Bett zu vermieten
Deutschlands erste Mieter hatten kaum Rechte - sie konnten froh sein, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben. Damals, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, war Wohnraum nämlich äußerst knapp.Feuchte Wände, Wucherpreise und Ärger mit dem Hausbesitzer - damit hatten schon Deutschlands erste Mieter zu kämpfen. Nur standen ihnen Mitte des 19. Jahrhunderts weder Interessenvertretungen noch Gesetze zur Seite. Dabei hätten sie das bitter nötig gehabt, denn das Leben in den ersten Miethäusern unterschied sich gewaltig von dem, was wir heute gewohnt sind.
Von der Straße aus wirkten viele der damaligen Wohnblocks durchaus beeindruckend, und hinter ihren stuckverzierten Fassaden und hohen Fenstern gab es große, helle Wohnungen. Das konnten sich aber nur die wohlhabenden Städter leisten. In den Innenhöfen sah es dagegen ganz anders aus. So düster und eng wie sie waren auch die anliegenden Wohnungen, durch deren schmale Fenster nur wenig Licht drang.
Zweitausend Menschen in dreihundert Unterkünften
Die meisten Bewohner solcher Mietskasernen waren arme Fabrikarbeiter. Weil die nur wenig Miete zahlen konnten, erhöhten Hausbesitzer ihre Gewinne auf andere Weise: Sie bauten so viele Wohnungen wie möglich auf ihr Grundstück. Ein Extrembeispiel dafür ist der Meyerische Hof, der im Berliner Ortsteil Wedding stand. In den 1870er Jahren vom Textilfabrikanten Jaques Meyer erbaut, beherbergte der Wohnblock zeitweise um die zweitausend Menschen - in nur dreihundert kleinen Unterkünften.
Die typische "Platte": Luxus im Vergleich zu den ersten Mietskasernen.
Viele Mieter beheizten ausschließlich die Küche, um Holz zu sparen. Waschgelegenheiten und Toiletten befanden sich im Innenhof oder auf dem Gang. Oft mussten sich an die einhundert Leute eine Toilette teilen, die nur ein- bis zweimal am Tag gereinigt wurde.
In fremden Betten
Weil die Löhne kaum für den Lebensunterhalt reichten, suchten viele Arbeiter nach zusätzlichen Einnahmequellen. Hatten Wohnungen eine zweite Schlafkammer, wurde sie untervermietet. Manche Bewohner verkauften gar ihre Betten stundenweise an "Schlafgänger", die kein eigenes Quartier hatten. Nach zwölf Stunden Schufterei kehrten die Untervermieter also nicht nur an den warmen Küchenherd, sondern auch ins vorgewärmte Bett zurück. Nicht selten teilten sich dreißig Personen eine Unterkunft. Die unzumutbaren Zustände in den Mietskasernen interessierten die Stadtverwaltungen zunächst wenig. Schließlich war die Unterschicht in den Gremien kaum vertreten.
Ein Umdenken bei Politikern, aber auch bei Vermietern und Fabrikanten setzte gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein, als sich eine politische Arbeiterschicht mit eigenem Standesbewusstsein herauszubilden begann, die sich in Gewerkschaften und Parteien organisierte.
Haydnstraße in Leipzig: Rundum saniert, sind die alten Gründerzeit-Mietskasernen heute begehrte Wohnobjekte.
Geld oder Gesundheit
Um den Sozialisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, sahen sich Staat und Unternehmer gezwungen, die schlimmsten Missstände zu beheben. Doch zu hohe Umsatz- und Mieteinbußen wollten sie auch nicht in Kauf nehmen. Man konnte sich deshalb nur auf wenige Maßnahmen einigen, und nicht immer hatten die Mieter tatsächlich den größten Nutzen davon. Ein Beispiel: Um die Überbelegung von Zimmern und die hiermit verbundenen hygienischen Probleme einzudämmen, baute man fortan noch kleinere Küchen. Die Bewohner waren dadurch auf die Nutzung der anderen Räume angewiesen und konnten sie nicht untervermieten. Mehr Platz und bessere Luft hatten sie jetzt - aber auch weniger Geld zum Leben.
Noch zwanzig Jahre sollte es dauern, bis Mieter erste gesetzlich verankerte Rechte erhielten. 1923 erließ die Räteregierung der Weimarer Republik ein für ganz Deutschland geltendes Mietgesetz, das Mietnotrecht. Mit Hilfe dieses Gesetzes hoffte man, die immer noch herrschende Wohnungsnot in den Griff zu bekommen. Die neuen Regelungen betrafen drei Kernpunkte: die Miethöhe, die Verteilung von Wohnungen und die Aufkündigung des Mietverhältnisses.
Macht des Mieters
Das Mietnotrecht stärkte die Position des Mieters enorm, denn es beschränkte die Möglichkeiten des Vermieters zur Kündigung. Um einen Mieter aus seiner Wohnung zu bekommen, musste ein Hausbesitzer von nun an Klage einreichen und Pflichtverletzung oder Zahlungsverzug nachweisen.
