Das Biotop
Ostalgie-Shows und Retro-Welle zeichnen das Bild einer fast lauschigen DDR. Unser Autor hat davon jetzt genug. Er fordert: "Lasst uns doch nun endlich mit der DDR in Ruhe!" und sagt auch gleich, warum.Ein schlichter Kobold
Genies des Bösen gab es keine, ebensowenig solche des Guten. Eher war dieser Staat wie ein kleiner, missgelaunter Kobold, der sauer reagierte, wenn ihn jemand in den Hintern piekste. Lieben sollten wir ihn - und waren bloß hin und wieder gerührt. Dann war der Staat beleidigt und machte Unterdrückung, oft nur aus schlichtem Gemüt. Nein, spannend ist so etwas wirklich nicht. Es ist irgendwie kindisch, aber nicht ganz das harte Dasein draußen, ein wenig wie wenn Folie über Teich und Pflanzen liegt - und drunter riecht es faulig.
Begrenztes Leben
Doch es ist interessant - wie ein Biotop, das der anschaulichen Belehrung dient, es ja sein soll: Wir erfahren, was Leben bedeuten kann, auf engen Raum begrenzt, mit der Messstation am Tümpel. Interessant ist auch, warum so ein künstliches Reservat entsteht, wer seine Urheber sind. Um das für diesen Fall herauszufinden, begeben wir uns, wie es einst so schön hieß, "auf Weltniveau": Die wahre Geburtsstunde der östlichen Republik schlug schließlich nicht in Ostberlin und nicht im Oktober 1949. Sie schlug, im Gespräch der Mächtigen dieser Erde, an der Küste der Krim.
Unsere Tümpelherren
Dort, auf der Konferenz von Jalta - vom 4. bis zum 11. Februar 1945 - baldowerten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs ihre künftigen Einflusszonen in Europa aus. Unsere Tümpelherren hießen Stalin, Roosevelt und Churchill. Das Jalta-Kondominium – so nennt man es, wenn mehrere nebeneinander herrschen, weil sie einander nicht verdrängen können - war Weltpolitik, die Aufteilung unserer Nation
Die Großen Drei Anfang 1945 in Jalta. Als Stalin (1952) den Osten wieder verkaufen wollte, war niemand interessiert.
Zwitterwesen Deutschland
Förderlich war dem ein merkwürdiger Zug der deutschen Geschichte: Seitdem sich überhaupt von Deutschland reden ließ, war es ein Zwitterwesen, zum Westen Europas zwar gehörig, aber auch mit Herz und Seele am Osten orientiert. Vieles am deutschen Nationalcharakter erklärt sich aus solcher Zwischenposition.
Preußen und Rheinbund, "Ostler" und "Westler" sind ja keine Produkte des zwanzigsten Jahrhunderts. Jener lebendige Widerspruch machte - und macht vielleicht heute wieder - das Besondere an Deutschland aus. In der totalen Niederlage, als die Nation nach Hitlers Verbrechen ihre Selbstbestimmung verloren hatte, musste dieser Widerspruch Deutschland zerreißen und so - vorerst - aufgehoben sein. Nicht alle Deutschen haben das ganz schlecht gefunden...
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Auferstanden aus Ruinen...
Und der Zukunft zugewandt,
Lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muss uns doch gelingen,
Dass die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.
Johannes R. Becher dichtete den Text, Hanns Eisler komponierte die Melodie. Das Wort Sozialismus kommt in der Hymne der DDR nicht vor. "Deutschland einig Vaterland" bezieht sich nicht, wie oft angenommen, auf die deutsche Teilung sondern vielmehr auf gemeinsame Arbeit und den Abbau sozialer Spannungen. Dennoch durfte der Text im letzten DDR-Jahrzehnt offiziell nicht mehr gesungen werden. Die DDR war damit wohl der einzige Staat, der eine Nationalhymne ohne Worte sein eigen nannte. Heute, es ist fast gespenstisch, stimmt wieder jedes Wort:
Auferstanden aus RuinenUnd der Zukunft zugewandt,
Lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muss uns doch gelingen,
Dass die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.
1990 schlug Lothar de Maizière sogar vor, den Becher-Text, gesungen zur Melodie des alten Deutschlandlieds, zur neuen Hymne des vereinten Landes zu machen. Doch das stieß, wie wir wissen, auf keine Gegenliebe.



