"Kamerad Pferd"
Schon vor Tausenden von Jahren diente das Pferd dem Menschen als Lasttier. Aber nicht nur das: Männer hoch zu Ross galten in vielen Kriegen als besonders leistungsstarke Kämpfer - und das bis zum bitteren Ende.Englischer Husar im Krimkrieg: Mehrere Jahrhunderte verkörperten Kavalleristen das soldatisch-ritterliche Ideal. (Foto von 1854)
Wo der Angriff auch hinzielt, verbreitet er Schrecken. Reiter und Pferd, Mensch und Tier verschmelzen zur furchtlosen, kraftvollen Gestalt. Die Griechen fanden dafür das Bild des Kentauren, der Mischkreatur aus männlichem Oberkörper und Pferderumpf.
Furor über Instinkt
Von den klassischen Reitervölkern über Mongolen, Osmanen und Rittern des Abendlandes, von der Kavallerie der Neuzeit bis in unsere Tage zieht sich eine psychologisch beschreibbare Linie: Der Angriff zu Pferd verleiht dem Angreifer mehr Mut.
Kein anderes Reittier kann das Pferd hier vollständig ersetzen. Denn Pferde - das wissen Tierpsychologen ebenso wie erfahrene Kavalleristen - kennen ihre körperlichen Grenzen nicht: Getrieben vom Menschen geht das Pferd folgsam bis in den Tod. Die Mischkreatur, der Kentaur, überspielt im Kampfrausch den Instinkt, der zur Selbsterhaltung ruft. Und das ist ja eine Voraussetzung des Krieges.
865 Pferde pro Tag
Weil die Geschichte der Menschheit immer auch eine Geschichte von Kriegen ist, hat "Kamerad Pferd" erheblich bluten müssen: In seinem Körper steckten die Pfeile der Sarazenen und der englischen Langbogenschützen, Schwerter und Äxte zerschmetterten ihm die Knochen, Lanzen drangen durch seinen Widerrist, Kugeln und Granatsplitter zerfetzten sein Fleisch; "Kamerad Pferd" verhungerte oder brach in tödlicher Erschöpfung zusammen.
Die Schlacht am Morgarten 1315 gilt als Geburtsstunde der Infanterie: Fußvolk erwies sich gegenüber der Kavallerie als eindeutig überlegen. (Bild von 1483)
Zweifelhafte Kampfkraft
Doch nicht als Gegenleistung für all jene Opfer umspann der Mensch das Pferd mit dem Mythos des treuesten aller Kampfgenossen, unbezwingbar, gemeinsam mit seinem Reiter. Der Verdacht liegt nahe, dass dieser Mythos im elitären Kampfrausch des Reitergefechts, im Irrationalen also, verwurzelt ist. Denn wieso sonst erreichte die Verklärung immer dann ihre Höhepunkte, wenn die reale Kampfkraft berittener Formationen zweifelhaft wurde?
Das Mittelalter - durchweg hohe Zeit der Reiterverehrung - liefert Belege genug: Ritterheere unterlagen im Pfeilhagel englischer Fußtruppen bei Crécy (1346) und Poitiers (1356); fünftausend Ritter starben bei Agincourt (1415). Sogar Bauern siegten über die adligen Reiter: Bei Morgarten in der Schweiz ging die Crème de la Crème der habsburgischen Ritter auf ihren gepanzerten Pferden 1315 ruhmlos unter.
Trainiertes Paradetier
War der Mythos, war die Kampfform des berittenen Gefechts damit am Ende? Ganz im Gegenteil. Vom 16. Jahrhundert an stellten die Heere massenhaft hübsch uniformierte Kavallerieverbände auf. Der Kavallerist war ritterliches, soldatisches Ideal, und das sollte er auch in den folgenden Jahrhunderten bleiben.
Für die stehenden Heere der "Kabinettskriege" des 17. und 18. Jahrhunderts war Kavallerie ohnehin obligatorisch: Stark ritualisierte Kampfformen schrieben auch der Reiterei präzise ihre Gefechtsrolle vor. Das Pferd wurde zum genau beobachteten, speziell trainierten Paradetier.
Den "wilderen" Kriegen der anschließenden napoleonischen Epoche entstammt vermutlich erst die romantisch-emotionale, sogar erotisch gefärbte Beziehung zwischen Reiter und Pferd: "Kamerad Pferd" - sensibel, teuer, schwer zu ersetzen - war für nicht wenige Kommandeure weitaus wichtiger als der Bauernknecht auf dem Pferderücken. Der wiederum fühlte sich an sein Pferd auf Gedeih und Verderb gebunden, beim Angriff wie beim Rückzug, beim Feiern wie in der Not.
