Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbes ist meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen.
Walther Rathenau, deutscher Industrieller und Politiker
Mit Brief und Siegel
Anfang 2004 wurde die deutsche Handwerksordnung liberalisiert, für mehr als die Hälfte aller handwerklichen Berufe entfiel der Meisterzwang. Doch nicht bei jedem löste die Reform Begeisterung aus.Gutes Werkzeug allein reicht nicht: Lange Zeit galt in Deutschland der Meisterzwang für alle Bereiche des Handwerks.
Zeit und Geld
Bisher galt generell: Wer in Deutschland einen eigenen Handwerksbetrieb eröffnen will, muss Meister sein. Der Inhaber des Meisterbriefs kann sich in die so genannte Handwerksrolle eintragen lassen und erhält damit die Berechtigung zum selbstständigen Betrieb eines zulassungspflichtigen Handwerks und zur Ausbildung von Lehrlingen. Für die Zulassung zur Meisterprüfung ist eine vorherige langjährige Tätigkeit als Geselle erforderlich. Darüber hinaus braucht es Zeit - und viel Geld: Die Kosten für den Meisterbrief können sich auf mehrere Zehntausend Euro belaufen und die Meisterkurse ziehen sich teilweise über zwei bis drei Jahre, da die meisten Gesellen sie nebenberuflich am Wochenende besuchen.
"Einzigartiges Qualitätssiegel"
Groß war daher 2003 das Aufatmen vieler Handwerksgesellen, als die Pläne bekannt wurden. Die Handwerkskammern jedoch liefen Sturm gegen die Reform und beharrten energisch auf der Reglementierung: Der Meistertitel stehe für die herausragende Qualifikation deutscher Handwerker und sei ein europaweit einzigartiges Qualitätssiegel. Einzigartig im wahrsten Sinne des Wortes: Außer in Luxemburg gibt es nirgendwo sonst derart strenge Vorschriften. Kritiker sehen in der Handwerksordnung gar ein Überbleibsel mittelalterlicher Zunftrechte mit ihren rigiden Marktzugangsbeschränkungen.
Preußischer Reformer und Verfechter der Gewerbefreiheit: Karl August Freiherr von Hardenberg (1750 bis 1822).
Dabei kannten deutsche Handwerker schon einmal wesentlich freizügigere Zeiten als heute: 1810 führte das reformfreudige Preußen die uneingeschränkte Gewerbefreiheit ein und schaffte den Meisterzwang ab. Auch in anderen deutschen Staaten gab es Liberalisierungstendenzen, und 1869 verkündete der Norddeutsche Bund eine Gewerbeordnung, die mit der Reichsgründung 1871 im gesamten Deutschen Reich wirksam wurde. Doch nicht allen gefiel die Öffnung des Wettbewerbs; viele unter Konkurrenzdruck geratene Handwerker kämpften um ihre alten Privilegien.
Bollwerk gegen die Arbeiterbewegung
Mit Erfolg: Als Teil des Kleinbürgertums war die Handwerkerschaft eine wichtige Stütze des Kaiserreichs - wirtschaftlich und politisch. Sie galt als "Bollwerk" gegen die aufstrebende Arbeiterbewegung. Und so legte ein neues Handwerkerschutzgesetz 1897 die Gründung von Handwerkskammern fest, denen jeder Handwerksbetrieb beitreten musste und die durch Mitgliedsbeiträge finanziert wurden. Ab 1908 benötigten dann diejenigen Handwerker wieder einen Meisterbrief, die Lehrlinge ausbilden wollten.
