Josip Broz Tito mit Kampfgefährten, 1943: Aleksandar Rankovic (links) ist nach 1944 Chef des Staatssicherheitsdienstes UDBA. Milovan Djilas (rechts) leitet zunächst die Propaganda und wird ab 1954 einer der bedeutendsten Kritiker Titos. Beide sind 1943 Generalleutnants der Partisanen.
Der andere Diktator
Am Morgen des 28. Juni 1948 scheint die Welt noch heil zu sein für Jugoslawiens Kommunisten. Für ihre Zufriedenheit gibt es gute Gründe: Während des Zweiten Weltkriegs reifte die vor 1941 kaum tausend Mitglieder zählende Splitterpartei zur mächtigen Partisanenbewegung heran. Im Herbst 1944 hatte man dann die Scharen geschwächter italienischer und deutscher Okkupanten endgültig vom Heimatboden vertrieben. All das geschah aus eigener Kraft, nur gelegentlich verstärkt durch britische und sowjetische Waffen.Sieg und Gemetzel
Was dann folgte, war weniger ruhmvoll, zementierte aber den Sieg: Noch heute ruhen in Karsthöhlen Sloweniens, in zugemauerten Bergwerksstollen, in Massengräbern bis nach Kärnten hinauf die Gebeine zehntausender königstreuer Tschetniks, kroatischer Ustaschas, von Kollaborateuren, kriegsgefangenen deutschen Soldaten und Angehörigen der deutschen Minderheit. Symbolfigur des Sieges, und Hauptinitiator des anschließenden Gemetzels, ist ein Mann: der Führer der Kommunistischen Partei - Josip Broz, genannt Tito.
Förderer und Mentor
Nun, im Frühsommer 1948, hält Tito, gestützt von der Volksbefreiungsarmee und vom Sicherheitsdienst UDBA, die Macht über das Balkanland fest in den Händen. Marschall Tito, bekleidet mit prachtvollen Uniformen, regiert sein verarmtes Volk aus den Schlössern und Villen des gestürzten jugoslawischen Königs, in Belgrad, oder auf der Adriainsel Brioni. Um ihn herum logieren die alten Kameraden. Aus Partisanenkommandeuren sind Hofschranzen geworden. Einen Herrn allerdings hat auch Tito über sich: Stalin, "Führer des Weltproletariats" und "Sonne der Völker", ist sein Förderer und strenger Mentor, seit der ehrgeizige kroatische Bauernsohn die ersten Stufen der Parteihierarchie erklomm.
Zu selbstbewusst
Stalin in Moskau, Tito in Belgrad - die zwei gleichen sich auf mancherlei Art: Beide sind Machtmenschen bis zur äußersten Konsequenz, Alleinherrscher, denen die marxistische Theorie lediglich Instrument ist, das sie nach Belieben drehen und wenden. Stalin, mit den ungleich größeren Mitteln ausgestattet, ist von Misstrauen geplagt. Ahnungsvoll traut der Moskauer "Woschd" bloß solchen osteuropäischen Unterführern, die abhängig sitzen auf den Bajonetten seiner Roten Armee.
Ihr Sieg ist ihr Sieg
Das aber ist es, was Titos Regime von den Regimes der Ulbricht und Ceauşescu, der Gomulka und Rákosi unterscheidet: Jugoslawiens Kommunisten sind ohne bedeutende sowjetische Hilfe nach oben gelangt. Ihr Sieg ist ihr Sieg, sie kehrten nicht heim im Tross von Stalins Divisionen. Also steht keine Besatzungstruppe der Sowjetarmee auf jugoslawischem Territorium, zeigt Tito mehr Selbstbewusstsein als in Stalins Augen angemessen ist.
Verstoßen und verdammt
So kommt, was kommen musste: In den Mittagsstunden des 28. Juni 1948 verabschiedet das Büro der Kominform - Stalins verlängerter Arm zwecks Kontrolle der ausländischen kommunistischen Parteien - eine Resolution mit weitreichenden Konsequenzen: Jugoslawien wird aus der kommunistischen Weltgemeinschaft verstoßen! Titoismus heißt fortan das neue Schreckbild jener, die sich unbeirrbar zu Stalin bekennen. Für Jugoslawiens Kommunisten bedeutet das einen spannungsvollen inneren Konflikt. "Wir alle, die wir führende Positionen in der Partei einnahmen, standen ja geschlossen hinter Stalin," schreibt der Dissident Milovan Djilas, damals selbst Funktionär des engsten Führungskreises. "Dies war eine Voraussetzung für die Parteimitgliedschaft, der Maßstab, an dem der revolutionäre Geist gemessen wurde…" Und jetzt ist Stalin der Feind!
