Vom Klassenkrieg zur Repression
Es stand nicht für die Herrschaft einer Klasse. Es stand für die Herrschaft von Bürokraten. Der 8. Februar 1950 war Gründungstag des Ministeriums für Staatssicherheit.Wilhelm Zaisser alias "General Gómez": Ab 8. Februar 1950 ist er erster Minister für Staatssicherheit. Seine Vorsicht und der Volksaufstand am 17. Juni 1953 brechen ihm politisch das Genick. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Deutsche "Tschekisten"
Als die Volkskammer in Ostberlin am 8. Februar 1950 den Gründungsbeschluss des SED-Politbüros absegnete, sah alles nach normalem Verwaltungsakt aus: Die bislang dem Innenministerium unterstehende Hauptverwaltung für den Schutz der Volkswirtschaft stieg auf zum Ministerium.
Aus Polizisten wurden nun auch offiziell "Tschekisten" - Menschen, denen die sowjetische Geheimpolizei (Tscheka) aus Bürgerkrieg und Stalin-Terror als Vorbild galt. Nicht allen Abgeordneten im Scheinparlament war die Tragweite des Beschlusses klar.
"Verschwörer" und Intrigen
Erster Chef der mit sowjetischem Segen versehenen Einrichtung ist Wilhelm Zaisser, als "General Gómez" führte er einst Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg. Erich Mielke, vormals ebenfalls in Spanien aktiv, jedoch eher aus dem internen Sicherheitsapparat der Brigaden bekannt, fungiert als Stellvertreter. 2.700 Mitarbeiter 1950, 1953 sind es schon über 13.000 - es geht voran. Erfolge erzielt man in bester stalinistischer Manier gegen "Verschwörer"; Intrigen klopfen die Hackordnung fest: Die Affäre Noel Field gehört in jene Zeit, und der Mordfall Kreikemeyer (siehe Infoboxen).
Pistolen und Dietriche herrschen vor in der hauseigenen Werkzeugkiste. Später kam dann die kurze Epoche der Bomben. Und noch später die lange Phase der Kugelschreiber, Abhörgeräte und endlosen Aktenreihen. Doch 1953 scheint erstmal fast zum Schicksalsjahr des neuen Ministeriums zu geraten. Ein schwarzes Jahr ist es gewiss.
Ernst Wollweber, den Vorgänger Mielkes, umweht das Hautgout des terroristischen Klassenkämpfers. Hier eine Aufnahme von 1950. (Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Der Volksaufstand am 17. Juni 1953, den die wenigen Lauscher und Greifer nicht vorhersahen und nicht verhinderten, bricht dem vorsichtigen Zaisser politisch das Genick. Ulbricht degradiert das stolze Ministerium zum schlichten Staatssekretariat (SfS). Stellvertreter Mielke, der seinen Posten behält, und dem nunmehrigen SfS-Chef Ernst Wollweber ist es geschuldet, dass die Institution am 24. November 1955 den Ministeriumsrang zurückerhält.
Erst ab diesem Tag untersteht übrigens der Auslandsgeheimdienst der DDR, die Hauptverwaltung Aufklärung, Wollweber und Mielke. Dann folgen zwei turbulente Jahre: Denn Wollweber, zwar kein Spanienkämpfer, aber altgedienter Saboteur, Bombenleger und Untergrundfunktionär, hat seine eigenen Vorstellungen von tschekistischer Tätigkeit: Schwerpunkt soll die "Westarbeit" sein, was, wie Wollweber-Biograf Jan Flocken schreibt, "auf Kosten der inneren Überwachung gehen musste".
