Erfolgreich betrügen
Das Metier des Schwindelns ist nicht allein erfahrenen Vollzeit-Gaunern vorbehalten: auch Sie, ja Sie am Bildschirm, können Profi werden. Unverbindlich stellen wir zu diesem Zweck einen Leitfaden ins Netz.Ins Gefängnis führt nicht der Betrug selbst - nur mangelndes rhetorisches Geschick!
Kampf den Gutmenschen
Die glattzüngige Gesellschaft freilich ist schnell mit abgefeimten Stigmata bei der Hand: derartige Praktiken würden das Gemeinwohl gefährden, unsere freiheitlich-demokratische Ordnung in Frage stellen und überhaupt die Existenz des Staates aufs Spiel setzen! So gewitzt man auch bei Steuerhinterziehung und Co. vorzugehen in der Lage war, den bohrenden Fragen der Gutmenschen, den Beschuldigungen der staatlichen Kontrollagenten bleibt auch der gewiefteste Trickbetrüger meist hilflos ausgeliefert. Aber wie ist dem Betrüger-Stigma beizukommen?
Macht der Sprache
Auch wer eher zu den Kleinkriminellen und Gelegenheitslügnern gehört, kann mit cleverem Stigma-Management jeden Betrugsverdacht von sich abwenden. Oberstes Prinzip der erfolgreichen Entskandalisierung: Nutzen Sie die Definitionsgewalt der Sprache! Verben wie flunkern, schwindeln, beschönigen klingen versöhnlicher als verräterische Vokabeln wie verfälschen, lügen oder gar betrügen.
Akzeptieren Sie die Begrifflichkeit derjenigen, die Sie beschuldigen, auf keinen Fall! Beschimpft Sie ein Betrugsopfer als Ränkeschmied, Hochstapler oder Intrigant, ist der Verdacht mit Etikettierungen wie raffiniert, verschlagen oder gewitzt schon wieder halb aus der Welt geschafft. Auch das Wort Betrug lässt sich mit Umschreibungen wie einen Bären aufbinden oder Theater spielen gekonnt umgehen.
Schlauer Schwindel
Laufen linguistische Täuschungsversuche ins Leere, helfen "faule Ausreden": weniger um eine glaubwürdige Lüge geht es dabei, als um ein schlagfertiges Spiel mit Etiketten und sozialen Stellungen. So muss das Opfer der Ausrede nicht einmal Glauben schenken, wenn es Ihnen wohl gesonnen oder gar auf Sie angewiesen ist.
Erwischt Sie etwa einer Ihrer Angestellten beim spätabendlichen Fälschen von Bilanzen, kann schon der Hinweis auf chronische Schlaflosigkeit - durch übermäßigen Arbeitsdruck - vollauf genügen, um das klammheimliche Treiben zu rechtfertigen. Generell gilt: Je schlichter die Ausrede ist, desto eher wird Ihr Gegenüber Ihnen verzeihen.
Bruder Branntwein
In weniger verfänglichen Situationen hilft es oft schon, auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren: nicht nur Bruder Branntwein bietet hier Argumentationspotenzial. So lässt sich ein Betrugsmanöver auch durch partielle Hirnlähmung, wetterbedingten Erinnerungsverlust oder infektiöse Amnesie begründen. Haben Sie zwanzig Tonnen verdorbene Fleischwaren an die örtlichen Supermärkte geliefert, können Sie - so der kleine Skandal auffliegt - getrost auf die giftigen Dämpfe verweisen, die beim Verpacken der Gammelware die für das Moralempfinden zuständige Hirnhälfte beschädigt hätten.
Gammelware kommt bei den Verbrauchern nicht gut an: doch geschickte Schwindler verweisen hier auf das Lebensrecht von Salmonellen!
Sollten Ihnen die zuständigen Lebensmittelkontrolleure dennoch einen Strick aus der Fäulnisaffäre drehen wollen, legen Sie am besten Teilbeichten ab, etwa indem Sie weniger verwerfliche Teile Ihrer Motivation offenbaren. Der geschickte Stigma-Manager wird in jenem Fall auf die vielen Arbeitnehmer in seinem Betrieb verweisen: die günstig eingekaufte Ekelware verhindere eben die Kündigung von zwei Dritteln der Belegschaft.
Betrug fürs Allgemeinwohl
Noch wirkungsvoller sind Täuschungsmanöver, wenn der Delinquent zwingende oder gar edle Motive für seine Tat anführen kann: ein Betrug, den Sie vermeintlich im Interesse des Opfers, Dritter oder gar der Allgemeinheit begangen haben, wird Ihnen leichter verziehen als ein egozentrischer Schwindelrausch.
