Laktose für alle?
Sie ist gesund. Da mag was dran sein. Denn warum sonst trinken weltweit immer mehr Menschen Milch? Nur ist nicht für jeden alles gesund.Besser ein gutes Glas Milch? Milchpulver steckt auch schon im Fastfood drin.
Leckeres Einerlei
Milchpulver, das bedeutet Milchzucker (Laktose). Der steckt in Butter, Käse, Joghurt, Sahne und Quark - ebenso in Milchschokolade und in Backwaren, in Fertiggerichten, in Würzmischungen und Wurst, und in vielem anderen mehr. Die Faustregel hier: Je höher verarbeitet Lebensmittel sind, umso wahrscheinlicher wirkt auch Laktose mit am vom Food-Designer angestrebten "Mundgefühl". Was, da es "nur" um Milch geht (und die gilt ja als gesund), wäre dagegen einzuwenden? Was spricht gegen die Aufwertung der Milch (des Milchzuckers, der zudem billiger ist als andere Zuckerarten) zum globalen Nahrungsmittel? Warum sollten Chinesen denn Milchriegel, Joghurt und mit Milchzucker angereichertes Fastfood nicht lecker finden?
Die gesundheitsfördernden Eigenschaften von Milch werden ebenso oft behauptet wie angezweifelt. Umstritten sind desgleichen die klassischen Werbebotschaften rund um die Ware Milch: "Milch macht müde Männer munter", so klang es im Deutschland der 1950er Jahre. Damals, zu Zeiten des Wirtschaftswunders, baute dieser Slogan das positive Werbe-Image der Milch im Kopf des deutschen Normalverbrauchers auf. Tatsächlich, Milch enthält Kalzium (rund 100 bis 150 Milligramm auf 100 Milliliter Vollmilch) und Proteine. Beides ist wichtig für die menschliche Ernährung.
Das klassische Milchvieh, die Holstein-Kuh: Sie erbringt - in der Hochleistungsvariante - bis zu 15.000 Kilogramm Milch pro Jahr.
Dennoch ist die Rolle von Milch als angeblich unverzichtbarer Protein- und Kalziumlieferant zweifelhaft - auch, weil Kalzium zur Aufnahme in den Stoffwechsel der Zufuhr von Vitamin D bedarf. Vitamin D kommt aber in Milch nur in geringem Umfang vor. Kritiker wenden überdies ein, dass auch ohne Milchprodukte ein ausgewogener Eiweiß- und Kalziumhaushalt möglich sei.
Argumente für einen unmittelbar anregenden oder leistungssteigernden Effekt des Milchgenusses - wie es der Werbeslogan und seine vielen Nachfolger suggerieren - blieben nie unangefochten. Naturheilkundlich arbeitende Mediziner vermuten sogar, dass intensiver und regelmäßiger Milchkonsum schädlich sein könnte. Sie wollen "aufräumen mit dem Mythos Milch" und verweisen auf die Risiken des Konsums von erhitztem (also minderwertigem) Eiweiß und von gesättigten Fettsäuren. Hinzu käme der Umstand, dass in roher Kuhmilch ursprünglich enthaltene Vitamine und nützliche Milchbakterien während des üblichen Pasteurisierens wirkungslos würden.
Laktase für die Laktose
Dennoch: Milch und Milchprodukte sind für die große Mehrheit der Menschen in Nord-, West- und Mitteleuropa gut verträglich, auch jenseits des Säuglingsalters: Hellhäutige Europäer und Nordamerikaner verfügen meist in genügendem Maß über das körpereigene Verdauungsenzym Laktase, das den Abbau des mit der Nahrung aufgenommenen Milchzuckers möglich macht. Deutlich anders aber sieht es aus im "Rest" der Welt.
So reduziert sich bei rund 93 Prozent der chinesischen Bevölkerung die Laktaseproduktion im Körper nach dem Säuglingsalter praktisch auf Null. Gleiches trifft auf über 10 Prozent der deutschen Bevölkerung zu. Laktose-Intoleranz - die Unfähigkeit, Milchzucker störungsfrei zu verdauen - ist für gut vier Fünftel der Menschheit Normalzustand. Warum ist das so? Genanalysen belegen: Erst in relativ späten Phasen stammesgeschichtlicher Entwicklung (vermutlich nach der Steinzeit) haben Teile der Menschheit die Fähigkeit zur Milchverdauung auch im Erwachsenenalter erworben. Typischerweise geschah das dort, wo früh und in erheblichem Umfang Rinderhaltung betrieben wurde.