Diese Neuregelungen der Weimarer Republik bilden die Grundlage des bundesdeutschen Mietrechts. Bei feuchten Wänden, Mietwucher oder unverschämten Hausbesitzern kann sich der Mieter auf eine Fülle von Gesetzen berufen und im Zweifelsfall die Hilfe von Mieterschutzverbänden in Anspruch nehmen. Im 21. Jahrhundert kann kaum ein Vermieter ungestraft seine Mieter in einer Bruchbude hausen lassen oder sie einfach aus der Wohnung werfen. Wovon Deutschlands erste Mieter bloß träumen konnten - heute ist es selbstverständlich.
Claudia Albert (aktualisiert 25.01.2012)
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Land der Mieter
- so könnte man Deutschland nennen. Weder im europäischen Ausland noch in Nordamerika oder Japan wohnt ein so großer Teil der Bevölkerung zur Miete. 2011 waren es rund 53 Prozent der Deutschen. Dazu passt, dass laut Bundesamt für Statistik 2005 rund 85 Prozent der hiesigen Bevölkerung in Städten lebte, wo Miethäuser dominieren.
Zugleich spiegelt die Entwicklung des Wohnungsmarktes demografische Veränderungen wie sinkende Kinderzahlen wider: 2005 lebten lediglich 28 Prozent der Bevölkerung in Haushalten mit drei oder mehr Personen, 34 Prozent in Zweipersonenhaushalten. Dagegen wohnten 38 Prozent allein.
- so könnte man Deutschland nennen. Weder im europäischen Ausland noch in Nordamerika oder Japan wohnt ein so großer Teil der Bevölkerung zur Miete. 2011 waren es rund 53 Prozent der Deutschen. Dazu passt, dass laut Bundesamt für Statistik 2005 rund 85 Prozent der hiesigen Bevölkerung in Städten lebte, wo Miethäuser dominieren.
Zugleich spiegelt die Entwicklung des Wohnungsmarktes demografische Veränderungen wie sinkende Kinderzahlen wider: 2005 lebten lediglich 28 Prozent der Bevölkerung in Haushalten mit drei oder mehr Personen, 34 Prozent in Zweipersonenhaushalten. Dagegen wohnten 38 Prozent allein.
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Heinrich Zille
Sein "Milljöh" waren die Berliner Arbeiterviertel um 1900: die Mietskasernen des Wilhelminischen Rings, der sich durch die Stadtteile Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg, Tiergarten und Charlottenburg zog. Was sich dort auf den Straßen und in den Hinterhöfen abspielte, das brachte der Zeichner und Grafiker Heinrich Zille (1858 bis 1929) zu Papier.
Die Szenen aus dem Arbeiterleben wollte zunächst kaum jemand kaufen, doch schließlich fand auch das reiche Bürgertum Gefallen an ihnen. Allerdings betrachtete es die darauf abgebildeten Milieufiguren als karnevalistische Attraktion. Man veranstaltete Maskenbälle, zu denen die Reichen als Zillegestalten verkleidet erschienen.
Den Künstler verdross es sehr, dass die bürgerliche Oberschicht seine Milieuskizzen bloß als Belustigung ansah und ihre sozialkritische Dimension geflissentlich übersah: "Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss." Die drastischste Schilderung der katastrophalen Wohn- und Lebenssituation im Milieu gibt Zille in den Hurengesprächen (1913): Darin lässt er Arbeiterfrauen von sexueller Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit erzählen. Das Werk wurde sofort verboten. Unzensiert sind die Zeichnungen heute im Berliner Zille-Museum ausgestellt.
Sein "Milljöh" waren die Berliner Arbeiterviertel um 1900: die Mietskasernen des Wilhelminischen Rings, der sich durch die Stadtteile Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg, Tiergarten und Charlottenburg zog. Was sich dort auf den Straßen und in den Hinterhöfen abspielte, das brachte der Zeichner und Grafiker Heinrich Zille (1858 bis 1929) zu Papier.
Die Szenen aus dem Arbeiterleben wollte zunächst kaum jemand kaufen, doch schließlich fand auch das reiche Bürgertum Gefallen an ihnen. Allerdings betrachtete es die darauf abgebildeten Milieufiguren als karnevalistische Attraktion. Man veranstaltete Maskenbälle, zu denen die Reichen als Zillegestalten verkleidet erschienen.
Den Künstler verdross es sehr, dass die bürgerliche Oberschicht seine Milieuskizzen bloß als Belustigung ansah und ihre sozialkritische Dimension geflissentlich übersah: "Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss." Die drastischste Schilderung der katastrophalen Wohn- und Lebenssituation im Milieu gibt Zille in den Hurengesprächen (1913): Darin lässt er Arbeiterfrauen von sexueller Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit erzählen. Das Werk wurde sofort verboten. Unzensiert sind die Zeichnungen heute im Berliner Zille-Museum ausgestellt.



