Held ohne Eigenschaften
Der "Rote Baron" ist das Paradebeispiel des Jagdpiloten mit Ausstrahlung und Geschick - in einem Millieu, in dem Krieg wie eine Weiterführung des Sports betrieben wurde. Was hieß Heldentum unter solchen Umständen?Im Alter von 25 Jahren starb Manfred von Richthofen - der Rote Baron.
Frühstückslaune
Exakt 8:30 Uhr, über der Ortschaft Farbus, beginnt das Duell. Um 8:35 Uhr, so die offizielle Meldung, hat Oberleutnant Freiherr von Richthofen sein 32. Feindflugzeug abgeschossen, eine B.E.2d des Royal Flying Corps. Der Gegner kracht mit brennendem Motor in ein Haus.
"Viel war nicht mehr übrig", notiert Richthofen in sein Tagebuch. "Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der Morgenarbeit kehre ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft und sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte. Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach."
Erschossene Enten
Was wissen wir über Manfred-Albrecht Freiherr von Richthofen, den berühmtesten Kampfflieger des Ersten Weltkriegs? Einerseits, jede Menge: Der Sohn des preußischen Kavalleriemajors a. D. Albrecht von Richthofen, geboren am 2. Mai 1892 in Breslau, wächst auf im Schoß einer begüterten Grundbesitzerfamilie: Jagen in schlesischen Wäldern, Reiten, und, nach dem (widerwillig ertragenen) Besuch der Kadettenanstalt Wahlstatt, Eintritt ins 1. Westpreußische Ulanenregiment. Die Großmutter, weitläufig mit der Familie Goethes verwandt, ist wichtigste Bezugsperson; der Bengel erschießt ihr gelegentlich ein paar Enten im Stall.
Die Ritter unter sich: "Trostfrühstück" an der Front mit gefangenen englischen Piloten. (Bild aus: Der rote Kampfflieger, Berlin 1933)
1914, während der allerersten Monate des Krieges, dient Leutnant von Richthofen als Patrouillenführer im Osten und Westen. Im Frühjahr 1915, die Westfront ist längst im Stellungskrieg erstarrt, ersucht der frustrierte Kavallerist, inzwischen Ordonnanzoffizier einer Infanteriebrigade, um Versetzung zur Fliegertruppe.
"Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck", will er an den kommandierenden General geschrieben haben. Beobachter (bei zweisitzigen Maschinen hat er den Platz vor dem Piloten), später Ausbildung zum Flugzeugführer, Aufklärer über den Gräben - das sind die folgenden Etappen.
Boelckes Meisterschüler
Per Zufall lernt Richthofen im Oktober 1915 den schon renommierten Jagdflieger Oswald Boelcke kennen. Dem ist der naive Neuling sympathisch; er macht ihn zum Meisterschüler. Am 17. September 1916 schießt Richthofen über Cambrai das nachgewiesen erste Feindflugzeug herunter. Von diesem Zeitpunkt an soll sein Leben noch genau 19 Monate und 3 Tage dauern. In der knappen Frist gehen 79 weitere, offiziell anerkannte Abschüsse auf sein Konto, de facto sind es mehr. Ungefähr hundert Menschen, meist englische Piloten, sterben unter den Kugeln des "Roten Barons", in ihren brennenden Flugapparaten, oder am Boden.
Nicht mehr viel übrig: abgeschossenes Flugzeug hinter der Front im Westen. (Bild aus: Der rote Kampfflieger, Berlin 1933)
MG im Kinderzimmer
Schlimmer noch, Richthofen phantasiert: von einem eigens gegen ihn aufgestellten englischen Jagdgeschwader, welches, zu Zwecken der Propaganda, auch ein "Kinooperateur" begleiten solle. Was, wenn er den "Kinooperateur" gleich am Anfang vom Himmel fegte? Der Größenwahn blüht, schon, weil die deutsche Kriegspropaganda ihn, den Spätpubertierenden, in den Himmel hebt. Daheim, im schlesischen Elternhaus, hat der Kriegsheld sein Kinderzimmer mit Trophäen gefüllt: Flugzeugreste, Typenschilder, MGs. Fast wie früher, zu friedlichen Zeiten: da waren es ausgestopfte Enten. Im Extrakarton lagert die Post der Verehrerinnen. Konkretes Interesse erfasst den hier unerfahrenen Jäger keines.