In der Schlacht von Balaklava 1854 trat das Problem der Kavallerie zutage: Gegen die Feuerkraft der Artillerie hatte sie keine Chance. (Gemälde: William Simpson, 1855)
Elitär war nun nicht mehr der Einzelne, elitär war das Korps: Frankreich unterhielt 1789, im Jahr der Revolution, 62 Kavallerieregimenter mit etwa 37.000 Soldaten. Preußen brachte rund 40.000 Kavalleristen in die Sättel. Zwei Pferde rechnete man pro Mann. Mit Säbel und Brustpanzer versehene Kürassiere galten als Rammbock des Angriffs, als Avantgarde. Selbstbild, Ausrüstung, Waffen und Aufgabe blieben bis ins ausgehende 19. Jahrhundert nahezu gleich.
Und wieder, die Parallele zum späten Mittelalter ist augenfällig, schwang sich der Reitermythos genau dann zu Höhen auf, als die Kampfkraft versagte: Auf das Jahr 1854 datieren Historiker den Wendepunkt, von nun an ging es rapide bergab mit der Effizienz, schuld war wachsende Feuerkraft von Artillerie und Infanterie.
Am 25. Oktober 1854 attackierte britische leichte Reiterei in der Schlacht von Balaklava auf der Krim russische Kanonen. Der taktisch unsinnige Angriff schlug fehl, die Kavallerie erlitt beträchtliche Verluste. Wenig später schrieb Alfred Tennyson, britischer Hofdichter, das Poem The Charge of the Light Brigade. Tennysons Gedicht ist der wahrscheinlich prägnanteste Ausdruck des Angriffsrauschs, zu heroischer Pflichterfüllung umgemünzt - und trug dazu bei, dass die Kavallerie, als Waffengattung des Angriffs, weit über ihre Zeit hinaus bestand.
Nur noch Randfunktionen
Während der beiden Weltkriege erfüllten Kavalleristen nur noch Randfunktionen - sofern es den Ersten Weltkrieg betraf, zur Enttäuschung der Strategen: Noch 1890 kam Kaiser Wilhelm II. auf den Gedanken, seinen Kavalleristen Lanzen, eine fast vergessene Waffe, zu geben, gewiss kein geeignetes Instrument für den Grabenkrieg.
Reiterverbände kämpften im Zweiten Weltkrieg in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS, waren aber vorrangig mit Aufklärung und Sicherung des Hinterlandes betraut. Die Armeen Polens und der Sowjetunion setzten weiterhin Kavallerieverbände im Angriff ein; deren Schicksal war - unter dem Feuer deutscher Maschinenwaffen - tragisch.
Alles in allem war auch der Zweite Weltkrieg ein Krieg der Pferde: Bespannte Artillerie gehörte bei fast jeder beteiligten Armee zum Standard; Pferde zogen Transportfahrzeuge, waren Reittiere für Offiziere, beförderten Verwundete und Kriegsgerät durch unwegsames Gelände.
Endlich ausgedient?
Hat "Kamerad Pferd" heute, im Zeitalter der Düsenjets und Cruise Missiles, der Aufklärungsdrohnen und mit Elektronik vollgestopften Kampfwagen, endlich ausgedient? Es wäre schön, lediglich auf ein paar militärische Repräsentationsaufgaben, wie etwa bei der britischen Household Cavalry, verweisen zu müssen. Tatsächlich allerdings deutet manches darauf hin, dass dem Pferd eine Rückkehr in die Gefahren des Krieges, in Schlacht und Attacke bevorsteht.
Berittene Horden
Denn schon jetzt weicht unübersehbar der große, hochtechnisierte Krieg, in dem vor allem reguläre Armeen fechten, kleineren Kriegen, nicht selten im Stil von Bandenkonflikten. Lokale Machthaber stehen sich gegenüber, mit rasch mobilisierten, irregulären Milizen. Berittene Horden, wie hervorgezogen aus der Geschichte, kämpfen heute zum Beispiel im Stammeskrieg um das sudanesische Darfur (siehe Infobox).
