Sympathische Strömung
Um sich ein Westeuropa ohne Golfstrom vorzustellen, reicht ein Blick nach Kanada - dort wachsen statt Kirschbäumen Moose und Flechten. Um rund fünf Grad kälter wäre es in Europa ohne Golfstrom.Ein Karibu in Kanada: Ohne Golfstrom müssten auch wir Europäer uns an den Anblick gewöhnen.
Nur Moose und Flechten
Noch im späten Frühjahr wären Wollschal und Norwegerpullover zum Schutz vor Schneeschauern nötig. Auch Getreidefelder und Kühe gäbe es nicht mehr, zeigt der Blick über den Atlantik: In Kanada - an dessen Küsten der Golfstrom nie seinen wärmenden Arm ausstreckte - wachsen auf dem gleichen Breitengrad, auf dem auch Hamburg liegt, nur noch Moose und Flechten; Karibus marschieren dort durch die Tundra. Dass unsere Fauna immer noch so beschaffen ist, wie wir sie kennen, verdanken wir dem Nordatlantikstrom, der als wärmender Ausläufer des Golfstroms Teil des Golfstromsystems ist.
Minus zwanzig Grad
Um sich Europa in einer Kälteperiode ohne den Einfluss des Golfstroms vorstellen zu können, muss man 12.000 Jahre zurückblicken. Eine Computersimulation der NASA ergab, dass zum Ende der letzten Eiszeit, als die Gletscher schmolzen, der Golfstrom unter dem Zufluss der ungeheuren Wassermengen zeitweise stoppte.
Die Auswirkungen der fehlenden Wärmeströmung waren verheerend. Statt der heute üblichen 0,3 Grad Durchschnittstemperatur im Januar hätte ein prähistorisches Thermometer wohl minus zwanzig Grad angezeigt. Was von den Gletschern nicht abgetaut war, rückte bis nach Hamburg und Berlin vor; in anderen Regionen Deutschlands gab es statt grünender Wälder eine Kältesteppe.
Frostig trotz Erderwärmung
Wer verstehen will, warum es bei uns kälter wird, wenn global die Temperaturen steigen, muss sich an den Ursprung des Golfstroms begeben. Nördlich der Bahamas vereinigen sich Florida- und Antillenstrom. Entlang der nordamerikanischen Küste fließt das knapp fünfzig Kilometer breite, aufgeheizte Band dann in Richtung des Nordamerikanischen Beckens, von wo aus es in den Atlantik gelangt. Auf den kalten Labradorstrom trifft unser Wärmeband etwa 1.500 Kilometer von der amerikanischen Küste entfernt: Die den Labradorstrom antreibenden Winde lenken den Golfstrom nach Osten in Richtung Europa.
Danke, Golfstrom!
Die Meeresströmung wird ab hier Nordatlantikdrift genannt: Während seines Wegs über den Atlantik spalten sich Teile ab und fließen nach Süden oder Westen zurück. Nicht nur verringert sich die Wassermasse mit der Teilung, durch Verdunstung büßt der Strom auch Wärme ein. Zum Glück reicht die gespeicherte Energie noch aus, um hierzulande zumindest im Hochsommer für knappe Bikinis zu sorgen. In Südwales lässt der wärmende Strom sogar Palmen gedeihen.
Im Wärmebild sind die Strömungen kalten und warmen Wassers deutlich zu sehen.
In Nordeuropa trifft unsere "Fernheizung" auf grönländische Gletscher; die kalten Winde dort kühlen das ankommende Wasser erstmal kräftig ab. Nun hat kaltes Wasser die Eigenschaft, schwerer als warmes zu sein. Die erkalteten Wassermassen sinken also in die Tiefe und biegen dort nach Süden ab.
Dreitausend bis fünftausend Meter unter dem Meeresspiegel schießen jede Sekunde 17 bis 20 Milliarden Liter Kaltwasser in Richtung Äquator. Im Gegenzug liefert uns der Golf von Mexiko regelmäßig rund achtzig Milliarden tropisch erwärmtes Wasser in den Atlantik.
Salz ist wichtig
Entscheidend ist dabei der Salzgehalt grönländischer Gewässer: Je weniger Salz dort im Wasser gelöst ist, desto leichter bleibt das abkühlende Wasser, und desto langsamer sinkt es ab. Forscher berichten, dass genau das gegen Ende der Eiszeiten passierte: Schmelzende Gletscher verdünnten damals das Salzwasser.
Ähnliches könnte jederzeit wieder passieren; lässt der Treibhauseffekt die Temperaturen steigen, verdunstet mehr Wasser in wärmeren Gefilden. Zudem würden höhere Temperaturen für mehr Niederschlag auf das grönländische Eismeer sorgen - sein Salzgehalt würde verringert. Die kalten Wassermassen würden nicht absinken und warmes Wasser aus dem Atlantik könnte nicht nachfließen. Wie wahrscheinlich ein Versiegen des Golfstroms ist, bleibt in der Fachwelt umstritten. Noch können wir uns knapp bekleidet unter Apfelbäumen räkeln.
