Vor den Monitoren sitzen Menschen! Ein gestreckter Mittelfinger - gezeigt vor der Kamera - kann als Beamtenbeleidigung gewertet werden.
Sinn des Ganzen
Näher am Kern des Problems könnte sich ein weiteres Argument von Kritikern bewegen: Videoüberwachung erfasse gleichermaßen schwarze wie weiße Schafe, Straftäter ebenso wie unbescholtene Bürger - und widerspreche folglich dem Gebot der Unschuldsvermutung. Kurz: Jeder steht unter Verdacht. Aber ist genau das nicht der Sinn aller Überwachung des öffentlichen Raumes?
Normierungsverfahren
Den Schritt vom kritischen Argument zur Analyse geht der französische Philosoph Gilles Deleuze: Die traditionellen "Einschließungsformen der Disziplinargesellschaft" - Fabrik und Gefängnis, Kaserne, Familie und Schule - steckten, schreibt Deleuze, mittlerweile tief in der Krise. Eine "Kontrollgesellschaft" erzeuge nun neue Verfahren, Verhalten zu normieren. Kontrolle beruhe schon jetzt kaum mehr auf abgegrenzten Institutionen, ihre Wesensmerkmale seien stattdessen Allgegenwart und Permanenz. "Nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch" sei ihr Objekt - schuldig, auch vor dem nimmermüde beobachtenden Kameraauge, ohne Ansehen der Person.
Unverzichtbares Mittel
Dass den Datenberg, den Kameras anhäufen, derzeit noch niemand wirklich überblicken kann, ist so vermutlich kein langfristig anhaltendes Defizit: Auch Chief Inspector Nevilles Enttäuschung wird verfliegen, sobald neue Generationen automatischer Bildverarbeitungswerkzeuge auf dem Markt erscheinen. Denn Videoüberwachung liegt im Trend. Als Mittel der Kontrollgesellschaft ist das Auge der Kamera unverzichtbar geworden.
Michael Schmittbetz (18.09.2008)
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Brennpunkte privaten Kameraeinsatzes sind die Zentren des Konsums. Im Fokus der Kameras (oder der Überwacher an den Monitoren) stehen dabei alle Formen "nichtbestimmungsgemäßen Verweilens", also langer Aufenthalt ohne zu Kaufen, Herumlungern, Betteln, fliegender Handel, Alkoholgenuss.
Für unterschiedliche Arten der Verhaltens- beeinflussung kommen unterschiedliche Typen von Kameras zum Einsatz: Deutlich sichtbare Kameras mit entsprechenden Hinweisschildern sollen Verhalten vor allem prophylaktisch steuern und ein Klima der Kontrolle erzeugen, hier sind sogar Dummys möglich; getarnte Kameras (zum Beispiel als Leuchten, Werbeinstallationen oder Rauchmelder) sollen zur Identifizierung von Personen beitragen, die Regelverstöße begehen.
Kritiker meinen, dass sich insbesondere private Videoüberwachung gesetzlichen Festlegungen teilweise entziehe. Zudem weitet sich der Bereich privater Videoüberwachung mit der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raumes ständig aus.
Für unterschiedliche Arten der Verhaltens- beeinflussung kommen unterschiedliche Typen von Kameras zum Einsatz: Deutlich sichtbare Kameras mit entsprechenden Hinweisschildern sollen Verhalten vor allem prophylaktisch steuern und ein Klima der Kontrolle erzeugen, hier sind sogar Dummys möglich; getarnte Kameras (zum Beispiel als Leuchten, Werbeinstallationen oder Rauchmelder) sollen zur Identifizierung von Personen beitragen, die Regelverstöße begehen.
Kritiker meinen, dass sich insbesondere private Videoüberwachung gesetzlichen Festlegungen teilweise entziehe. Zudem weitet sich der Bereich privater Videoüberwachung mit der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raumes ständig aus.