Überall dort, wo Staaten dramatisch scheitern, wo Kultur und Terrain halbwegs zum Reitereinsatz passen, könnten solche Horden den Krieg der Zukunft bestimmen. Der Kentaur, die gewalttätige Mischkreatur aus Mensch und Pferd, verschwindet nicht von dieser Welt. Im Rausch der Attacke wird der Krieger wieder zum Helden. Und "Kamerad Pferd" hält weiter die Knochen hin.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 11.01.2012)
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Infobox
Geschichte der Kavallerie
Im Laufe der Neuzeit haben sich unterschiedliche Arten berittener Truppen herausgebildet: Zur schweren Kavallerie gehörten die Lanzierer (oder Ulanen), die mit Lanzen, seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auch mit Pistolen bewaffnet, bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges in die Schlacht zogen.
Nach Jahrzehnten der Bedeutungslosigkeit setzte sich die Lanze mit der Gründung polnischer Ulanenregimenter im 18. Jahrhundert erneut als Waffe durch. Spätestens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs allerdings, als polnische Kavalleristen mit Lanzen gegen die deutsche Wehrmacht kämpften, zeigte sich die Nutzlosigkeit dieser Waffe gegenüber moderner Kriegsführung.
Mit den Kürassieren entstand in den 1540er Jahren eine zweite schwere Kavallerieart, deren Name von dem Brust- und Rückenpanzer (Kürass) abgeleitet ist, den jeder Reiter trug.
Aus demselben Jahrhundert stammen die Dragoner, ursprünglich berittene Infanterie, die ihre Pferde zunächst nur für den Transport, nicht aber im Kampf verwendeten. Damals lautete ein Spottvers: "Dragoner sind halb Mensch, halb Vieh, aufs Pferd gesetzte Infanterie!" Erst im 18. Jahrhundert wandelten sich die Dragoner zur echten Kavallerie.
Schließlich gab es ab dem späten 16. Jahrhundert noch die Husaren, leichte Kavallerie mit Aufklärungs- und Diversionsaufgaben. Ihre Hauptmerkmale waren Tempo und Wendigkeit. Ursprünglich waren Husaren irreguläre, in Ungarn rekrutierte Reiter. Daher die an ungarische Nationaltrachten erinnernden Uniformen, mit vielen Schnüren und besonderen Mützen. Im Angriff fanden Husaren kaum Verwendung.
Im Laufe der Neuzeit haben sich unterschiedliche Arten berittener Truppen herausgebildet: Zur schweren Kavallerie gehörten die Lanzierer (oder Ulanen), die mit Lanzen, seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auch mit Pistolen bewaffnet, bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges in die Schlacht zogen.
Nach Jahrzehnten der Bedeutungslosigkeit setzte sich die Lanze mit der Gründung polnischer Ulanenregimenter im 18. Jahrhundert erneut als Waffe durch. Spätestens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs allerdings, als polnische Kavalleristen mit Lanzen gegen die deutsche Wehrmacht kämpften, zeigte sich die Nutzlosigkeit dieser Waffe gegenüber moderner Kriegsführung.
Mit den Kürassieren entstand in den 1540er Jahren eine zweite schwere Kavallerieart, deren Name von dem Brust- und Rückenpanzer (Kürass) abgeleitet ist, den jeder Reiter trug.
Aus demselben Jahrhundert stammen die Dragoner, ursprünglich berittene Infanterie, die ihre Pferde zunächst nur für den Transport, nicht aber im Kampf verwendeten. Damals lautete ein Spottvers: "Dragoner sind halb Mensch, halb Vieh, aufs Pferd gesetzte Infanterie!" Erst im 18. Jahrhundert wandelten sich die Dragoner zur echten Kavallerie.
Schließlich gab es ab dem späten 16. Jahrhundert noch die Husaren, leichte Kavallerie mit Aufklärungs- und Diversionsaufgaben. Ihre Hauptmerkmale waren Tempo und Wendigkeit. Ursprünglich waren Husaren irreguläre, in Ungarn rekrutierte Reiter. Daher die an ungarische Nationaltrachten erinnernden Uniformen, mit vielen Schnüren und besonderen Mützen. Im Angriff fanden Husaren kaum Verwendung.
Infobox
Verrat und Tod
- das war das Schicksal eines Kosakenkorps, das ab 1942 auf deutscher Seite kämpfte und im Mai 1945, nach britischem Wortbruch, in sowjetische Gefangenschaft geriet. Die etwa 25.000 Kosaken, zum Teil begleitet von ihren Familien, hatten am Ende des Zweiten Weltkriegs an der Drau in Österreich vor britischen Truppen kapituliert. Trotz vorangegangener gegenteiliger Versprechungen entschied Premier Winston Churchill, das Kosakenkorps, samt Frauen, Alten und Kindern, an den Kriegsverbündeten Stalin auszuliefern.
