Bombe im Kopf
Für viele beginnt mit Hiroshima die Epoche der atomaren Gefahr. Man kann das jedoch auch anders sehen, meint unser Autor: Schon die Idee der totalen Vernichtung ist radioaktiv. Der Rest ist bloß Technik - und Angst.Colonel Paul W. Tibbets kommandierte den B29-Bomber Enola Gay.
Warum nicht Coventry?
Vielleicht wäre ein dritter Vorschlag angebracht, der den Punkt noch viel weiter vorverlegt: Das Zeitalter der Atomwaffen begann, als Menschen der Neuzeit die totale Vernichtung des Gegners in ihre Kalkulationen einbezogen, sie für vertretbar und sogar für zweckmäßig hielten. Es begann, als nicht mehr nur der Sieg, sondern die Eliminierung in den Hirnen von Politikern und Militärs Priorität bekam. Alle Anfänge stecken ja im Kopf. Und so war das Denken radioaktiv, lange vor Wüste, Stadt und verstrahltem Körper. Wieso nicht den Anfang des neuen Zeitalters auf das "Ausradieren" der englischen Stadt Coventry durch Görings Luftwaffe oder auf den brutalen alliierten Luftterror gegen deutsche Zivilisten datieren?
Technik, Angst, Liebe
Von da an war nämlich offenbar: Es wird kommen! Der Rest ist bloß Technik - und Angst. Angst ist das ursprüngliche Leitmotiv, von der Geburt der Bombe über ihre Perfektionierung zu immer schrecklicheren Formen bis hin zum drohenden atomaren Terrorismus der Gegenwart. Zur Angst, das nebenbei, gesellte sich wie so oft auch Liebe. Denn die mächtige Waffe schien einfache Lösungen zu bieten: Ein Knall, und das Problem ist ausgelöscht.
"Das ist doch so schöne Physik!" - Enrico Fermi im Jahr 1942.
Angst vor der deutschen Atombombe war Auslöser des Manhattan-Projekts, in dessen Strukturen ab Sommer 1942 die technische Entwicklung rasch voranschritt. Aus Nazi-Deutschland emigrierte Physiker, US-Bürger, Briten, Kanadier - zeitweise weit mehr als hunderttausend Menschen arbeiteten in Site Y, der Forschungsstadt bei Los Alamos. General Leslie Groves, der militärische Organisator, und Robert Oppenheimer, wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens, wirkten fruchtbar zusammen.
Mission in Straßburg
Doch die Angst vor Deutschland, das Hauptmotiv, war unbegründet. Ein amerikanisches Spezialkommando, bekannt als Alsos-Mission, entdeckte im November 1944 im besetzten Straßburg Akten, die zweifelsfrei belegten: Mit der deutschen Atombombe war niemals zu rechnen. Schon 1942 hatten Hitlers Physiker alle langfristigen Forschungen eingestellt. Alsos' Resultate, obwohl geheim gehalten, sickerten auch in die Manhattan-Labors durch. Während Trinity, am 16. Juli 1945, erfolgreich über die Bühne ging, wusste wohl jeder Bescheid...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Atomwaffen | ![]() |
Infobox
Skrupel und Dienstweg
Der deutsche Feind war geschlagen, atomare Bedrohung ging von ihm niemals aus. Mit dem Beweis des letzteren begann die Motivation der Forscher im Manhattan-Projekt fragwürdig zu werden. Sollte man die Arbeit beenden? Tatsächlich zog sich nicht ein einziger Wissenschaftler aus dem Projekt zurück. Allerdings gab es Einwände und Sorgen, festgehalten in Denkschriften, die meist auf dem "Dienstweg" versackten.
So forderte etwa der Franck-Report vom 11. Juni 1945 zwar nicht den Verzicht, aber er riet dringend, die langfristigen Folgen nuklearer Waffen zu analysieren. Leo Szilard, gebürtiger Ungar mit deutschem Universitätsabschluss, warnte vor Konflikten mit Russland und nannte die Atombombe "ein Mittel zur unbarmherzigen Zerstörung von Städten". Den Abwurf über Japan konnte auch er nicht verhindern.
Typisch war der Weg der Oak-Ridge-Petition vom 13. Juli 1945: General Groves ließ das Dokument als geheim klassifizieren. So blieb es im Safe. Typisch war auch die Haltung des führend am Projekt beteiligten Enrico Fermi: "Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik!"
Der deutsche Feind war geschlagen, atomare Bedrohung ging von ihm niemals aus. Mit dem Beweis des letzteren begann die Motivation der Forscher im Manhattan-Projekt fragwürdig zu werden. Sollte man die Arbeit beenden? Tatsächlich zog sich nicht ein einziger Wissenschaftler aus dem Projekt zurück. Allerdings gab es Einwände und Sorgen, festgehalten in Denkschriften, die meist auf dem "Dienstweg" versackten.
So forderte etwa der Franck-Report vom 11. Juni 1945 zwar nicht den Verzicht, aber er riet dringend, die langfristigen Folgen nuklearer Waffen zu analysieren. Leo Szilard, gebürtiger Ungar mit deutschem Universitätsabschluss, warnte vor Konflikten mit Russland und nannte die Atombombe "ein Mittel zur unbarmherzigen Zerstörung von Städten". Den Abwurf über Japan konnte auch er nicht verhindern.
Typisch war der Weg der Oak-Ridge-Petition vom 13. Juli 1945: General Groves ließ das Dokument als geheim klassifizieren. So blieb es im Safe. Typisch war auch die Haltung des führend am Projekt beteiligten Enrico Fermi: "Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik!"



