Allmächtig und allgegenwärtig?
Der Geheimen Staatspolizei des Hitlerreichs kam vielerlei zu Ohren. Zur flächendeckenden Kontrolle fehlte ihr allerdings das nötige Personal. Vom Mythos Gestapo reden Historiker deshalb heute.Unter dem mächtigen Oberboss Heinrich Himmler war Reinhard Heydrich Chef der Sipo, zu der auch die Gestapo gehörte: der Intellektuelle, aus einer Familie von Musikern, setzte Akzente.
Dieses eingängige Bild von der Allmacht der Geheimen Staatspolizei hat jahrzehntelang unsere Vorstellungen über den Alltag unter dem Naziregime bestimmt. Dieses Bild nun, belegen neuere Forschungen, ist falsch.
Dürftige Personalausstattung
Seit der kanadische Historiker Robert Gellately Mitte der 1990er Jahre das Wort "Gestapo-Mythos" prägte, wurde die rechtfertigend gemeinte Überlieferung einer allmächtigen, allgegenwärtigen Geheimpolizei der Nazis obsolet. In Deutschland untersuchten Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul und andere den Alltag nationalsozialistischer Herrschaft - und gelangten zu überraschenden Resultaten: Weder erlaubte die dürftige Personalausstattung der Gestapo eine flächendeckende Überwachung, noch waren deren Angehörige unbedingt krankhafte Verbrechertypen.
Am deutlich verbrecherischen Charakter des Apparats, des Regimes insgesamt, besteht freilich kein Zweifel - nur ist die Wirklichkeit eben komplexer, als es "volkspädagogisch" über ausgedehnte Phasen bundesrepublikanischer wie DDR-Geschichte wünschenswert schien.
Fachkundige Beamtenkreise
Der Mythos Gestapo, argumentiert Gellately, habe seine Wurzel schon im Nazireich: Direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten installierten die neuen Herrscher den Fliegerhauptmann Göring als Innenminister, dann als Ministerpräsidenten des größten deutschen Teilstaats Preußen. Der Polizeichef de facto und de jure bezog das Personal für sein ergebenes Geheimpolizeikorps vor allem aus fachkundigen Beamtenkreisen der Weimarer Republik.
Von 1936 an unterstand auch die Gestapo Heinrich Himmler.
Unter Heinrich Himmler, Reichsführer SS und ab 1936 Chef der reichsweit vereinheitlichten Polizei, änderte sich daran zunächst wenig. Trotz Zuzugs nationalsozialistischer Überzeugungstäter, Amateure aus Sicht der alten Experten, blieb das Terrororgan Gestapo ein Beamtenapparat. Und die Personaldecke blieb kurz, so dass man öffentlichkeitswirksam, etwa mit lobhudelnden Zeitungsartikeln, Allmachtsmärchen streute.
Kinder aus bester Gesellschaft
Den spärlichen aber ehrgeizigen Nachwuchs während der Anfangsjahre des Hitlerregimes beschreibt Gerhard Paul so: "Es waren keineswegs Desperados und verkrachte Existenzen, die mit dem Gesetz bereits in Konflikt geraten waren, sondern Kinder aus bester Gesellschaft, oft mit humanistischer Schulbildung und ausgezeichnet mit dem Doktortitel der Jurisprudenz, aus denen sich die regionale Gestapo-Elite rekrutierte: ganz normale Akademiker."
Die Tatsache, dass diesen karrierebewussten, im Geist der Neuen Sachlichkeit erzogenen Intelligenzbestien auch echte Schläger an die Seite traten, ist davon nicht berührt. Aber waren es Greiferscharen?
Himmler besucht am 27. April 1941 ein KZ. Rechts im Bild SS-Obergruppenführer und General der Polizei Ernst Kaltenbrunner.