Ungefähr achthundert deutsche Offiziere und Unteroffiziere, darunter der Befehlshaber des Kosakenkorps Generalleutnant Helmuth von Pannwitz, teilten freiwillig das Schicksal ihrer ehemaligen Untergebenen. Nur 165 von ihnen überlebten die bis zu fünfzehnjährige Haft im Gulag. Stalins Militärtribunal verurteilte von Pannwitz und viele andere Kosakenanführer zum Tode. Wie viele Kosaken und Familienangehörige überlebten, ist unbekannt.
- das war das Schicksal eines Kosakenkorps, das ab 1942 auf deutscher Seite kämpfte und im Mai 1945, nach britischem Wortbruch, in sowjetische Gefangenschaft geriet. Die etwa 25.000 Kosaken, zum Teil begleitet von ihren Familien, hatten am Ende des Zweiten Weltkriegs an der Drau in Österreich vor britischen Truppen kapituliert. Trotz vorangegangener gegenteiliger Versprechungen entschied Premier Winston Churchill, das Kosakenkorps, samt Frauen, Alten und Kindern, an den Kriegsverbündeten Stalin auszuliefern.
Ungefähr achthundert deutsche Offiziere und Unteroffiziere, darunter der Befehlshaber des Kosakenkorps Generalleutnant Helmuth von Pannwitz, teilten freiwillig das Schicksal ihrer ehemaligen Untergebenen. Nur 165 von ihnen überlebten die bis zu fünfzehnjährige Haft im Gulag. Stalins Militärtribunal verurteilte von Pannwitz und viele andere Kosakenanführer zum Tode. Wie viele Kosaken und Familienangehörige überlebten, ist unbekannt.
Infobox
Völkermord zu Pferde
"Ein Mann mit einem Pferd und einer Waffe", das ist die wörtliche Übersetzung der Bezeichnung Dschandschawid - einer berittenen Miliz, die im Darfur-Konflikt (Sudan) eine wesentliche Rolle spielt. Seit ungefähr 2003 sind die meist von nomadischen Beduinen abstammenden muslimischen Reiter berüchtigt für ihre Grausamkeit gegen schwarzafrikanische Bevölkerungsgruppen.
Der Konflikt reicht bis 1916 zurück, als das unabhängige Sultanat Darfur in den Sudan eingebunden wurde. Damals eskalierte der Streit zwischen sesshaften und nomadisierenden Gruppen um Weideland und Wasser - angesichts zunehmender Wüstenbildung und langer Trockenperioden.
2003 kam es im Südsudan zur Gründung zweier Rebellenorganisationen. Im Gegenzug heuerte die Regierung ebenjene Reitermilizen an, auf deren Konto zahlreiche Gräueltaten an der Bevölkerung wie Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen und Vertreibungen gehen. Das brutale Vorgehen der Dschandschawid führte gar zum Vorwurf der ethnischen Säuberung, bis hin zum Völkermord.
Trotz des im April 2004 vereinbarten Waffenstillstands zwischen Regierung und Rebellen halten die Auseinandersetzungen beinahe unvermindert an. Bislang geht man von etwa 400.000 Toten und rund zweieinhalb Millionen Vertriebenen aus.
"Ein Mann mit einem Pferd und einer Waffe", das ist die wörtliche Übersetzung der Bezeichnung Dschandschawid - einer berittenen Miliz, die im Darfur-Konflikt (Sudan) eine wesentliche Rolle spielt. Seit ungefähr 2003 sind die meist von nomadischen Beduinen abstammenden muslimischen Reiter berüchtigt für ihre Grausamkeit gegen schwarzafrikanische Bevölkerungsgruppen.
Der Konflikt reicht bis 1916 zurück, als das unabhängige Sultanat Darfur in den Sudan eingebunden wurde. Damals eskalierte der Streit zwischen sesshaften und nomadisierenden Gruppen um Weideland und Wasser - angesichts zunehmender Wüstenbildung und langer Trockenperioden.
2003 kam es im Südsudan zur Gründung zweier Rebellenorganisationen. Im Gegenzug heuerte die Regierung ebenjene Reitermilizen an, auf deren Konto zahlreiche Gräueltaten an der Bevölkerung wie Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen und Vertreibungen gehen. Das brutale Vorgehen der Dschandschawid führte gar zum Vorwurf der ethnischen Säuberung, bis hin zum Völkermord.
Trotz des im April 2004 vereinbarten Waffenstillstands zwischen Regierung und Rebellen halten die Auseinandersetzungen beinahe unvermindert an. Bislang geht man von etwa 400.000 Toten und rund zweieinhalb Millionen Vertriebenen aus.