Arbeiterselbstverwaltung
Tito nimmt den Fehdehandschuh auf. Stalin schickt - erfolglos - Attentäter. Wenig später beginnt das tatsächlich Erstaunliche am Stalin-Tito-Konflikt: Selbst vom ganzen Wesen her stalinistischer Diktator, öffnet Tito unter der Flagge des Anti-Stalinismus das Tor für gesellschaftliche Prozesse, die vielen Menschen im Ostblock und vielen Linken im Westen als der wahre, der eigentliche Kommunismus erscheinen: Von 1950 bis 1953 installiert die jugoslawische kommunistische Partei Organe der Arbeiterselbstverwaltung in allen staatlichen Unternehmen. Arbeiterräte wählen Direktor und Firmenleitung, entscheiden über Löhne, Investitionen und Produktion. "Demokratisierung" ist die offiziell verkündete Parole...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Jugoslawien | ![]() |
Infobox
7. Mai 1892: Josip Broz wird als Sohn einer Kleinbauernfamilie im Kreis Kranjez in Kroatien geboren. Er hat vierzehn Geschwister.
Ab 1910 arbeitet Broz in Metallfabriken in Slowenien. Er geht auf Wanderschaft und ist um 1912 bei Daimler in Wiener Neustadt tätig.
1914: Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs dient Broz als Unteroffizier in der k. u. k. Armee. 1915 gerät er verwundet in russische Gefangenschaft.
1917: Josip Broz-Tito schließt sich in Russland den Bolschewiki an und wird Mitglied der kommunistischen Partei.
Ab 1927 hat Tito diverse Partei- und Gewerkschaftsfunktionen in Kroatien inne. 1928 wird er zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.
1934 wird Tito Mitglied des Politbüros der Jugoslawischen Kommunistischen Partei (KPJ). Er reist illegal in die Sowjetunion. In Moskau gehört er dem Balkansekretariat der Komintern an und erwirbt Stalins Vertrauen. 1937 macht Stalin ihn zum ersten Mann der KPJ. Im Auftrag Stalins organisiert er den Transport jugoslawischer Freiwilliger zu den Internationalen Brigaden nach Spanien.
6. April 1941: Die deutsche Wehrmacht greift Jugoslawien an. Tito bereitet den Widerstand vor, ruft aber erst am…
22. Juni 1941, als das Deutsche Reich die Sowjetunion überfällt, zur nationalen Erhebung.
1942/43: Die Partisanenarmee unter Tito führt schwere Kämpfe mit Deutschen, Italienern, Tschetniks und Ustaschas.
1944/45: Am 20. Oktober 1944 befreien die Partisanen Belgrad. Tito besucht Stalin in Moskau. In den folgenden Monaten ermorden Titos Streitkräfte zehntausende politische Gegner. Am 8. März 1945 wird Tito Ministerpräsident Jugoslawiens.
1947: Die KPJ sozialisiert alle wichtigen Betriebe und Banken. Eine Bodenreform, verbunden mit Landenteignungen, führt zu Unruhen unter den Bauern. Tito opponiert gegen den autoritären Umgangsstil Stalins.
28. Juni 1948: Die Kominform schließt Jugoslawien aus der kommunistischen Weltgemeinschaft aus. Außenpolitisch orientiert sich Tito zunehmend am Westen, insbesondere an den USA.
Um 1952 erreichen von Tito eingeleitete Reformen ihren Höhepunkt. Im Zentrum steht die Arbeiterselbstverwaltung in den staatlichen Betrieben.
1955 besucht Nikita Chruschtschow Belgrad. Langfristig beginnt ein Prozess der Wiederannäherung an die Sowjetunion. Doch das Verhältnis zum Ostblock bleibt schwankend.
1. September 1961: Tito betont auf der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Belgrad einen neutralen außenpolitischen Kurs.
1969: Tito verurteilt die "Breschnew-Doktrin" von der eingeschränkten Souveränität der sozialistischen Staaten. Das folgt konsequent aus seinem Protest gegen den Einmarsch der Armeen des Ostblocks in die Tschechoslowakei 1968.
1970 bis 1979: Tito verstärkt durch Verfassungsänderungen die Rechte der jugoslawischen Teilrepubliken. Bald ist er selbst, mit seiner nahezu unumschränkten persönlichen Macht als Staatspräsident auf Lebenszeit, das wichtigste zentrale Bindeglied. In Abständen werden lokale Parteiapparate, die zu viel Wert auf Eigenständigkeit legen, gesäubert.
4. Mai 1980: Tito stirbt in Ljubljana an einer Thrombose. Nach seinem Tod entfalten die zentrifugalen Tendenzen, die schließlich zum Zerfall Jugoslawiens führen, stetig ihre Kraft.



