Wir und die Anderen
Was ist eigentlich Europa? Zunächst einmal eine rund zehneinhalb Millionen Quadratkilometer große Landmasse, die sich derzeit 46 souveräne Staaten teilen. Etwa 700 Millionen Menschen leben hier. Beim Blick in den Atlas erscheint Europa als räumliche Einheit - die eindeutig abzugrenzen nicht nur Geografen schwer fällt. Einigkeit besteht zumindest über das westliche, nördliche und südliche "Ende": Der Atlantik bildet die Westgrenze des Kontinents, der nördlichste Punkt liegt knapp vier Kilometer westlich vom Nordkap, im Süden trennt das Mittelmeer Europa von Afrika.Problematische Grenzziehung
Im Osten ist es da schwieriger: die Gebirgszüge des Ural und des Kaukasus - sowie das Marmarameer zwischen Dardanellen und Bosporus - gelten als Grenzen zum großen Nachbarn Asien. Überträgt man dies jedoch auf die Politik, erweisen sich solche topografischen Grenzziehungen als problematisch: Sind Russland und die Türkei, die zweifellos europäische Geschichte geprägt haben, eher asiatische als europäische Mächte? Wie die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei zeigt, spielt die Frage nach Europas Grenzen noch heute eine wichtige Rolle.
Maxime der "Wertegemeinschaft"
Manche Geografen, wie schon Alexander von Humboldt, betrachten Europa nicht als eigenständigen Erdteil, sondern als halbinselartige Verlängerung Asiens. Abgesehen von diesen geografisch bedingten Definitionsproblemen lässt sich die Frage, was Europa ist, auf anderer Ebene ebenso schwer beantworten. Obwohl uns EU-Politiker anderes glauben machen wollen: Sie präsentieren Europa als "Einheit der Vielfalt". Und über allem thront die Maxime der "Wertegemeinschaft": die Europäische Union, gegründet auf Werten wie Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenwürde. So steht es in Artikel 2 des Verfassungstextes der EU.
Europa auf dem Stier: in der griechischen Mythologie war sie Zeus' Geliebte. Doch was ist Europa heute?
Bildet diese Aufzählung ziemlich allgemeiner Leitlinien die Grundlage europäischer Identität? Und wenn ja - auf welchem Fundament basieren die "gemeinsamen Werte", woraus entwickelten sie sich, woran knüpfen sie in der Vergangenheit? All das steht nicht in der EU-Verfassung. Auch nicht, was "europäische" Werte eigentlich bedeuten - heute und damals. Was macht "das Europäische" aus - was ist Europa?
Griechen und Barbaren
Blicken wir also zurück, suchen wir in der Vergangenheit nach Gemeinsamkeiten europäischer Identität! Doch wo sollen wir beginnen? Häufig werden die Wurzeln des Europabegriffs in der Antike vermutet. Mit der Entwicklung demokratischer Frühformen nahmen die griechischen Stadtstaaten zwar eine entscheidende Entwicklung europäischen Gemeinwesens vorweg - "europäische Identität" aber kannten sie nicht: Die Griechen sahen sich als Bewohner Hellas´, des Zentrums für Kultur und Zivilisation, des "Nabels der Welt". Und alle Menschen außerhalb des geradezu magischen Kreises galten ihnen als Barbaren...
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Infobox
Die Unterzeichnung der Römischen Verträge legte 1957 den Grundstein für die EU. Damals vereinbarten die sechs Mitgliedsstaaten der 1951 gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die bisherige Kooperation auszudehnen. Mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft schufen die Niederlande, Belgien, Deutschland, Italien, Frankreich und Luxemburg einen "Gemeinsamen Markt". 1967 folgte die Gründung der Europäischen Gemeinschaft. Ihr traten am 1. Januar 1973 Dänemark, Irland und Großbritannien bei. 1981 wurde Griechenland zehntes Mitglied der EG; Spanien und Portugal folgten 1986. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa ergaben sich neue Aufgaben und Perspektiven. Der Binnenmarkt wurde 1993 durch den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital vollendet. Im selben Jahr trat der Maastrichter Vertrag in Kraft, der die Europäische Union begründet. Mit dem Beitritt von zehn neuen Ländern zur EU am 1. Mai 2004 scheint die politische Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa überwunden. Seit 2007 gehören Bulgarien und Rumänien zur EU, womit die Zahl der Mitgliedsstaaten nun 27 beträgt.



