Land unter
Schon seit jeher prägen die Fluten der Nordsee Land und Leute. Die letzte große Sturmflut an der Nordseeküste brachte im Jahr 1962 über dreihundert Hamburgern den Tod.Die Nordsee avancierte im Februar 2006 zum Hauptdarsteller einer Fernseh-Produktion: Das tobende Meer spülte einem Kölner Privatsender in dem Zweiteiler Die Sturmflut mehr als elf Millionen Zuschauer zu. Dass für die Inszenierung der Hamburger Sturmflut von 1962 die "schnöden" historischen Fakten ein wenig zurecht gebogen wurden, störte nicht. Für weiteren Unterhaltungswert sorgte eine eingeflochtene, fiktive Romanze. In Wiklichkeit boten Nordsee-Sturmfluten wohl kaum einen Schauplatz für romantische Gefühle.
Julianenflut
Hunderttausende Menschenleben wurden schon lange vor 1962 von der Gewalt der Nordsee hinweggerafft: Die Flutgefahr gehörte zum Alltag der Küstenbevölkerung, das Wüten des Meeres wurde als Gotteszorn angesehen.
Ohne wirksamen Hochwasserschutz lebten Menschen jahrhundertelang demutsvoll in ständiger Gefahr, Leben und Heim zu verlieren. So kam es auch für Tausende bei der ersten historisch belegten Sturmflut: Im Februar des Jahres 1164 überflutete die Nordsee das dicht bevölkerte Land. Bis zu zwanzigtausend Menschen und unzählige Nutztiere kamen damals in den Wassermassen um. Die so genannte Julianenflut richtete vor allem großen Schaden im heutigen Niedersachsen an. Gleichzeitig ließ die Überschwemmung einen der schönsten Landstriche Deutschlands entstehen: den Jadebusen zwischen Wilhelmshaven und der Jademündung.
Grote Mandränke
Ganze Siedlungen - etwa die Hafenstadt Rungholt - verschwanden 1362 an der Küste des heutigen Schleswig-Holstein für immer von der Landkarte: Drei ganze Tage wütete die so genannte Grote Mandränke in der Region. Rund einhunderttausend Opfer zählte man, vielerorts hatte das Meer riesige Marschflächen erobert. Die norddeutsche Küste erhielt - zumindest in Ansätzen - ihre heutige Form: Die Nordsee ließ die ersten Halligen entstehen und teilte ein Eiland im Nordwesten des heutigen Niedersachsens in die Inseln Juist und Borkum.
Ein Stück Nordseeküste im Satellitenbild: Stürme und Fluten formten den Verlauf der Küste über die Jahrhunderte.
(Bild: Multimar Wattforum Tönning)
(Bild: Multimar Wattforum Tönning)
Von der einst knapp 220 Quadratkilometer großen Insel existieren heute lediglich die Restinseln Pellworm und Nordstrand. Das Alt-Nordstrander Friesisch, eine eigenständige Sprache, spülte die Flut aus dem Gedächtnis des Landes.
Schutz durch den Deltaplan
Noch bis weit ins Zwanzigste Jahrhundert hinein, forderte die Nordsee Tausende Opfer: Verschonte die Sturmflut von 1953 die deutsche Nordseeküste beinahe ganz, forderte sie in den Niederlanden knapp 1.800 Todesopfer. Der Grund: Ein Teil Hollands liegt unter dem Meeresspiegel und war bis dahin nur äußerst unzureichend durch Deiche geschützt. Erst in den 1990er Jahren, riegelte man im Zuge des Deltaplan-Projektes den gesamten Mündungsbereich von Rhein, Maas und Schelde durch Sperrwerke und Dämme von der Nordsee ab, um die Sturmflutgefahr zu bannen.
Auch Hamburg hatte unter den Folgen des langezeit mangelhaften Hochwasserschutzes zu leiden: Zweihundert Millionen Kubikmeter Wasser strömten am 16. und 17. Februar 1962 ins Hamburger Stadtgebiet, nachdem sechzig Deiche gebrochen waren; 315 Menschen verloren in der Hansestadt ihr Leben, die meisten davon auf der Elbinsel Wilhelmsburg, die nach einem Dammbruch vollständig überflutet wurde. Einhunderttausend Hamburger waren von den Fluten eingeschlossen, knapp dreißigtausend Menschen verloren ihre Wohnung. Der entstandene Sachschaden wird heute auf rund eine Milliarde Euro geschätzt.
Keine Gefahr bis 2030
Sturmflutopfer gibt es seit 1962 keine mehr zu beklagen; die Deiche wurden erhöht, der Küstenschutz ausgebaut: Knapp fünfhundert Millionen Euro hat sich allein Hamburg in den letzten Jahrzehnten den Katastrophenschutz kosten lassen. Doch wie lange werden die Deiche dem Klimawandel standhalten? Das ist eine Frage, die Wissenschaflter umtreibt. Schon heute steigen die Sturmpegel der Hansestadt im Durchschnitt um fünfzig Zentimeter höher als noch in den 1960er Jahren, und die Wassermassen brauchen eine Stunde weniger, um sich elbaufwärts von Cuxhaven nach Hamburg zu schieben. Immerhin bis 2030, meinen Experten, sei der bestehende Küstenschutz ausreichend. Die Nordsee wird auch weiterhin nicht zu unterschätzen sein.
Kathleen Niebl (09.03.2006)
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Infobox
Wie entsteht eine Sturmflut?