Talentierter Selbstdarsteller
Überhaupt tendierte Wollweber zu unbürokratischen Methoden, war, laut Zeitzeugen, ein talentierter Redner - und hielt den Kampf gegen den "Klassenfeind" für einen mit Terrormitteln zu führenden, aber zeitlich begrenzten "Krieg". Spektakuläre Aktionen entsprachen seinem Geschmack: Nicht jeder Unfall im Westen, nicht jede Explosion, nicht jeder zufällige tragische Todesfall, sind Unfall oder Zufall gewesen. Für Schiffe hatte der ehemalige Seemann eine besondere Passion.
Auf der Feindseite agierte das Amt Gehlen, dessen Angehörige man gelegentlich entführte. Wollweber hielt triumphale Pressekonferenzen, wo er die werktätigen Massen zu begeistern suchte. Parteichef Ulbricht setzte den talentierten Selbstdarsteller am 31. Oktober 1957 ab
Erich Mielke 1976, auf dem Höhepunkt der Macht. Ohne ihn geht nichts mehr. Seine Persönlichkeit prägt den Apparat. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Mielke bis zum Ende
Der konventionelle, linientreue und rhetorisch unbegabte Mielke - ihm zuhören zu müssen ist Terror genug - gibt der Institution MfS die entscheidende Wende: Das Primat der inneren Repression, von Ulbricht gefordert und gefördert, ist mit seinem Amtsantritt festgelegt - und bleibt bis zum Ende von DDR und MfS im Jahr 1990 bestehen.
Während der Mielke-Jahrzehnte mutiert das Ministerium zum gigantischen bürokratischen Apparat, mit - 1989 - über 91.000 hauptamtlichen und 189.000 inoffiziellen Mitarbeitern, mit unzähligen Ressorts und Verästelungen, quasi eine Massenorganisation! Den Feind suchte man nicht mehr vor allem im bösen Westen, sondern unter den nichtprivilegierten Bürgern des eigenen Landes, die es zu überwachen, zu strafen und zu "erziehen" galt.
Michael Schmittbetz (04.02.2010)
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Infobox
Die Affäre Noel Field…
ist ein typisches Gangsterstück aus dem Ostblock der frühen 1950er Jahre. Sie zeugt von Spionagehysterie und vom Bemühen stalinistischer Regimes, die eigenen Reihen von "Elementen des Klassenfeinds" zu "säubern". Tatsächlich handelte es sich um Prozesse negativer Selektion, in deren Ergebnis häufig unfähige aber folgsame Genossen Spitzenpositionen eroberten.
Noel Field (1904 bis 1970), US-amerikanischer Kommunist, unterstützte zwischen 1940 und 1945 kommunistische Flüchtlinge im Rahmen des von ihm geleiteten Emergency Rescue Committee (ERC). Field kam dabei mit zahlreichen Emigranten vorwiegend in Südfrankreich in Kontakt, die später höhere Ränge in Parteien und Regierungen osteuropäischer Staaten innehatten.
Noel Field (1904 bis 1970), US-amerikanischer Kommunist, unterstützte zwischen 1940 und 1945 kommunistische Flüchtlinge im Rahmen des von ihm geleiteten Emergency Rescue Committee (ERC). Field kam dabei mit zahlreichen Emigranten vorwiegend in Südfrankreich in Kontakt, die später höhere Ränge in Parteien und Regierungen osteuropäischer Staaten innehatten.
Etwa ab 1949 nahmen kommunistische Geheimdienste Field, der damals in Prag lebte, ins Visier. Field wurde entführt, inhaftiert und gefoltert, überlebte jedoch. Hintergrund war Stalins Kampf gegen den Titoismus und gegen eigenständige Strömungen innerhalb der kommunistischen Parteien.
Parteiführungen und "Sicherheitsorgane" erklärten nunmehr jeden ehemaligen "Westemigranten" für verdächtig, Verbindungen zum "Klassenfeind" zu unterhalten. Ziel war, die Macht in die Hände solcher Personen zu legen, die während des Nationalsozialismus und der Naziokkupation in die Sowjetunion geflüchtet und dort indoktriniert worden waren.
