Ferne Stimme
Immer erreichbar sein müssen all jene, die beruflich oder privat Erfolg haben wollen. Als der Schotte Bell 1876 das Telefon erfand, ahnte er nichts von derartigen Folgen.Alexander G. Bell gilt als Erfinder der Telefonie.
In der Neuzeit bediente sich der Durchschnittsbürger des Briefes, den zum Beispiel eine englische Postkutsche auf der 560 Kilometer langen Strecke von London nach Edinburgh in sieben Tagen beförderte. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der Amerikaner Samuel Morse die elektromagnetische Telegrafie. Wirklich revolutionär war aber erst das Telefon.
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Der deutsche Physiker Johann Philipp Reis konstruierte 1861 den ersten Fernsprecher zur elektrischen Tonübertragung. Als Vorbild diente das menschliche Ohr: In ihm versetzen Schallwellen des gesprochenen Wortes das Trommelfell in Schwingungen. Die Schwingungen werden verstärkt und als Nervenimpulse an das Gehirn weitergeleitet. Auch das erste praktisch nutzbare Telefon, über das zwei Personen wirklich kommunizieren konnten, funktionierte nach diesem Prinzip. Der Brite Alexander Graham Bell stellte es 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia vor.
Bells Erfindung bestand aus einem Sender, einem Empfänger und einem Verbindungsdraht. Sender und Empfänger setzten sich aus Membran und Magnet zusammen. Letzterer war mit einer Drahtspule umwickelt, auf der ein konstanter Gleichstrom floss. Sprach man auf die Membran, erzeugten die Schallwellen Schwingungen, die das Magnetfeld störten. Dadurch änderte sich die Stärke des Gleichstroms. Der veränderte Strom wurde über den Draht zum Empfänger weitergeleitet. Hier veränderte der Strom das Magnetfeld, was die Membran in Schwingungen versetzte. Die unterschiedlichen Schwingungen erzeugten Druckwellen, die als Schall im Ohr hörbar waren.
Heute wieder in: Telefone mit Wahlscheibe aus den 1970ern sind begehrt.
So hörte Bells Assistent am 10. März 1876 durch das Telefon seinen Chef sagen: "Watson, komm' her, ich brauche dich." Die Übertragung einer "fernen Stimme" - dies ist die Übersetzung des Wortes Telefon aus dem Griechischen - war gelungen. Im Dezember 1876 konnten Bell und Watson schon über eine Distanz von zweihundert Kilometern kommunizieren.
Die Presse machte die Erfindung der Öffentlichkeit schnell bekannt. Das Telefon fand zunächst nur zögerliche Annahme, US-Präsident Hayes drückte es so aus: "Eine erstaunliche Erfindung, aber wer sollte sie jemals benutzen wollen?" Im gleichen Jahr, 1877, richtete ein Bostoner Geschäftsmann eine Telefonverbindung zwischen seinem Haus und seinem Geschäft ein. Bell gründete mit weiteren Partnern die Bell-Telefongesellschaft. Drei Wochen nach der Gründung vermietete sie immerhin schon 25 Telefone pro Tag.
Kohle für besseres Hören
Nicht nur Privatpersonen, auch das Militär erkannte die Möglichkeiten des Telefons. In Deutschland entwickelte Siemens die ersten Telefone für das Kaiserreich. Dank verbesserter Technik konnte Sprache über eine Distanz von achtzig Kilometern ohne verstärkende Batterien übertragen werden.
"Junge Frau am Telefon" (1912) von Max Schüler: In damaligen Zeiten machte man sich zurecht für das Telefonat.
Brokathäubchen für den Liebling
1956 wurde das transatlantische Telefonkabel zwischen New York und Schottland in Betrieb genommen. Aber noch war ein Telefongespräch nichts Alltägliches. Dafür machte man sich fein - telefonieren mit schlecht sitzender Frisur oder Arbeitskluft war undenkbar! Ein Brokathäubchen für den geliebten Fernsprecher war keine Seltenheit und als goldfarbenes, verschnörkeltes Luxustelefon war es der ganze Stolz seines Besitzers.
Christiane Nienhold (aktualisiert 14.06.2006)
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