Mutanten trinken Milch
Wem Eiweiß und Kalzium in der Milch seiner Rinder - besonders bei Ausfall anderer Proteinquellen - zur Verfügung standen, der besaß einen Evolutionsvorteil. Laktose-Intoleranz ist also der genetisch ursprüngliche Status - die anhaltende Erzeugung körpereigener Laktase dagegen das Ergebnis von lokaler Mutation.
Milchzucker macht müde chinesische Männer (und eine Mehrheit aller Frauen und Männer auf dieser Welt) folglich nicht unbedingt munter, sondern erzeugt eher Blähungen, Durchfall und Übelkeit - das nämlich sind die Symptome der Laktose-Intoleranz. Die schleichende Ausweitung des Verzehrs von Milchzucker per Übernahme des westlichen Ernährungsstils sei, behaupten manche Experten, daher kritisch zu betrachten.
Milch hat Zukunft
Weil modernes Food-Design ohne Milchzucker jedoch kaum auskommt, und weil mit Food-Design die Absatzchancen der Lebensmittelindustrie stehen und fallen, dürfte der Prozess schwer aufzuhalten sein: Milch hat Zukunft - weltweit! Ob es der Welt nun bekommt oder nicht.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 01.12.2011)
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Infobox
Die Hochleistungskuh
Milch - damit ist in Europa beinahe immer Kuhmilch gemeint. Kuhmilch stammt meist nicht schlechthin vom Rind, sondern von speziellen, intensiv auf Leistung gezüchteten Milchrindern. Damit die Leistung (sprich: die Milchmenge) bei der Kuh recht üppig gerät, erhalten Hochleistungskühe mit dem Futter mehr als das Vierfache ihres eigentlichen Energiebedarfs. Im Alter von 24 bis 32 Monaten kalben Kühe gewöhnlich zum ersten Mal. Nun, bei der Geburt des Nachwuchses, beginnt die Laktation (Milchabgabe).
Eine Woche nach dem Kalben trennt der Mensch Kalb und Kuh; die Kuh wird fortan zwei- bis dreimal täglich gemolken. Sobald es geht, ist eine erneute (meist künstliche) Besamung fällig. Neun Monate dauert die Trächtigkeit. Kurz vor dem Kalben stellt man die Kuh für rund acht Wochen trocken, zwecks Erholung des Euters. Kühe reiner Milchrassen geben pro Jahr bis zu 15.000 Kilogramm Milch.
Milch - damit ist in Europa beinahe immer Kuhmilch gemeint. Kuhmilch stammt meist nicht schlechthin vom Rind, sondern von speziellen, intensiv auf Leistung gezüchteten Milchrindern. Damit die Leistung (sprich: die Milchmenge) bei der Kuh recht üppig gerät, erhalten Hochleistungskühe mit dem Futter mehr als das Vierfache ihres eigentlichen Energiebedarfs. Im Alter von 24 bis 32 Monaten kalben Kühe gewöhnlich zum ersten Mal. Nun, bei der Geburt des Nachwuchses, beginnt die Laktation (Milchabgabe).
Eine Woche nach dem Kalben trennt der Mensch Kalb und Kuh; die Kuh wird fortan zwei- bis dreimal täglich gemolken. Sobald es geht, ist eine erneute (meist künstliche) Besamung fällig. Neun Monate dauert die Trächtigkeit. Kurz vor dem Kalben stellt man die Kuh für rund acht Wochen trocken, zwecks Erholung des Euters. Kühe reiner Milchrassen geben pro Jahr bis zu 15.000 Kilogramm Milch.
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Verbreitung von Laktoseintoleranz
| Region/Ethnie | Prozentualer Anteil |
| Südostasien | 98 % |
| China | 93 % |
| Zentralasien | 80 % |
| Afro-Amerikaner | 79 % |
| Südamerika | 65 bis 75 % |
| Südindien | 70 % |
| Nordindien | 27 % |
| Deutschland | 10 bis 15 % |
| Weiße US-Bürger | 12 % |
| Großbritannien | 5 bis 15 % |
| Schweden | 2 % |
(aus: Lactose Intolerance, in: Cambridge World History of Food, Cambridge 2007)