Parteiführungen und "Sicherheitsorgane" erklärten nunmehr jeden ehemaligen "Westemigranten" für verdächtig, Verbindungen zum "Klassenfeind" zu unterhalten. Ziel war, die Macht in die Hände solcher Personen zu legen, die während des Nationalsozialismus und der Naziokkupation in die Sowjetunion geflüchtet und dort indoktriniert worden waren.
Unterstützung von Noel Field empfangen zu haben, galt als KO-Schlag im Machtgerangel. Pikanterweise traf das ausgerechnet auf Erich Mielke zu, der nach seiner Zeit in Spanien Zuflucht in Frankreich gefunden hatte. Da er diesen Umstand vertuschen wollte, fälschte Mielke Angaben in seinem Lebenslauf.
Einerseits trieb nun das MfS unter Mielkes operativer Führung die Verfolgung ehemaliger "Westemigranten" voran, andererseits war zumindest ein Mitkämpfer Mielkes in Spanien über die wahre Geschichte des Sicherheitsbosses im Bilde: Das war Willi Kreikemeyer, 1950 Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn der DDR...
Einerseits trieb nun das MfS unter Mielkes operativer Führung die Verfolgung ehemaliger "Westemigranten" voran, andererseits war zumindest ein Mitkämpfer Mielkes in Spanien über die wahre Geschichte des Sicherheitsbosses im Bilde: Das war Willi Kreikemeyer, 1950 Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn der DDR...
Infobox
Der Mordfall Kreikemeyer…
wirft ein Schlaglicht auf den parteiinternen Umgangsstil, wie er sich im Zuge zunehmender Bürokratisierung und Loslösung von der Klasse, deren Interessen man zu vertreten beanspruchte, herausgebildet hatte. Willi Kreikemeyer (1894 bis vermutlich 31. August 1950) war im Spanischen Bürgerkrieg Kaderchef der deutschen Abteilung der Internationalen Brigaden.
Als solcher kannte er den Decknamen Erich Mielkes: Leistner. Mit diesem Wissen gelang es Kreikemeyer, den Noel-Field-Unterstützungsempfänger Leistner dem späteren Stasichef Mielke zuzuordnen: Mielke war Leistner! Und Mielke hatte den Krieg im französischen Untergrund verbracht, keineswegs, wie von ihm selbst behauptet, in der Sowjetunion!
Als solcher kannte er den Decknamen Erich Mielkes: Leistner. Mit diesem Wissen gelang es Kreikemeyer, den Noel-Field-Unterstützungsempfänger Leistner dem späteren Stasichef Mielke zuzuordnen: Mielke war Leistner! Und Mielke hatte den Krieg im französischen Untergrund verbracht, keineswegs, wie von ihm selbst behauptet, in der Sowjetunion!
Es fiel Mielke nicht schwer, Kreikemeyer unter fingierten Anschuldigungen verhaften zu lassen. Am 31. August 1950 beging Kreikemeyer laut eines vier Jahre später verfassten internen Protokolls Selbstmord in seiner Zelle. Gegenüber Ulbricht behauptete Mielke, Kreikemeyer sei den sowjetischen Behörden übergeben worden und in sowjetischer Haft verstorben.
Alles deutet darauf hin, dass Mielke seinen alten Bekannten ermorden ließ. Paradoxerweise verhalf das Ereignis Mielke zum politischen Überleben, da er fortan von Ulbricht (und später von Honecker) abhängig war. Beide wussten, dass der Stasichef "eine Leiche im Keller" hatte, und vertrauten ihm deshalb.
Alles deutet darauf hin, dass Mielke seinen alten Bekannten ermorden ließ. Paradoxerweise verhalf das Ereignis Mielke zum politischen Überleben, da er fortan von Ulbricht (und später von Honecker) abhängig war. Beide wussten, dass der Stasichef "eine Leiche im Keller" hatte, und vertrauten ihm deshalb.