Wenn Wind mit Sturm- oder Orkanstärke große Wassermassen gen Küste drückt, steigt die Gefahr einer Flut. An der deutschen Nordseeküste bringen hereinziehende Atlantiktiefs, die über die Nordsee weiter nach Skandinavien oder zur Ostsee ziehen, wildes Seewetter mit.
Die Elbmündung wirkt wie ein Trichter und lässt den Sturm an zusätzlicher Kraft gewinnen. Die Deutsche Bucht ist nach Ansicht des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie eines der am stärksten von Sturmfluten bedrohten Gebiete der Welt.
Man spricht von einer Sturmflut, wenn der Wasserpegel 1,50 Meter höher ist als das mittlere Tidenhochwasser. Eine Übersteigung von 2,50 gilt als schwere Sturmflut und eine ab 3,50 Meter als "sehr schwer". Sturmfluten treten verstärkt im Frühjahr und im Herbst auf.
Wenn Wind mit Sturm- oder Orkanstärke große Wassermassen gen Küste drückt, steigt die Gefahr einer Flut. An der deutschen Nordseeküste bringen hereinziehende Atlantiktiefs, die über die Nordsee weiter nach Skandinavien oder zur Ostsee ziehen, wildes Seewetter mit.
Die Elbmündung wirkt wie ein Trichter und lässt den Sturm an zusätzlicher Kraft gewinnen. Die Deutsche Bucht ist nach Ansicht des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie eines der am stärksten von Sturmfluten bedrohten Gebiete der Welt.
Man spricht von einer Sturmflut, wenn der Wasserpegel 1,50 Meter höher ist als das mittlere Tidenhochwasser. Eine Übersteigung von 2,50 gilt als schwere Sturmflut und eine ab 3,50 Meter als "sehr schwer". Sturmfluten treten verstärkt im Frühjahr und im Herbst auf.
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Schutz vor den Fluten
Schon seit dem Mittelalter versuchen sich Menschen mit Deichen vor Fluten zu schützen. Die steilen und schmalen Konstruktionen wurden in harter und langwieriger körperlicher Arbeit mit Spaten und Schubkarre errichtet.
Erst nach der verheerenden Zweiten Groten Mandränke von 1634 begannen Deichbauer flachere Dämme zu bauen, an denen die Wellen auslaufen konnten.
Heutige Sturmflutwehre mit Deichlinien und Sperrwerken kosten Hunderte Millionen von Euro. In die hochmoderne, küstennahe Maeslant-Sturmflutwehr im Großraum Rotterdam etwa flossen 660 Millionen Euro, ihr Bau dauerte 6 Jahre, 600 Arbeiter waren beteiligt.
Schon seit dem Mittelalter versuchen sich Menschen mit Deichen vor Fluten zu schützen. Die steilen und schmalen Konstruktionen wurden in harter und langwieriger körperlicher Arbeit mit Spaten und Schubkarre errichtet.
Erst nach der verheerenden Zweiten Groten Mandränke von 1634 begannen Deichbauer flachere Dämme zu bauen, an denen die Wellen auslaufen konnten.
Heutige Sturmflutwehre mit Deichlinien und Sperrwerken kosten Hunderte Millionen von Euro. In die hochmoderne, küstennahe Maeslant-Sturmflutwehr im Großraum Rotterdam etwa flossen 660 Millionen Euro, ihr Bau dauerte 6 Jahre, 600 Arbeiter waren beteiligt.
Infobox
Die Nordsee...
umfasst eine Fläche von etwa 575.000 Quadratkilometern bei einer Wassermenge von 54.000 Kubikkilometern. Nur durchschnittlich 94 Meter tief ist dieses Randmeer des Atlantischen Ozeans. Anrainer-Staaten sind Großbritannien, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Frankreich.
Rund achtzig Millionen Menschen leben an den Küsten der Nordsee. Die Nordsee ist außerdem Lebensraum unzähliger Tierarten. Im Wattboden etwa siedeln rund fünfundzwanzig mal mehr Tiere als auf dem Meeresboden der Nordsee. Nahrungsgrundlage sind mikroskopisch kleine Kieselalgen, die bei Niedrigwasser und Sonnenschein an die Oberfläche kommen und sich sonst im Boden verkriechen.
Kein Lebensraum in Europa hat mit fünftausend Quadratkilometern eine annähernd so große Ausdehnung und kein europäisches Ökosystem verfügt über ein ähnliches Arteninventar wie das Nordsee-Watt.
umfasst eine Fläche von etwa 575.000 Quadratkilometern bei einer Wassermenge von 54.000 Kubikkilometern. Nur durchschnittlich 94 Meter tief ist dieses Randmeer des Atlantischen Ozeans. Anrainer-Staaten sind Großbritannien, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Frankreich.
Rund achtzig Millionen Menschen leben an den Küsten der Nordsee. Die Nordsee ist außerdem Lebensraum unzähliger Tierarten. Im Wattboden etwa siedeln rund fünfundzwanzig mal mehr Tiere als auf dem Meeresboden der Nordsee. Nahrungsgrundlage sind mikroskopisch kleine Kieselalgen, die bei Niedrigwasser und Sonnenschein an die Oberfläche kommen und sich sonst im Boden verkriechen.
Kein Lebensraum in Europa hat mit fünftausend Quadratkilometern eine annähernd so große Ausdehnung und kein europäisches Ökosystem verfügt über ein ähnliches Arteninventar wie das Nordsee-Watt.