Nehmen wir an, Sie haben ein fremdes Land - dem Ihren wirtschaftlich unterlegen - angegriffen, um dessen Bodenschätze in Besitz zu nehmen. Begegnen Sie in diesem Fall internationaler Empörung mit dem Hinweis auf das erniedrigte Volk, den brutalen Despoten oder die Gefahr, die für andere Länder von eben diesem Staat ausgeht.
Geschickt kombiniert
Der gewiefte Stigma-Manager wird dieses beliebte Muster mit den schon erwähnten sprachlichen Winkelzügen kombinieren: am besten gelingt die linguistische Verblendung mit großen Worten wie Demokratie, Gleichberechtigung oder gar Freiheit. Um den Sprachbetrug komplett zu machen, bietet sich immer fachgemäßes Schwarz-Weiß-Denken an: der Kampf von Gut gegen Böse, Recht gegen Unrecht passt weit besser ins Betrugskonzept als umständliche Differenzierungen.
Frech wird Justitia versuchen Ihre Sünden bloßzulegen. Schmeicheln Sie den dreisten Amtsträgern trotzdem. (Bild: T. Kittelsen)
Künstliche Entrüstung
Lohnend kann es überdies sein, sich in künstlicher Empörung zu ergehen; heimtückisch spricht man zunächst die Gedanken aus, die das Opfer hegt, um sie dann empört und gekränkt zurückzuweisen: "Ich, ein Betrüger? Mit dem Geld aus der Rentenversicherung unserer Mitarbeiter auf Kokainpartys in Südfrankreich? Mit deiner Tochter? Wie kannst du mir so etwas nur vorwerfen?" Passen Sie aber auf, dass Sie bei der arglistigen Enthüllung nicht Dinge offenbaren, die dem Opfer so noch nicht klar waren!
Alle machen es!
Haben die Ankläger am Ende doch die Oberhand gewonnen, kann der glücklose Stigma-Manager nur noch auf eine Strategie zurückgreifen - er muss einen allgemeinen Konsens herstellen: "Fälschen? Gammelfleisch? Kriege anzetteln? Das macht doch jeder!" Appellieren Sie dabei schamlos an das schlechte Gewissen Ihrer Gegner. Und egal, für welche Technik Sie sich entscheiden: Betrügen Sie wohl!
Kathleen Niebl (22.02.2006)
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Infobox
Vom Postboten zum Oberarzt
Ein König unter den Betrügern ist der ehemalige Postbote Gerd Postel. Die Leidenschaft des glücklosen Briefträgers galt dem Arztberuf, den er ohne Medizinstudium und Abitur jahrelang ausübte.
Einen ersten Versuch in Richtung seines Traumjobs unternimmt Postel in Neuenkrichen, wo er sich mit einer gefälschten Approbationsurkunde vorstellt - und sofort seinen ersten Arbeitsvertrag erhält. Mit seinen medizinischen Fähigkeiten begeisterte der Mann mit mittlerer Reife seine Vorgesetzten auch als Stabsarzt bei der Bundeswehr und als Oberarzt am Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotheraphie und Neurologie im sächsischen Zschadraß.
Im Laufe seiner Medizinerkarriere wird der Postschaffner im Arztkittel mehrere Male enttarnt: doch nicht etwa aufgrund mangelnder Fachkenntnisse, sondern weil ihn frühere Bekannte und Arbeitskollegen wieder erkannten.
Ein König unter den Betrügern ist der ehemalige Postbote Gerd Postel. Die Leidenschaft des glücklosen Briefträgers galt dem Arztberuf, den er ohne Medizinstudium und Abitur jahrelang ausübte.
Einen ersten Versuch in Richtung seines Traumjobs unternimmt Postel in Neuenkrichen, wo er sich mit einer gefälschten Approbationsurkunde vorstellt - und sofort seinen ersten Arbeitsvertrag erhält. Mit seinen medizinischen Fähigkeiten begeisterte der Mann mit mittlerer Reife seine Vorgesetzten auch als Stabsarzt bei der Bundeswehr und als Oberarzt am Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotheraphie und Neurologie im sächsischen Zschadraß.
Im Laufe seiner Medizinerkarriere wird der Postschaffner im Arztkittel mehrere Male enttarnt: doch nicht etwa aufgrund mangelnder Fachkenntnisse, sondern weil ihn frühere Bekannte und Arbeitskollegen wieder erkannten.
Infobox
Buchtipp: Ralf Ottermann: Soziologie des Betrugs. Hamburg 2000. ISBN 3-8300-0149-5