Ohne Angst und Identität
Ein Mensch ohne Angst ist ein Mensch ohne Eigenschaften, ohne Identität. Richthofen fehlt die selbsterhaltende Angst, die mit dem sicheren Bewerten von Erlebnissen entsteht, die vorwegnehmende, schützende Phantasie hinsichtlich möglicher Konsequenzen. Daher, aus in Unreife wurzelnder Kaltblütigkeit, die unglaubliche Siegesserie des, wie Zeitzeugen meinen, technisch nicht überragenden Piloten.
Sommer 1917 - Der Vater besucht den Sohn nach dessen Verwundung. (Bild aus: Der rote Kampfflieger, Berlin 1933)
Doch dann, fast ist es zu spät, geschieht das Wunder: Ein englisches Geschoss streift den erfolgsverwöhnten Flieger im Juli 1917 oberhalb der Schläfe. Vorübergehend blind, gelingt es Richthofen dennoch, seine Maschine sicher zu landen. Zwar erholt er sich rasch, Schwindelanfälle, Schatten, Schmerzattacken aber bleiben. Es ist, als ob eine Spielkonsole plötzlich schießt und den Spieler über den Augen trifft.
Nun endlich zeigt das Tagebuch Wandel - und Ekel. Die Sätze, auf der letzten Seite, verdienen Aufmerksamkeit: "Wenn ich in dem Buch lese, grinse ich mich selbst schnoddrig an. Jetzt ist mir gar nicht mehr schnoddrig zumute. Nicht etwa deshalb, weil ich mir vorstelle, wie das ist, wenn sich mir eines Tages der Tod in den Nacken setzt, deshalb sicher nicht, obgleich ich oft genug daran erinnert werde..."
Zufälliges Finale
Wir können bloß ahnen, welche Eigenschaften unser Held - neun Monate gab es noch für ihn - in sich zu entdecken begann. Neun Monate Zeit fürs Erwachsensein! Am 21. April 1918 zerreisst eine australische Kugel dem Flieger Manfred von Richthofen Leber, Lunge und Herz. Der Schuss kommt vom Boden - und ist ein Zufallstreffer.
Michael Schmittbetz (09.08.2006)
Dieser Artikel gehört zu den Themen
| Jagdflieger | ![]() |
| Himmelsstürmer | ![]() |
Infobox
Ein roter Baron?
Barone waren - und sind - die Richthofens nicht. Korrekt ist der Titel Freiherr, den Friedrich der Große der Familie am 6. November 1741 verlieh. Insofern ist die Bezeichnung "Roter Baron" für den Kampfflieger Manfred von Richthofen irreführend. Wahrscheinlich entstand der Irrtum durch falsche Übertragung des Spitznamens red devil, den ihm angeblich seine englischen Gegner gaben. Allerdings könnte selbst das fraglich sein, da Richthofen laut einer Reihe von Quellen erst ab März 1918 (also nur Wochen vor seinem Tod) Einsätze auf einem ausschließlich rot gestrichenen Dreidecker flog.
Barone waren - und sind - die Richthofens nicht. Korrekt ist der Titel Freiherr, den Friedrich der Große der Familie am 6. November 1741 verlieh. Insofern ist die Bezeichnung "Roter Baron" für den Kampfflieger Manfred von Richthofen irreführend. Wahrscheinlich entstand der Irrtum durch falsche Übertragung des Spitznamens red devil, den ihm angeblich seine englischen Gegner gaben. Allerdings könnte selbst das fraglich sein, da Richthofen laut einer Reihe von Quellen erst ab März 1918 (also nur Wochen vor seinem Tod) Einsätze auf einem ausschließlich rot gestrichenen Dreidecker flog.