Nationalsozialistische Ideologie
Die Rückkehr zur alten Ordnung ermöglichten den nach Beschränkung des Wettbewerbs rufenden Handwerkern aber erst die Nationalsozialisten. Ihrer Ideologie einer neoständischen Gesellschaft folgend, schafften sie 1935 die Berufsfreiheit ab und etablierten den Meisterbrief - beziehungsweise den "Großen Befähigungsnachweis" - als Voraussetzung für die Selbstständigkeit im Handwerk. Obwohl die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg die Gewerbefreiheit in ihrer Besatzungszone kurzzeitig wieder einführten, orientierte sich die Bundesregierung 1953 beim Erlass der neuen Handwerksordnung am Gesetzestext von 1933. Fortan verlangte sie den Meisterbrief zur selbstständigen Ausübung eines Handwerks...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Handwerk | ![]() |
Infobox
Sozial - und schikanös
Die Anfänge der Zünfte liegen im Hochmittelalter, als zahlreiche Städte entstanden. Dort entwickelte sich das Handwerkswesen zu seiner vollen Blüte. Der Zusammenschluss der Handwerker basierte zunächst weniger auf dem Wunsch nach regulierenden Maßnahmen als vielmehr auf dem Bedürfnis, sich gegenseitig sozialen Beistand zu leisten. Die Zunft war Bank- und Kreditinstitut für die Mitglieder, ein Sozialfond (die so genannte Zunftkasse, in die jeder einzahlen musste) sorgte für eine Art Kranken- und Lebensversicherung und sicherte ein würdiges Begräbnis.
Nach und nach jedoch entwickelten sich die Zünfte zu Gewerbeverbänden, die vor allem die wirtschaftlichen Rechte und Interessen ihrer Mitglieder wahrten und regelten. Sie diktierten und überwachten etwa die berufliche Ausbildung, Arbeitszeiten, Produktqualität und Preise. Außerdem kontrollierten die Zünfte die Anzahl der Handwerker und Gesellen, um zu sichern, dass nicht zu viel Konkurrenz innerhalb einer Stadt entstand. Erreicht wurde dies durch den Zunftzwang: Außerhalb der Zünfte durfte der Zunftberuf nicht ausgeübt werden. Nichtzünftige Gewerbetreibende wurden als Stümper diskreditiert, Waren ohne Zunftstempel durften in der Stadt nicht verkauft werden.
Zur Zunft gehörten nicht nur die selbstständigen Meister, sondern oft auch deren Gesellen und Lehrlinge. Ab dem Spätmittelalter bildeten die Gesellen, die nur passive und minderberechtigte Zunftangehörige waren, gegen die Macht der Meister eigene Gesellenvereinigungen. Immer strenger werdende Zulassungsbestimmungen, etwa unangemessene Forderungen, die an die Dauer der Walz oder an die fachliche Qualifikation in der Meisterprüfung gestellt wurden, zwangen die Gesellen dazu.
Nach und nach jedoch entwickelten sich die Zünfte zu Gewerbeverbänden, die vor allem die wirtschaftlichen Rechte und Interessen ihrer Mitglieder wahrten und regelten. Sie diktierten und überwachten etwa die berufliche Ausbildung, Arbeitszeiten, Produktqualität und Preise. Außerdem kontrollierten die Zünfte die Anzahl der Handwerker und Gesellen, um zu sichern, dass nicht zu viel Konkurrenz innerhalb einer Stadt entstand. Erreicht wurde dies durch den Zunftzwang: Außerhalb der Zünfte durfte der Zunftberuf nicht ausgeübt werden. Nichtzünftige Gewerbetreibende wurden als Stümper diskreditiert, Waren ohne Zunftstempel durften in der Stadt nicht verkauft werden.
Zur Zunft gehörten nicht nur die selbstständigen Meister, sondern oft auch deren Gesellen und Lehrlinge. Ab dem Spätmittelalter bildeten die Gesellen, die nur passive und minderberechtigte Zunftangehörige waren, gegen die Macht der Meister eigene Gesellenvereinigungen. Immer strenger werdende Zulassungsbestimmungen, etwa unangemessene Forderungen, die an die Dauer der Walz oder an die fachliche Qualifikation in der Meisterprüfung gestellt wurden, zwangen die Gesellen dazu.



