Generation SMS
1992 legte die Handybranche mit einer neuen Möglichkeit mobiler Kommunikation nach - was erst als ein kostenloser Service gedacht war, machte schnell Karriere.Die Kultur des Abendlandes steht am digitalen Abgrund. Anstatt Brieffreundschaften zu pflegen, pressen Heranwachsende wenig geistreiche Gedanken in kaum 160 Zeichen lange elektronische Botschaften - der Brief ist tot, es lebe die SMS. Kulturpessimisten blicken entrüstet auf das neue Medium: die Kommunikation en miniature verdürbe die sprachlichen Sitten, entrüsten sich die kultivierten Fortschrittshinterfrager, der ständige Blick auf das Handydisplay schränke außerdem die Lesekompetenz der Jugend ein.
Mit der SMS ins Kulturgrab?
Die Daumengeneration freilich schert sich wenig um den bevorstehenden Sprachverfall: allein im Jahr 2003 verschickte sie hierzulande gut 25 Milliarden Minibotschaften. Doch sind die Kurzmitteilungen wirklich die Sargnägel unserer schönen deutschen Sprache? Und: Reißt die SMS gute Umgangsformen gleich mit ins Kulturgrab?
Stammelnde Analphabeten
Dass Halbwüchsige den Sprach- und Sittenverfall befördern, ist ein alter Verdacht. So glaubten die Sprachhüter der 1960er Jahre, Comic-Lektüre vernichte binnen kurzer Zeit das jugendliche Vermögen zur kultivierten Verständigung. Als "Jargon einer bestimmten Sondergruppe" brandmarkte zum Beispiel der Lexikograph Heinz Küpper die Jugendsprache des rebellischen Jahrzehnts, der pubertäre Slang erniedrige und beleidige überdies den "größeren und wertvollen Teil der Jugend".
Bye, bye Briefkultur: nur noch etwa zehn Prozent aller in Deutschland verschickten Briefe sind Privatschreiben. (Gemälde von Cornelis N. Gysbrechts, 1665)
Erosion der Sprache
So ist ihnen natürlich bewusst, dass eine SMS in eher informellen Kontexten versendet wird, während Telefonat und Brief formellen Anlässen vorbehalten sind. Dass die kleinen Sendungen Ausdruck einer Erosion der Sprache seien, glauben nicht einmal Sprachforscher. Selbst wenn Schüler Vokale, Silben und Interpunktionen weglassen, meint etwa Sheila Hughes von der Universität Strathclyde in Schottland, dächten sie darüber nach: "Eine Veränderung der Sprache kann niemand verhindern - also sollte man sie nutzen."
Lediglich Schriftvarianten sind die 160-Zeichen-Textchen, ihr Einfluss auf die Standardsprache ist gering. Die Gruppe der exzessiven Simser, die 13- bis 21-jährigen, nutzt das neue Medium auch nicht als Ersatz für den Einsatz anderer Medien oder gar Treffs mit ihren Freunden. Der Heranwachsende schreibt heute eine SMS, wenn er früher überhaupt nicht kommuniziert hätte, etwa wenn er im Stau steht oder gelangweilt vor dem Fernseher sitzt.
Stilfragen
Die Mitteilungen sind dann zwar - aus Sicht der Erwachsenen - relativ banal, aber bei geübten Tippern bildet sich rasch ein eigener Schreibstil heraus: Elemente aus dem mündlichen Sprachgebrauch, Dialektales und Kindersprache verwenden die Sprachschöpfer neben gewollten Sprachverformungen und Medienreferenzen. Nicht selten nutzen Pubertierende ein eigens eingerichtetes SMS-Notizbuch zur Archivierung der eingegangenen Kurzmitteilungen.
Handynutzer versenden jährlich eine Billion Kurznachrichten weltweit.
Die bewusst spielerische Qualität der Mikrotexte und der selbstverständliche Umgang mit dem Medium SMS dient den jugendlichen Nutzern zudem als Mittel der Abgrenzung zu anderen Altersgruppen: während die Eltern hilflos auf der Tastatur herumstochern und der Freundeskreis der Jüngeren noch zu eingeschränkt zum hemmungslosen Informationsaustausch ist, rühmen sich Teenager ihrer Fingerfertigkeit beim Verfassen der elektronischen Inhalte. Unabhängig und unbelauscht lassen sich so intimste Geständnisse übermitteln.
"Organisiert" heranwachsen
Finnische Forscher nehmen gar an, dass die SMS Heranwachsenden ermöglicht, ihre soziale Rolle zwischen Kindheit und Erwachsensein zu organisieren. Als Tester 1992 die erste Kurzmitteilung versendeten, und Mobilfunkanbieter die SMS kurz darauf zunächst als kostenlosen Zusatzservice anboten, ahnte noch niemand, dass sich innerhalb kurzer Zeit eine regelrechte SMS-Kultur entwickeln würde. Fetisch-Objekt ist das Handy den meisten Nutzern inzwischen geworden. Noch mehr als das Angerufenwerden, erfüllt die SMS - oder besser der Ton, der den Eingang einer Kurzmitteilung ankündigt - aber noch eine zweite Funktion.
Beständiges Piepen
Wer kennt ihn nicht, den gestressten Handynutzer, dessen Mobiltelefon alle drei Minuten das berüchtigte Signal abgibt, und der dann scheinbar genervt auf das Display blickt? Denn der Empfang möglichst vieler Kurzmitteilungen ist auch ein Hinweis auf den sozialen Status des Empfängers. Der Inhalt der elektronischen Botschaft ist zweitrangig, was zählt, ist - möglichst beständiges - Piepen!
Kathleen Niebl (15.06.2006)
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