Narr: "Du hättest nicht alt werden sollen, bis du klug gewesen wärest."
(William Shakespeare: König Lear, Erster Aufzug, 17. Szene)
(William Shakespeare: König Lear, Erster Aufzug, 17. Szene)
Schlafrock und Latschen
Ab Anfang der 1980er Jahre war die Lage im Staat DDR bedenklich. Wie gelähmt war das Häuflein der Mächtigsten an der Spitze. Nicht nur das Alter, auch Selbstisolierung und Beschränktheit spielten eine Rolle.Die Stimmung ist anders geworden: Noch zu Beginn der 1990er Jahre war das verbreitete Gefühl Hass. Unseren "verdorbenen Greisen" schlug Verachtung entgegen. Privilegien hieß das Reizwort der Zeit. Wandlitz, mit seinen 23 Einfamilienhäusern, galt als Symbol für Luxus und Machtmissbrauch. Irgendwie hat es die Ostdeutschen immer irritiert, wenn Besucher aus dem Westen sich über den "Luxus" von Wandlitz amüsierten: "Drüben" kannte man längst andere Kaliber. Heute, bei Managereinkommen, die das Zwanzig-, Dreißig-, Sechzigfache gewöhnlicher Arbeitnehmergehälter betragen, wirken auch hier die Privilegien der Politbürokraten bloß lächerlich.
Die "menschliche Seite"
Die Stimmung ist langsam anders geworden: Im historischen Augenblick der "Wende" - bis das Politbüro am 3. Dezember '89 zurücktrat - schienen Mittag, Mielke, Krenz & Co. noch bedrohlich. Während der Jahre danach galten sie als Verbrecher: Spitzelsystem, Todesschüsse an der Mauer, Unterdrückung. Dann misslangen fast alle Versuche juristischen Aufarbeitens. Wer einst Verbrecher war, ist inzwischen an Altersschwäche verstorben oder frei. Jetzt will mancher wissen, wie sich die "führenden Genossen" so fühlten im "Ghetto" Wandlitz. Man möchte die "menschliche Seite" der alten Männer kennen lernen.
Übler Leuteschinder
2004, das neue Interesse bedienend, hat der Aufbau-Verlag ein Buch herausgebracht: In Das Politbüro privat geht Autor Thomas Grimm dem persönlichen Leben der SED-Elite auf den Grund - anhand von Äußerungen des Wandlitzer Servicepersonals. Koch, Bodyguard, Hausangestellte und Gärtner kommen zu Wort. Klar wird, dass ausgerechnet der so bieder aussehende Stoph ein übler Leuteschinder war, der sogar seine Personenschützer Äpfel ernten und Unkraut jäten ließ ("Stasi in die Produktion!" lautete doch ein Slogan der Montagsdemonstranten).
Aber sonst: Immerhin zehn der im Buch erwähnten dreißig Politbürokraten erhalten das Etikett "freundlich", "gesellig", "umgänglich" oder "beliebt". Weitere fünfzehn bleiben wertungsfrei; unnahbar oder richtige Ekel waren nur fünf, wobei Stoph, Vorsitzender des Ministerrats der DDR und seit 1953 im Politbüro, den Vogel abgeschossen hat.
"Du armer alter Mann..."
Ulrike Hainke, die sympathische Hausangestellte im Rang eines MfS-Subalternoffiziers, schildert mit Scharfblick den von ihr umsorgten Generalsekretär: "Erich Honecker war ein ganz netter Mensch... nett und liebenswert zu allen. Wenn er (1989) früh herunterkam, mit Schlafanzug und Latschen, und mir einen guten Morgen wünschte, da dachte ich manchmal: 'O Gott, du armer alter Mann, du weißt bestimmt nicht mehr, was du regieren sollst, oder das machen längst andere.' Ich glaube, er begriff gar nicht, was im Land wirklich los war." Gehörte Shakespeares König Lear in Wandlitz zum Parteilehrjahr?
Warum ist es so schwer zu verstehen, dass Biederkeit, Dummheit und Altersstarrsinn kreuzgefährlich sein können, wenn sie sich mit Macht verbinden? Denn um Macht, darum ging es: Um Macht ging es schon, als auf der Ersten Parteikonferenz im Januar 1949 - eine DDR gab es noch nicht - die Einrichtung des SED-Politbüros beschlossen wurde.
Ziemlich brutal
Um Macht ging es ebenso, als bereits im Jahr darauf die erste stalinistische Säuberungswelle das Politbüro des Genossen Ulbricht überrollte. Machtkampf war die innerparteiliche Opposition gegen Ulbricht unter den Politbürokraten Herrnstadt, Zaisser und Schirdewan. Machtkampf war Kronprinz Honeckers "Putsch" gegen dessen Ziehvater Ulbricht - mit Rückendeckung aus Moskau - im Frühjahr 1971. Nett war das nie, dafür ziemlich brutal.
Eisiges Klima
An der Spitze des Politbüros, der Machtzentrale der DDR, prangte immer ein Autokrat - Selbstherrscher, wenn auch von Moskaus Gnaden, der Teilmacht an seine Paladine delegierte. Harmlos? Vor allem nicht für die Regierten: Ineffizienz und notorisch falsche Entschlüsse müssen bei solchem Klüngel das Ergebnis sein. Wahrscheinlich ist Spekulieren müßig, ob ein Politbüro aus intelligenten, nicht machtversessenen Funktionären den realen Sozialismus in lichtere Höhen hätte führen können. Denn derart Funktionäre, sofern es sie gab, wären kaum in die Schaltzentrale der Macht gelangt.
