Kleriker, Ritter, Arbeiter: die ständische Gesellschaft des Mittelalters. (Darstellung aus dem späten 13. Jahrhundert)
Unbekannte Gesichter
Das Gesicht ist nicht nur der Spiegel der Seele. Es spiegelt auch die Zeit, in der ein Mensch lebt. Schon die Bildhauer der Antike konnten Gesichter so genial abbilden, dass darin mehr Geschichte lag als in vielbändigen Werken von Historikern. Welch eine Chance für das Verstehen! Die Gesichter mittelalterlicher Menschen aber kennen wir nicht: Von Bauern und Stadtarmen fertigte niemand Porträts.Vor verschlossener Tür?
Doch auch die wirklichen Züge von Königen und anderen hohen Herren waren Künstlern und Betrachtern egal: Ein Herzog hatte eben auszusehen wie ein Herzog, ein Bischof wie ein Bischof. Das Individuelle blieb hinter dem Stand, wir würden sagen: hinter der sozialen Rolle, zurück. Kein Maskenbildner könnte die Darsteller irgendeines Mittelalter- Films heute "originalgetreu" schminken; es bedürfte einer Zeitreise, um in den Augen Karls des Großen zu lesen und Motive oder Charakter im Blick zu erfassen. Stehen wir Menschen der Moderne also wie vor einer verschlossenen Tür, wenn wir das Lebensgefühl des Mittelalters nachempfinden wollen?
Moderne Mittelalter-Spiele
Vielleicht ist ja gerade die Tatsache, dass das individuelle Gesicht jener Zeit verloren ging, der Schlüssel zu ihrem Verständnis! Bei den zur Mode gewordenen Mittelalter-Märkten und Ritterspielen unserer Tage stellen wir uns vor, wie der Mensch des Mittelalters gewesen sein könnte: ungezügelt in Freude und Leid, spontan, manchmal brutal und dann auch wieder zutraulich auf kindliche Art. Die Augen des Ritters leuchten; er scheint merkwürdigerweise freier als wir und doch stärker an Regeln gebunden. Ging es ihnen besser als uns? War es wirklich angenehmer, im dunklen Wald überfallen zu werden, als durch Beschluss einer fernen Unternehmenszentrale seinen Job zu verlieren? Der große Unterschied zwischen dem Lebensgefühl des mittelalterlichen Menschen und unserem eigenen Selbstbild muss woanders zu suchen sein.
Was ist wirklich?
Lassen wir einen Mann zu Wort kommen, der sich als Schauspieler und Kulturhistoriker mit Gesichtern und Geschichte auskannte, Egon Friedell (1878 bis 1936): "Das Fundament, auf dem die Weltanschauung des Mittelalters ruhte, war der Grundsatz: ... Wirklich ist nicht das Individuum, sondern der Stand, dem es angehört. ... Wirklich ist nicht der einzelne Priester, sondern die Kirche, deren Gnadengaben er spendet: Wer er ist, bleibt gleichgültig, er kann ein Prasser, ein Lügner, ein Wüstling sein, das beeinträchtigt nicht die Heiligkeit seines Amtes, denn er ist ja nicht wirklich. Wirklich ist nicht der Reiter, der im Turnier sticht, sondern das große Ideal der ritterlichen Gesellschaft, das ihn umfängt und emporträgt. Wirklich ist nicht der Künstler, der in Stein und Glas dichtet, sondern der hochragende Dom, den er in Gemeinschaft mit vielen geschaffen hat. Er selbst bleibt anonym..."
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Infobox
Mittelalter heißen die rund tausend Jahre europäischer Geschichte, die von etwa 500 n. Chr. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts reichten. An ihrem Anfang standen die Völkerwanderung und das Ende des alten Rom, an ihrem Schluss der Fall Konstantinopels, die Reformation und die Entdeckung Amerikas. Es war keine einheitliche Zeit, denn das Leben im christlichen Osten, in Byzanz, war anders als im Reich der Franken. Doch als Sinnbilder des Mittelalters sind die gotischen Kathedralen, die Kreuzzüge und die Epoche der Staufer tief in unserem historischen Gedächtnis verankert.