Gerade 410 Gestapobeamte und -angestellte recherchierte etwa die Historikerin Elisabeth Kohlhaas für Berlin, Millionenmetropole und Hochburg des Widerstands, im Jahr 1935. "Die Stapostellen in der 'Provinz'," stellt Kohlhaas fest, "hatten demgegenüber nur 1.417 Bedienstete aufzuweisen; das waren im Schnitt 44 pro Dienststelle und damit pro Regierungsbezirk... Im (deutschlandweiten) Durchschnitt kamen auf einen Angehörigen der Staatspolizei rund 25.000 Einwohner - durchaus also eine Kleinstadt."
Allwissend, allgegenwärtig, allmächtig - wie soll das, bei den paar Leuten, gegangen sein? Nun, jene Behörde, die heute symbolhaft für nationalsozialistische Unterdrückung steht, wusste viel, wenn auch nicht alles, hörte viel, wenn auch nicht alles - manchmal mehr, als ihr kapazitätsmäßig lieb gewesen sein konnte. Das Schlüsselwort heißt Denunziation: "Die Geheime Staatspolizei entwickelte sich in einem Klima, das trotz vereinzelter Widerstände von grundsätzlicher Duldung und Zustimmung gekennzeichnet war," konstatiert der Historiker Hans-Joachim Heuer...
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"So wie die Gestapo...
insgesamt, so ist auch die Geschichte ihrer Bediensteten nach 1945 von einem Mythos umwoben, der mit der Realität wenig gemeinsam hat", schreibt der Experte Gerhard Paul. Keineswegs fand die Mehrzahl Positionen im neuen, (west-)deutschen Polizeiapparat, obwohl es solche Fälle gab. Manch hochrangiger Gestapomann tauchte ab in die Illegalität, und lebte unter falschem Namen ein bescheidenes Dasein.
Strafrechtliche Verfolgung traf in den Nachkriegsjahren relativ wenige. Besonders der Nordwesten Deutschlands, die britische Besatzungszone, bot exzellente Möglichkeiten vorläufigen Untertauchens. Es überrascht kaum, dass ehemalige Gestapo-Angehörige gern die Wirtschaft als Sprungbrett für den zweiten Karriereanlauf nutzten: Hier reichte das Spektrum vom kleinen Versicherungsvertreter bis zum gut situierten Firmenchef.
Ab 1951, als Folge von Koreakrieg und verschärfter Systemkonfrontation, stand ohnehin das Zudrücken beider Augen auf dem Programm: Zunächst revidierte US-Hochkommissar McCloy von US-Militärgerichten verhängte Strafen, bald verankerte zudem der ins Grundgesetz eingefügte Artikel 131 Integration als übergeordnetes Ziel. "Die Forderung nach Strafe", fasst Gerhard Paul zusammen, "trat hinter tagespolitische Erwägungen zurück."
insgesamt, so ist auch die Geschichte ihrer Bediensteten nach 1945 von einem Mythos umwoben, der mit der Realität wenig gemeinsam hat", schreibt der Experte Gerhard Paul. Keineswegs fand die Mehrzahl Positionen im neuen, (west-)deutschen Polizeiapparat, obwohl es solche Fälle gab. Manch hochrangiger Gestapomann tauchte ab in die Illegalität, und lebte unter falschem Namen ein bescheidenes Dasein.
Strafrechtliche Verfolgung traf in den Nachkriegsjahren relativ wenige. Besonders der Nordwesten Deutschlands, die britische Besatzungszone, bot exzellente Möglichkeiten vorläufigen Untertauchens. Es überrascht kaum, dass ehemalige Gestapo-Angehörige gern die Wirtschaft als Sprungbrett für den zweiten Karriereanlauf nutzten: Hier reichte das Spektrum vom kleinen Versicherungsvertreter bis zum gut situierten Firmenchef.
Ab 1951, als Folge von Koreakrieg und verschärfter Systemkonfrontation, stand ohnehin das Zudrücken beider Augen auf dem Programm: Zunächst revidierte US-Hochkommissar McCloy von US-Militärgerichten verhängte Strafen, bald verankerte zudem der ins Grundgesetz eingefügte Artikel 131 Integration als übergeordnetes Ziel. "Die Forderung nach Strafe", fasst Gerhard Paul zusammen, "trat hinter tagespolitische Erwägungen zurück."