Den Schaden hatten andere
Kaum dorthin gelangte auch die Wirklichkeit: Realitätsverlust ist das Symptom nicht erst gegen Schluss. Der Wirtschaftspolitiker Günter Mittag und der Agitationsexperte Joachim Herrmann - sie spielten einander in die Hände, weil ihre verdrehten Deutungen zueinander passten. Den Schaden hatte, wer in den Geschäften vor leeren Regalen stand. Wer allerdings - ganz hoch oben - das Spiel verweigert hätte, wäre Posten und Macht rasch losgeworden. Mitzuspielen hingegen setzte Beschränktheit voraus: Angekränkelt vom Zweifel lebt sich’s in jeder Bürokratie riskant. Kurt Hager, der Philosophieprofessor und Kulturmann im Politbüro, soll als einziger umfassendere Bildung besessen haben. Seine Funktion war die einer Sprech- und Rechtfertigungsmaschine.
"Tragik der Inkompetenz"
Welchen Anlass haben wir, es heute "menscheln" zu lassen? Mitleid? Den alten Mann im Schlafanzug, der nett zu seinen Domestiken ist? "Tragik der Inkompetenz" billigte der Dramatiker Heiner Müller dem einst mächtigsten Mann Ostdeutschlands zu. Doch eine Tragödie, wie Shakespeares König Lear, hat Müller über Honecker nie geschrieben. Die Figuren, ganz oben im DDR-Staat, taugen eben bloß zum Stoff für eine Farce.
Michael Schmittbetz (29.09.2006)
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Infobox
Chronik einer Machtzentrale
25. bis 28. Januar 1949: Beschluss zur Gründung des Politbüros. Prominente Mitglieder: Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl.
Sommer 1952: Walter Ulbricht proklamiert den "planmäßigen Aufbau des Sozialismus".
Juni 1953: DDR-Arbeiteraufstand; Rudolph Herrnstadt und Wilhelm Zaisser versuchen, Ulbricht zu isolieren. Sie scheitern.
Sommer 1952: Walter Ulbricht proklamiert den "planmäßigen Aufbau des Sozialismus".
Juni 1953: DDR-Arbeiteraufstand; Rudolph Herrnstadt und Wilhelm Zaisser versuchen, Ulbricht zu isolieren. Sie scheitern.
1965 bis 1969: Ulbricht experimentiert mit neuen Wirtschaftsformen. Seine Politik der wirtschaftlichen Annäherung an die Bundesrepublik ruft Widerstand in Moskau, aber auch im eigenen Politbüro hervor.
21. Januar 1971: Die Mehrheit der Mitglieder des Politbüros schreibt einen Brief an Leonid Breshnew mit der Bitte um Absetzung Walter Ulbrichts.
3. Mai 1971: Erich Honecker wird zum Ersten Sekretär ernannt. Ulbricht lebt noch fast zwei Jahre. Honecker verkündet die Strategie der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, die zur massiven Verschuldung führt.
1983: Die Verschuldung steigt. Franz Josef Strauß vermittelt einen Milliardenkredit.
1985: Michail Gorbatschow wird Generalsekretär des ZK der KPdSU. Honecker und sein Adlatus Günter Mittag blocken alle Kritik ab.
17. Oktober 1989: Unter dem Eindruck der Massenproteste des Wendeherbstes enthebt eine Mehrheit der Politbüro-Mitglieder Generalsekretär Erich Honecker von seiner Funktion.
10. November 1989: Auf der 10. Tagung des Zentralkomitees entsteht ein neues Politbüro, das nur noch zehn Mitglieder umfasst, die überwiegend als Reformer gelten. Generalsekretär ist Egon Krenz.
3. Mai 1971: Erich Honecker wird zum Ersten Sekretär ernannt. Ulbricht lebt noch fast zwei Jahre. Honecker verkündet die Strategie der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, die zur massiven Verschuldung führt.
1983: Die Verschuldung steigt. Franz Josef Strauß vermittelt einen Milliardenkredit.
1985: Michail Gorbatschow wird Generalsekretär des ZK der KPdSU. Honecker und sein Adlatus Günter Mittag blocken alle Kritik ab.
17. Oktober 1989: Unter dem Eindruck der Massenproteste des Wendeherbstes enthebt eine Mehrheit der Politbüro-Mitglieder Generalsekretär Erich Honecker von seiner Funktion.
10. November 1989: Auf der 10. Tagung des Zentralkomitees entsteht ein neues Politbüro, das nur noch zehn Mitglieder umfasst, die überwiegend als Reformer gelten. Generalsekretär ist Egon Krenz.
3. Dezember 1989: Nach den Geschehnissen des Wendejahres schließt das Zentralkomitee der SED nahezu alle ehemaligen Mitglieder des alten Politbüros unter Honecker aus der Partei aus. Es ist zugleich die letzte Zusammenkunft des Zentralkomitees. Auch das neue Politbüro unter Krenz tritt geschlossen zurück. Damit ist die Zeit der Politbüros in der DDR vorüber.
Infobox
Buch: Thomas Grimm: Das Politbüro Privat. Ulbricht, Honecker, Mielke & Co. aus Sicht ihrer Angestellten. Aufbau-Verlag, Berlin 2004. ISBN: 3-351-02573-4