Kathleen Niebl (aktualisiert 01.11.2010)
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Superlativ Golfstrom
Der Golfstrom befördert pro Sekunde bis zu hundert Mal mehr Wasser als alle Flüsse der Welt zusammengerechnet. Etwa fünf Billiarden Watt an Leistung transportiert er damit: Zirka drei Millionen Kernkraftwerke wären nötig, um eine ähnliche Leistung zu erbringen.
Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 2,5 Metern pro Sekunde ist er zudem eine der stärksten Meeresströmungen überhaupt. Der Golfstrom ist auch Teil eines maritimen Strömungssystems, des Globalen Förderbandes.
Der Golfstrom befördert pro Sekunde bis zu hundert Mal mehr Wasser als alle Flüsse der Welt zusammengerechnet. Etwa fünf Billiarden Watt an Leistung transportiert er damit: Zirka drei Millionen Kernkraftwerke wären nötig, um eine ähnliche Leistung zu erbringen.
Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 2,5 Metern pro Sekunde ist er zudem eine der stärksten Meeresströmungen überhaupt. Der Golfstrom ist auch Teil eines maritimen Strömungssystems, des Globalen Förderbandes.
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Historische Strömung
Als sich der spanische Eroberer Juan Ponce de Leon um 1513 von Puerto Rico auf den Weg macht, um den Jungbrunnen ausfindig zu machen, stoßen er und seine Mannschaft auf ein merkwürdiges Phänomen: Eine widerspenstige Strömung nahe der amerikanischen Küste ist so stark, dass Schiffe sich ihr kaum entgegensetzen können. Ponce de Leon notiert seine Beobachtungen in ein Reisetagebuch und gilt fortan als Entdecker des Golfstroms.
Nur sechs Jahre später ist einem gewissen Anton de Alaminos der Wirkungsmechanismus des Stroms schon soweit bekannt, dass er sein Schiff bewusst von Vera Cruz in Mexiko nach Süden und dann mit dem Nordäquatorialstrom nach Westen lenkt. Durch geschicktes Manövrieren kann der findige Navigator so günstige Winde nutzen und Gegenströmungen auf der gesamten Strecke vermeiden.
De Alaminos macht als erster Seefahrer Gebrauch vom Golfstrom. Über Jahrhunderte bleibt die Strömung in der internationalen Seefahrtsliteratur jedoch ohne Erwähnung; erst der spätere Mitbegründer der amerikanischen Verfassung und damalige Postminister Benjamin Franklin wird 1769 wieder auf den Golfstrom aufmerksam.
Den damals in England lebenden Franklin erreichen Beschwerden über unterschiedlich lange Postwege. So gelangen von Europa verschickte Briefe erst Wochen später an ihren Bestimmungsort in Amerika als Sendungen, die den umgekehrten Weg nehmen.
Der Naturwissenschaftler Franklin zeichnete auf Basis einer Versuchsreihe eine Seekarte, mit deren Hilfe Postschiff-Kapitäne die Strömung umsegeln oder gezielt ausnutzen können: So genau waren seine Berechnungen, dass man damit bestimmen konnte, ob ein Schiff sich gerade inner- oder außerhalb des Stroms befand.
Als sich der spanische Eroberer Juan Ponce de Leon um 1513 von Puerto Rico auf den Weg macht, um den Jungbrunnen ausfindig zu machen, stoßen er und seine Mannschaft auf ein merkwürdiges Phänomen: Eine widerspenstige Strömung nahe der amerikanischen Küste ist so stark, dass Schiffe sich ihr kaum entgegensetzen können. Ponce de Leon notiert seine Beobachtungen in ein Reisetagebuch und gilt fortan als Entdecker des Golfstroms.
Nur sechs Jahre später ist einem gewissen Anton de Alaminos der Wirkungsmechanismus des Stroms schon soweit bekannt, dass er sein Schiff bewusst von Vera Cruz in Mexiko nach Süden und dann mit dem Nordäquatorialstrom nach Westen lenkt. Durch geschicktes Manövrieren kann der findige Navigator so günstige Winde nutzen und Gegenströmungen auf der gesamten Strecke vermeiden.
De Alaminos macht als erster Seefahrer Gebrauch vom Golfstrom. Über Jahrhunderte bleibt die Strömung in der internationalen Seefahrtsliteratur jedoch ohne Erwähnung; erst der spätere Mitbegründer der amerikanischen Verfassung und damalige Postminister Benjamin Franklin wird 1769 wieder auf den Golfstrom aufmerksam.
Den damals in England lebenden Franklin erreichen Beschwerden über unterschiedlich lange Postwege. So gelangen von Europa verschickte Briefe erst Wochen später an ihren Bestimmungsort in Amerika als Sendungen, die den umgekehrten Weg nehmen.
Der Naturwissenschaftler Franklin zeichnete auf Basis einer Versuchsreihe eine Seekarte, mit deren Hilfe Postschiff-Kapitäne die Strömung umsegeln oder gezielt ausnutzen können: So genau waren seine Berechnungen, dass man damit bestimmen konnte, ob ein Schiff sich gerade inner- oder außerhalb des Stroms befand.



