubernestern wurden, die an Komfort nicht mehr zu bieten hatten als manche Bauernhütte.
...und Handelsplatz
Ob arm oder reich: burgbesitzende Adlige waren um den Erhalt ihres Ansehens bemüht, das zur Behauptung ihrer Macht unerlässlich war. Schließlich hatten Burgen eine vielfältige soziale Funktion: Sie waren Fluchtpunkte in Krisenzeiten, Lager- und Handelsplätze, Gerichtsstätten und Verwaltungszentren.
Das Ideal der Minne. (Darstellung im Codex Manesse, der umfangreichsten mittelalterlichen Liederhandschrift, aus dem 14. Jahrhundert.)
Geschichten von Kampf und Liebe
Zwar waren die Beziehungen zwischen den Geschlechtern formell einigermaßen geregelt, dennoch entsprechen unsere Vorstellungen von Ritterlichkeit eher späteren höfischen Idealen als der Denk- und Fühlweise des Rittertums im Mittelalter. Gegessen wurde aus gemeinsamen Schüsseln; Gabeln oder gute Tischsitten kannte niemand. Wenn an langen Winterabenden die Talglichter brannten, dann lasen die Ritter - so sie des Lesens kundig waren - Geschichten über ihresgleichen: ruppige, bärenstarke Helden, die fast unvorstellbare Taten vollbrachten. Die Burg war aber auch ein literarisches Symbol: In dem gewaltigen Bilderbogen des mittelalterlichen Lebens, dem Rosenroman, ist sie die letzte Bastion, die genommen werden muss, um das Ziel der Liebessehnsucht zu erreichen.
Michael Schmittbetz (09.10.2002/aktualisiert 08.08.2006)
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Infobox
Der Rosenroman zählt zu den meistgelesenen Büchern seiner Zeit. Zwischen 1225 und 1280 entstand das aus über 22.000 Versen bestehende allegorische Werk. Es beschreibt den Weg eines verliebten Jünglings durch alle Höhen und Tiefen der Liebe, wobei eine Rose die von ihm Angebetete symbolisiert. Der Roman steht in der Tradition der idealisierten höfischen ars amatoria (Liebeskunst oder Liebeslehre): Durch das Überwinden von Widerständen und Hindernissen sollte der Liebende die Kunst der Liebeswerbung und des Liebens lernen und dabei moralische Läuterung erfahren. Von dieser spezifisch mittelalterlichen Vorstellung von Liebe wurde die höfische Kultur lange Zeit geprägt. Zeitgenössische Lyrik und Epik erinnern an das Ideal der Minne, welches für den Ritter vor allem den hingebungsvollen Dienst für eine Dame, die Unterwerfung unter ihren Willen und die Werbung um ihre Gunst bedeutete. Was ist aber mit Geschichten über Kreuzritter, die ihre Frauen mittels Keuschheitsgürtel zur Enthaltsamkeit gezwungen haben sollen? Ein Mythos: Meist stammen sie aus der Zeit des Barock - und wurden damals verbreitet, um das Bild das "finsteren Mittelalters" noch dunkler zu zeichnen.




