Klein, pummelig - oft an der Grenze zum guten Geschmack: Der Putto bestimmt seit der Frührenaissance das Engelsbild.
Himmlische Heerscharen
Sie sind klein und mollig, man kann sie in Kirchen auf Hauswänden, Aufklebern, Weihnachtskarten und in jedem Poesiealbum finden - Putten, neckische, zumeist nackte, kindliche Engelsfiguren. Wir kennen sie als niedliche Geschöpfe mit goldgelocktem Haar, Flügeln, Trompete oder Harfe im Arm - und stellen sie in der Weihnachtszeit gerne als Porzellanfiguren neben den Plätzchenteller.Auch die Werbung bemächtigt sich ihrer schamlos: Engel präsentieren Unterwäsche und sollen den Umsatz bei Frischkäse, Schokolade und Zigaretten steigern.
Grenze des guten Geschmacks
Doch was haben diese Bilder seniler Kindlichkeit, fade langweilig und oft an der Grenze zum guten Geschmack, mit den mächtigen Engeln der Bibel gemein, die am Tag des jüngsten Gerichts die Zornesschalen Gottes über die Erde ergießen und mit flammendem Schwert am Eingang des Paradieses wachen? Nichts, denn als "Himmlische Heerscharen" sind sie wie eine Armee, welche gelegentlich Aufständische mit Waffengewalt aus dem Himmel vertreibt, nicht mit beständigem Frohlocken.
Verkünder göttlichen Willens
"Ich schaute, und siehe, ein Sturmwind kam von Norden und eine große Wolke, rings von Lichterglanz umgeben, und loderndes Feuer (…) Mitten aus ihm heraus wurde etwas sichtbar, das vier lebenden Wesen glich." Wenn Engel in religiösen Texten erwähnt werden, treten sie als furchteinflößende Gestalten auf, als Verkünder von Gottes Willen, keineswegs aber als niedliche Putten. In fast allen altorientalischen Religionen spielen Engel eine wichtige Rolle: Ein Engel diktierte Mohammed den Koran, ein Engel verkündete Maria die Geburt Jesu. Daneben üben sie weitere wichtige Funktionen aus: Sie behüten, warnen, weisen den richtigen Weg, erklären Menschen die göttliche Vorgehensweise oder geleiten sie als Todesengel auf ihrer letzten Reise.
Drei Engelsgruppen
Dabei zeichnet sich eine klare Hierarchie ab, die auf der Einteilung Dionysius Areopagitas um das Jahr 500 beruht und vom Kirchenvater Thomas von Aquin übernommen wurde: Drei Kategorien lassen sich ermitteln, der jeweils drei Engelsgruppen zugeteilt sind. Summa summarum ergibt das neun Chöre.
Seraphim, Cherubim, Throne...
Zur ersten Triade gehören Seraphim, Cherubim und Throne, zur zweiten Gruppe die Herrschaften, Mächte und Gewalten, und der dritten Triade lassen sich die Fürstentümer, Erzengel und die Engel, im Sinne von Schutzengeln, zurechnen. Letztere stehen auf der untersten Stufe und somit den Menschen am nächsten. Sie werden auch Erscheinungen, Scharen oder Geister genannt.
Wesen ohne Form und Geschlecht
Engel sind immateriell, ohne feste Form und, nach kirchlicher Lehre, geschlechtslos. Je nach Art und Aufgabe nehmen sie die unterschiedlichsten Gestalten an: Auf die Erde kommen sie als Menschen, im Regelfall als junge Männer, als geflügelte Wesen oder als fabelhafte Mischwesen aus Mensch und Tier...
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Infobox
Um 500 systematisierte ein Gelehrter unter dem Pseudonym Dionysius Areopagita als erster das Wissen über die Engel und erstellte eine Hierarchie, die drei Triaden und neun Chöre umfasst: Zur ersten und höchsten zählen die Seraphim, deren Name übersetzt "Entflammer" bedeutet. Sie sind geflügelte Wesen, ebenso wie die Cherubim, die Engel der Weisheit und Erkenntnis und Beschützer des Gartens Eden. Die Throne, die Untersten der ersten Triade, stellen das Erhabene dar. Zur mittleren Triade gehören die Kyriotetes, Beherrscher der Engel, ferner die Dynameis, die unerschütterlich den Willen Gottes vollziehen und als Engel der Bewegung und des Wachstums gelten, sowie die Exousiai, die Engel der Kunst, in denen sich die Harmonie Gottes zeigt. Die Archai, auch Fürstentümer genannt, sind die obersten Engel der dritten Triade. Sie bilden die Musterordnung der fürstlichen Gewalt. Danach kommen die Erzengel Michael, Gabriel, Raphael und Uriel. Sie geben den Willen Gottes an die untersten der Engel weiter, zumeist Schutzengel und Boten, die dem Menschen am nächsten sind.



