Maß der Dinge
Die Wahrnehmung von Zeit ist eines der wirklich großen Geheimnisses des Denkens. Ist Zeit objektiv, verläuft sie unabhängig von der Folge der Eindrücke, die unsere Sinne aufnehmen?Zeit "steht still" für Sisyphos. (Franz von Stuck schuf sein Bild des Sisyphos 1920.)
Unendliches Spiel
Die traurigste Geschichte von nicht vergehender Zeit stammt aus der griechischen Sagenwelt: Es ist die Geschichte vom korinthischen König Sisyphos. Dem Helden haben die Götter eine schreckliche Arbeit auferlegt: Mit Händen und Füßen stemmend, muss Sisyphos einen Felsblock einen Hügel hinauf bewegen. Ist der Block oben, rollt er den Hügel wieder herunter. Das Spiel wiederholt sich - unendlich.
Für Sisyphos steht die Zeit auf Dauer gesehen still, oder besser: pendelt in kurzen Intervallen hin und her. Wahrscheinlich gilt aber auch das nicht für die "ganze" Zeit: Wahrscheinlich sind Sisyphos im Laufe der Zeit graue Haare gewachsen.
Keine Sache an sich
Seit Jahrtausenden spekulieren Menschen über das Wesen der Zeit. Die Mehrheit der großen Denker gelangte dabei - mit vielen Nuancen - zu einem ziemlich klaren Resultat: Zeit ist keine Sache an und für sich. Sie sei "das Maß jeder Bewegung", fand Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.); ganz ähnlich sah Augustinus (354 bis 430) die Zeit immer im Zusammenhang mit der Welt und mit ihren Veränderungen. Kurz: Wo (sonst) nichts ist, existiert auch keine Zeit. Würden alle Prozesse zum Stillstand kommen, stünde auch die Zeit eben - still. Tun sie es nicht, läuft die Zeit.
Gefäß für Sinneseindrücke
Wenn Zeit aber still stehen könnte, was zunächst immerhin denkbar wäre, für wie lange "stünde" sie denn dann? Die Frage wirft einen nicht lösbaren Widerspruch auf. Wir sehen: Zeit ist mit der Art unseres Wahrnehmens und Denkens untrennbar verbunden. Sie gehört zum menschlichen Bewusstsein, ist eine seiner Gestalt gebenden Eigenschaften, auf derselben Stufe wie die Vorstellung vom Raum.
Der geniale Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) erklärte Zeit und Raum zu "reinen Anschauungsformen", quasi zu Gefäßen für die Eindrücke der Sinne, was ganz unabhängig ist von irgendeiner dahinter liegenden, an sich unerkennbaren "Wirklichkeit".
Wer denkt und fühlt
Weil alle denkenden Geschöpfe nur so und nicht anders - nur in den Kategorien von Zeit und Raum - Erkenntnis gewinnen, ist Sprache, ist Verständigung untereinander möglich. Müßig wäre es - und unmöglich -, Zeit zum Stillstand zu bringen, sie gleichsam "wegzudenken". Wer wahrnimmt und denkt und fühlt, tut dies in Zeit und Raum. Das Gehirn ist so gebaut. Absolut sinnlos wäre da jede Form der Anschauung, losgelöst vom Angeschauten.
Kants Erkenntnistheorie darf als vorläufiger Höhepunkt in einer langen philosophischen Traditionslinie gelten. Gut möglich zu behaupten, dass die Angelegenheit - obwohl bloß aus philosophischer Sicht - damit erledigt sei. Besagte Einschränkung ist einem anderen großen Denker geschuldet: Isaac Newton (1642 bis 1727). Der Engländer schuf - ein Lebensalter vor Kant - das klassische Ideensystem der Physik und baute im Grunde die Frontstellung der Denkstile auf: Naturwissenschaft kontra Philosophie, Physik kontra Metaphysik. Wichtig ist hier Newtons Begriff der Zeit.
"Gleichförmig und ohne Beziehung"
"Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand", heißt es in Newtons Mathematischen Prinzipien der Naturlehre von 1687. Die Überraschung könnte kaum größer sein: Newton erklärte Zeit zu ebenjener Sache an und für sich, welche das philosophische Denken längst als höchst verdächtig erachtet hatte...
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Infobox
Die älteste Uhr ist vermutlich die Sonnenuhr: sie unterteilte schon im dritten Jahrtausend v. Chr. den Tag in Einheiten. Etwas ungenauer, dafür aber nicht auf Tageslicht angewiesen, waren die Wasseruhren der Ägypter und Griechen. Im Mittelalter nutzten Mönche brennende Substanzen wie Kerzen oder sangen bestimmte Psalmen zum Abmessen von Zeitintervallen.
In Mailand ist im Jahr 1335 erstmals eine mechanische Uhr erwähnt. Zunächst ordneten solche Uhren den Tagesablauf der Mönche, waren aber ab dem Ende des 14. Jahrhunderts auch in immer mehr Städten am Rathaus zu finden - und damit für die Allgemeinheit zugänglich.
Die ersten Uhren, die in eine Tasche passten, gab es bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Auch die Präzision der Geräte wurde ständig verbessert, da vor allem die Seefahrt auf genaue Uhren angewiesen war, um Schiffspositionen zu bestimmen. Der englische Uhrmacher John Harrison stellte im 18. Jahrhundert solche Chronometer her. Im Zwanzigsten Jahrhundert schließlich entwickelte man Quarzuhren und die bisher genaueste Uhr: die Atomuhr.
In Mailand ist im Jahr 1335 erstmals eine mechanische Uhr erwähnt. Zunächst ordneten solche Uhren den Tagesablauf der Mönche, waren aber ab dem Ende des 14. Jahrhunderts auch in immer mehr Städten am Rathaus zu finden - und damit für die Allgemeinheit zugänglich.
Die ersten Uhren, die in eine Tasche passten, gab es bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Auch die Präzision der Geräte wurde ständig verbessert, da vor allem die Seefahrt auf genaue Uhren angewiesen war, um Schiffspositionen zu bestimmen. Der englische Uhrmacher John Harrison stellte im 18. Jahrhundert solche Chronometer her. Im Zwanzigsten Jahrhundert schließlich entwickelte man Quarzuhren und die bisher genaueste Uhr: die Atomuhr.



